Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Das Geschäft mit dem Schlaf

Tablette, Technikgadget oder Spezialmatratze - bei Schlafstörungen haben Betroffene die Qual der Wahl. Denn mit dem Versprechen einer erholsamen Nacht wollen viele Anbieter Geld verdienen. Doch nicht alle Hilfsmittel sind laut Medizinern effektiv.



Schlaf
Rund um das Thema Schlaf hat sich eine Industrie etabliert, die nahezu alle Aspekte abdeckt.   Foto: Patrick Pleul/Illustration

Baldrian für zehn Euro, spezielle Decken für 200 Euro oder die Luxusmatratze für 8000 Euro - wer bei Schlafproblemen im Internet Hilfe sucht, bekommt den Eindruck, dass eine erholsame Nacht nicht zum Nulltarif zu haben ist.

Rund um das Thema Schlaf hat sich eine Industrie etabliert, die nahezu alle Aspekte abdeckt: Programme vermessen die Nachtruhe, Nahrungsergänzungsmittel sollen beim Einschlafen helfen, physische Hilfsmittel die Schlafqualität verbessern.

Dass Schlaf kommerzialisiert wird, sieht auch Hans-Günter Weeß vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) mit Sitz in Nordhessen so: «Das fällt auch leicht, weil es keine ausreichenden Gesundheitsangebote für Menschen mit Schlafstörungen gibt», sagt er. Das sei ein Armutszeugnis für das Gesundheitssystem. Weeß gilt als Experte in Sachen Schlaf. Er ist Leiter des interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum in Rheinland-Pfalz und Buchautor.

Nachtruhe

Die Nachtruhe genieße im Gegensatz zu früher einen größeren Stellenwert - auch durch die Forschung. «Wir können sehr gut belegen, dass Schlaf ein wichtiges Reparatur- und Regenerationsprogramm des Menschen ist», erklärt Weeß. Bei wie vielen Menschen dieses Programm nicht richtig läuft, ist umstritten. Weeß sagt: «Sechs Prozent der Bevölkerung leidet an behandlungsbedürftigen Ein- und Durchschlafstörungen. 70 Prozent leiden länger als ein Jahr, 50 Prozent länger drei Jahre.»

Wer Schlafstörungen hat oder glaubt, welche zu haben, greift oft zu Pillen. 228 Millionen Euro werden nach Auskunft des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller pro Jahr mit Schlaf- und Beruhigungsmittel umgesetzt - Tendenz steigend. Die Präparate sind in den Top 10 der umsatzstärksten rezeptfreien Mittel. «Aus schlafmedizinischer Expertensicht ist es so, dass wir nur die Produkte empfehlen können, deren Wirksamkeit belegt ist», sagt Weeß. Und betrachte man Studien, dann gebe es für viele pflanzliche Mittel keinen Wirksamkeitsnachweis. «Wenn etwas hilft, dann bei leichten Schlafstörungen am ehesten noch Baldrian hoch dosiert.»

Auch beim Gang in die Apotheke muss man genau hinschauen: «Jedes Arzneimittel ist geprüft und hat eine Zulassung», sagt Ursula Sellerberg, Pressesprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Dort erhältlich sind aber auch Nahrungsergänzungsmittel, zu denen auch Vitamine und Mineralstoffe zählen. Das Schlafhormon Melatonin beispielsweise gibt es in beiden Formen.

Melatonin

«Freiverkäufliches Melatonin scheint bei Ein- und Durchschlafstörungen nur zu helfen, wenn diese beim Jetlag auftreten», erklärt Schlafmediziner Weeß. Verschreibungspflichtige Schlafmittel wirken zwar eher, können aber gefährlicher werden. «Primäre Schlafmittel, sogenannte Benzodiazepine und auch Z-Substanzen, können zur Gewöhnung und Abhängigkeit führen.»

Physische Einschlafhilfen sind zum Beispiel schwere Decken, die ein Wohlgefühl erzeugen sollen. Die Wirkung solcher Hilfsmittel ist nicht belegt, wirken können sie trotzdem. «Alles was zur gedanklichen, emotionalen und körperlichen Entspannung in der Bettsituation führt, kann helfen», sagt Weeß.

Matratzen-Hersteller profitieren relativ wenig von der neuen Wertschätzung des Schlafs. Nach Angaben des Fachverbands der Matratzenindustrie ist gesunder Schlaf zwar das wichtigste Verkaufsargument, trotzdem schwankt der Einzelhandelsumsatz von Jahr zu Jahr. «Es passiert das, was man auch in vielen Branchen beobachten kann: Die Mitte bricht weg», sagte eine Sprecherin. Der Markt teile sich zunehmend in Billiganbieter und Hersteller im oberen Preissegment.

Fitnessarmbänder

Einen Boom gab es bei Fitnessarmbändern. 26 Prozent der Deutschen verwenden sie laut Digital-Branchenverband Bitkom. Die Erfassung von Schlaf und Schlafqualität gehört zu den Funktionen der Geräte. Schlafmediziner sind nicht begeistert. Sich verstärkt selbst zu beobachten, sei kontraproduktiv: «Anspannung ist der Feind des Schlafes», erklärt Weeß. Zudem beruhten die meisten Schlaftracker auf Bewegungs- und Pulsmessungen, abhängig von der Tageszeit. «Das sind aus meiner Sicht »Steinzeitmethoden« der Schlafforschung.»

Erste Wahl bei der Behandlung von Schlafstörungen sind laut Weeß mittlerweile Schlafkurse. «Auch da nimmt der Markt zu. Es ist wichtig, sich an Personen zu wenden, die die psychotherapeutische und schlafmedizinische Qualifikation haben.» Bei den Kursen mache man den

Patienten «zur eigenen Schlaftablette», zum Beispiel mit Entspannungstraining, Gedankenstopptechniken und Bettzeitenrestriktionen. In zwei Tagen Intensivkurs könne man Zweidrittel der Teilnehmer zu einem deutlich besseren Schlaf verhelfen. 200 Euro müssen Teilnehmer dafür zahlen - auch hier ist Schlaf eben ein Geschäft.

Veröffentlicht am:
21. 06. 2019
09:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Apotheken Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände Durchschlafstörungen Hans Günther Medikamente und Arzneien Pharmafirmen Psychotherapie Schlafforschung Schlafmedizin Schlafmittel Schlafstörungen Tabletten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Zurücklehnen

17.07.2019

Gibt es das ideale Kopfkissen?

Nachts tanken wir Kraft für den nächsten Tag. Doch das gelingt nur, wenn Körper und Geist wirklich zur Ruhe kommen. Und dafür braucht es ein gutes Kissen. Das zu finden, ist gar nicht so schwer - wenn man auf seinen Körp... » mehr

Frau im Bett

10.10.2019

Wie schlechter Schlaf der Seele schadet

«Mist, schon Mitternacht - und ich bin immer noch wach.» Dann ist es eins, dann zwei, dann plötzlich Morgen. Wer das jede Nacht mitmacht, kann ernsthaft krank werden. Doch es gibt Gegenmittel. » mehr

Schlafwandeln

28.08.2019

Das geheime Leben der Schlafwandler

Das kann ich doch im Schlaf - bei manchen Zeitgenossen trifft das tatsächlich zu. Egal ob putzen, kochen oder gar Autofahren: Was die Betroffenen nachts so treiben, ist erstaunlich. Und mitunter ziemlich gefährlich, auch... » mehr

Jens Spahn

11.07.2019

Helfen Apps, die Gesundheitsversorgung zu verbessern?

Gesundheitsminister Jens Spahn will die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben. Welche Apps könnten heute schon hilfreich sein und welche sind eher kritisch zu betrachten? » mehr

Kai-Peter Siemsen

03.07.2019

Viele Tipps rund um den Beipackzettel

«Selten: Herzinfarkt». Bei Kopfschmerztabletten? Soll ich die dann überhaupt nehmen? Beipackzettel sollen dem Patienten helfen - und verunsichern oder überfordern doch oft eher. Experten raten daher: Im Zweifel lieber na... » mehr

Hans-Michael Mühlenfeld

19.07.2019

Wie Sie den Durchblick im Medikamenten-Chaos behalten

Ein Medikament gegen Bluthochdruck, dazu ein Cholesterinsenker und abends das pflanzliche Einschlafmittel. Bei so vielen Medikamenten sprechen Experten von Polypharmazie. Und die kann gefährlich werden. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
21. 06. 2019
09:58 Uhr



^