Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Mein Kind hat Typ-1-Diabetes - was tun?

Wenn das Kind Diabetes Typ 1 hat, ändert sich für Familien alles. Jetzt heißt es Zuckerwerte messen und Schulungen besuchen. Trotzdem sollte alsbald Normalität einkehren, raten Experten.



Insulin
Das Spritzen von Insulin ist vor allem für Kinder zu Beginn oft gewöhnungsbedürftig, wird aber schnell zur Routine.   Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

Die ersten Anzeichen scheinen banal: Das Kind trinkt sehr viel und muss nachts häufig auf die Toilette. Dabei wirkt es zunehmend abgeschlagener und müder, verliert an Gewicht. All das könnte für Diabetes Typ 1 sprechen.

Das viele Trinken falle gerade im Sommer erst einmal nicht so auf, weiß Martin Holder. Er leitet am Klinikum Stuttgart die Schulungs- und Behandlungseinrichtung für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. «Häufig freuen sich die Eltern noch darüber.»

Die Symptome werden häufig zu spät erkannt, wie Prof. Andreas Neu erklärt. Das führt zu einer Stoffwechsel-Entgleisung. Der Blutzucker steigt erheblich, es werden Säuren produziert, die den Körper übersäuern. «Zellen und Organe werden in ihrer Funktion gelähmt oder funktionsuntüchtig», führt der Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft aus.

Kinderklinik als erste Station

Die Diagnose ist meist recht schnell gestellt, ein Blut- oder Urintest bringt Klarheit. Die Familien jedoch trifft die chronische Krankheit hart. «Das Leben ändert sich schlagartig», sagt Holder. In der Regel gingen die Kinder besser damit um, erklärt Bernhard Kulzer, Fachpsychologe für Diabetes.

Wichtig nach der Diagnose ist die rasche Einweisung in eine Kinderklinik, um die Insulin-Versorgung einzustellen. Die ersten Tage gilt es, die Stoffwechselverhältnisse zu normalisieren.

Dann erst beginnt die Schulung der Eltern und des Kindes. Wie messe ich meinen Blutzucker? Auf was muss ich beim Essen achten? All diese Fragen werden dabei geklärt. Meist bedeute das einen 14-tägigen stationären Aufenthalt, sagt Holder.

Nicht in die Schuldfalle tappen

Die Anfangsphase sei entscheidend für den Umgang mit der Krankheit, erläutert Kulzer. Wie überwinden die Eltern gemeinsam diesen Schock?

Trotz intensiver Forschung ist nicht sicher, wie dieser Diabetes-Typ entsteht. Gewisse Strukturen des Immunsystems seien durchaus erblich, berichtet Kulzer, die hätten jedoch viele Menschen, die dann nicht an Diabetes erkranken. Gerade deshalb müssten Eltern aufgeklärt werden, um gar nicht erst die Schuld-Frage zu stellen. «Irgendwann fängt aber jeder an, mit der Krankheit zu hadern», sagt Holder. In den Kliniken gehört daher eine psychosoziale Begleitung oft mit zum Programm.

Therapiert wird Diabetes Typ 1 meist durch Insulin-Spritzen oder eine Insulin-Pumpe. Wird das Kind über eine Pumpe versorgt, muss der Katheter alle zwei bis drei Tage gewechselt werden. «Zu Beginn ist der Mehraufwand natürlich noch groß und wird häufig als Belastung empfunden», legt Neu dar. Schnell werde das Zuckermessen, Abschätzen der Kohlenhydrate und Spritzen aber zur Routine.

Normalität im Alltag entscheidend

Kulzers wichtigster Tipp lautet daher: Normalität. Sein Team rate Eltern, es langsam angehen zu lassen. Er empfiehlt, offen mit der Krankheit umzugehen und auch das Kind offen damit umgehen zu lassen. Neu plädiert für eine gute Balance zwischen Kontrolle, Überwachung und Einschränkung auf der einen Seite und der Stärkung von Eigenverantwortlichkeit und Freiheit auf der anderen Seite.

Geschwister werden oft etwas vernachlässigt. «Der größte Fehler wäre, das kranke Kind in Watte zu packen oder ihm zu viel Aufmerksamkeit über die Erkrankung zu geben», warnt Kulzer. Holder empfiehlt, Geschwister bewusst mit einzubinden.

Selbsthilfegruppe für den Austausch

Den Experten zufolge ist es wichtig, auch etwa die Betreuenden in der Kita, im Kindergarten oder Lehrer aufzuklären. «Kinder denken, das sei ansteckend und wollen dann nicht mehr neben dem kranken Kind sitzen oder mit ihm spielen», sagt Neu.

Gerade für Klassenfahrten sollten Lehrer vorbereitet sein. Neu bietet an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Tübingen an, gute Freunde des Kindes vorher zu schulen. Die Experten raten Eltern, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich auszutauschen und Tipps zu geben. Das sei auch für die Kinder wichtig, um Gleichgesinnte zu treffen.

Veröffentlicht am:
02. 10. 2019
05:04 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Diabetes Eltern Familien Immunsystem Kinder- und Jugendmedizin Kinderkliniken Krankenhäuser und Kliniken Krankheiten Professoren Universitätskliniken
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Blutkrebs

28.05.2019

Wenn das Baby an Leukämie erkrankt

Leukämie ist die häufigste Krebsart bei Kindern. Für viele ist eine Stammzelltransplantation die letzte Chance auf Leben. Doch bei Levin Gebhardt reichte eine einzige nicht aus. » mehr

Prof. André Fischer

21.08.2019

Wie man mit erblich bedingten Krankheiten umgeht

«Das hast Du von Deinem Vater.» Dieser Satz fällt in mancher Familie öfter - nicht nur, wenn es um den Charakter geht, sondern auch um Krankheiten. Aber was ist erblich? Und was können Betroffene tun? » mehr

Prof. Markus M. Lerch

31.07.2019

Wenn die Bauchspeicheldrüse zickt

Die Bauchspeicheldrüse wird häufig übersehen. Störungen des Organs können aber durchaus gefährlich sein. Dabei muss es oft gar nicht so weit kommen. » mehr

Durchblick behalten

19.07.2019

Wie Sie den Durchblick im Medikamenten-Chaos behalten

Ein Medikament gegen Bluthochdruck, dazu ein Cholesterinsenker und abends das pflanzliche Einschlafmittel. Bei so vielen Medikamenten sprechen Experten von Polypharmazie. Und die kann gefährlich werden. » mehr

Karsten Noack

09.10.2019

Wie Sie sich beim Thema Krankheiten am besten verhalten

«Wie geht's?» Darauf antworten wenige ehrlich. Was aber, wenn doch? Wie reagieren, wenn die Nachbarin von ihrer Migräne erzählt - oder gar der Krebsdiagnose? » mehr

Muttermilch bei einer Frauenmilchbank

19.05.2019

Frauenmilchbanken helfen Frauen mit Stillproblemen

Blutspenden kennt jeder, aber Milch? Frisch gebackene Mütter können überschüssige Milch spenden. Besonders Frühchen profitieren davon. Die Idee von Milchbanken ist schon 100 Jahre alt. Nun erleben die Einrichtungen ein C... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
02. 10. 2019
05:04 Uhr



^