Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Wenn die Zahnarzt-Angst zur Krankheit wird

Es gibt Angst vor dem Zahnarzt. Die kann so schlimm sein, dass sie krankhaft ist. Die Betroffenen müssen zum Psychotherapeuten - möglichst bevor die ersten Zähne faulen.



Frau beim Zahnarzt
Nur etwas Bammel - oder ausgewachsene Panik? Die Angst vor dem Zahnarzt kann zur Krankheit werden.   Foto: Benjamin Nolte » zu den Bildern

Niemand geht gerne zum Zahnarzt. Doch eine echte Behandlungsphobie geht noch weit darüber hinaus.

«Bei einer Zahnbehandlungsphobie erscheinen Betroffene erst gar nicht in der Praxis und das oft über viele Jahre hinweg», sagt Prof. Peter Jöhren. Der Fachzahnarzt für Oralchirurgie ist Leiter der Zahnklinik Bochum.

Psychosomatische Angsterkrankung

Nach Angaben der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) leiden fünf bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland unter einer Zahnbehandlungsphobie. Dabei handelt es sich um eine psychosomatische Angsterkrankung. Betroffene geraten regelrecht in Panik, wenn sie auch nur an den Besuch beim Zahnarzt denken. «Das kann sich beispielsweise in Form von Schweißausbrüchen, Herzrasen, Schwindel und Kreislaufproblemen äußern», erklärt Thomas Wolf. Er ist Oberarzt an der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin an der Universität Bern.

Es gibt mehrere mögliche Ursachen der Angst. «Oft ist es der erlebte Schmerz vor, während und nach einer Zahnbehandlung, der bei betroffenen Patienten zur Vermeidung führt», erklärt Jöhren. In einer Studie gaben 86 Prozent der betroffenen Patienten an, dass sie traumatisierende Erfahrungen im Behandlungsstuhl erlebt hätten - zu 70 Prozent in der Kindheit.

Nichtbehandlung kann schwere Folgen haben

Was also tun? Einfach nicht hingehen ist schließlich keine Option: Entzündete Zähne, die über einen längeren Zeitraum unbehandelt bleiben, können fatale Folgen haben - vom Schmerz mal ganz abgesehen. «Möglich sind ernsthafte akute und chronische Erkrankungen», sagt BZÄK-Vizepräsident Prof. Dietmar Oesterreich. So können Bakterien über den befallenen Zahn hinaus bis tief in die Kieferknochen eindringen. Über den Blutkreislauf kann es so zu einer manchmal lebensbedrohlichen Entzündung im Körper kommen.

Ohne Behandlung der Phobie geht es also nicht. «Das ist aber nicht Aufgabe von Zahnärzten, sondern von ausgebildeten Psychotherapeuten», sagt Wolf. Bei akuten Schmerzen, die eine zahnärztliche Therapie unaufschiebbar machen, kann der Angstpatient gegebenenfalls unter Sedierung oder unter Vollnarkose gesetzt werden.

Vollnarkose ist keine Lösung

«Eine Vollnarkose sollte aber nur bei akut notwendiger Behandlung durchgeführt werden», sagt Oesterreich. Denn so ist die Phobie nicht überwunden - und damit auch nicht das Problem, was sich womöglich dahinter verbirgt.

Letztendlich kann nur ein Psychotherapeut mit dem Patienten den passenden Weg aus der Phobie finden. Betroffene können beispielsweise ein sogenanntes Anti-Angst-Training absolvieren. Dabei werden Patienten von einem Therapeuten behutsam an die Situation beim Zahnarzt herangeführt. «Beim ersten Zusammentreffen ist es wichtig, mit Informationen und Empathie das oft beim Patienten verloren gegangene Vertrauen gegenüber dem Zahnarzt wiederaufzubauen«, erklärt Jöhren.

Patient muss Bedürfnisse äußern

Einfühlsam sollte sich der Arzt nach den Wünschen des Patienten erkundigen und diese aufschreiben, damit sie bei der Behandlung nicht in Vergessenheit geraten. «Manchen Patienten hilft es etwa, wenn sie während der Behandlung über Kopfhörer ihre Lieblingsmusik hören oder einfach Entspannungsmusik im Hintergrund», sagt Wolf.

Heutzutage ist aufgrund moderner Verfahren in aller Regel eine schmerzfreie Zahnbehandlung möglich. «Damit die Psychotherapie dauerhaft Erfolg hat, ist entscheidend, dass der Patient bei den zahnärztlichen Behandlungen keine schlechten Erfahrungen macht», betont Jöhren. Schon kleinste Verstöße gegen die Abmachungen zwischen Therapeut, Zahnarzt oder Patient können zu erneutem Abwehrverhalten führen, warnt Jöhren: «Das Versprechen der schmerzfreien Behandlung darf keinesfalls gebrochen werden.»

Veröffentlicht am:
08. 05. 2019
04:37 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angst Bundeszahnärztekammer Krankenhäuser und Kliniken Panik Patienten Psychosomatik Psychotherapeuten Psychotherapie Thomas Wolf Zahnklinik Bochum Zahnkliniken Zahnärztinnen und Zahnärzte Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Wie von Sinnen

08.08.2019

Was tun bei Panikattacken?

Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche: Eine Panikattacke kann jeden treffen und wirkt auf den Betroffenen oft bedrohlich. Doch ab wann sollte man Experten einschalten? Und kann man selbst etwas dagegen tun? » mehr

Psychotherapie

14.08.2019

Psychotherapie: Welches Verfahren passt zu wem?

Die Ängste oder die Niedergeschlagenheit nehmen überhand, eine Psychotherapie scheint angebracht. Aber wie finden Interessierte einen passenden Therapeuten? Und welche Form der Therapie ist geeignet? » mehr

Wolfgang Boer

19.06.2019

So funktioniert das Zahn-Bleaching

Kaffee, Rotwein oder Nikotin hinterlassen ihre Spuren am Gebiss. Mit Bleaching lassen sich Zähne wieder aufhellen. Die Kasse zahlt dafür allerdings nicht - und der Effekt hält auch nicht ewig. » mehr

Erste Hilfe mit Hypnose

02.10.2019

Welche Vorteile Hypnose bei Erster Hilfe bringt

Notfallpatienten haben oft große Angst. Ihr Herz rast, der Blutdruck steigt, was gefährliche Folgen haben kann. Eine Bremer Notärztin setzt zur Beruhigung auf Hypnose. » mehr

Ärztlicher Bereitschaftsdienst

14.08.2019

Warum die 112 nicht immer die beste Wahl ist

Kann jemand plötzlich kaum atmen, gehört er in die Notaufnahme. Aber was, wenn die Lage weniger klar ist? Die Notrufnummer 112 ist nicht immer die beste Lösung. » mehr

Chronischer Schmerz

04.06.2019

Das Kreuz mit dem chronischen Schmerz

Schmerzen hat jeder mal. Doch was, wenn sie nicht wieder weggehen - ohne dass es eine klare Ursache dafür gibt? Dann sprechen Experten von chronischem Schmerz. Für Betroffene beginnt damit oft ein langer Leidensweg. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 05. 2019
04:37 Uhr



^