Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

 

Wenn nach einem Schlaganfall die Worte fehlen

Die Sprachstörung Aphasie ist kaum bekannt. Den Betroffenen liegen die richtigen Worte auf der Zunge, aber sie können sie nicht äußern. Außenstehende halten die Patienten manchmal für verstockt, depressiv oder gar geistig behindert.



Therapie
Daniela Kraune (l), Sprachheilpädagogin und Leiterin Sprachtherapie an der Klinik Niedersachsen, betreut einen Patienten.   Foto: Holger Hollemann

In der Klinik Niedersachsen helfen Karten mit bunten Bildern Schlaganfall-Patienten, ihre verlorenen Worte wiederzufinden. Auf einer Karte ist ein Affe abgebildet, auf einer anderen eine Banane.

Der Mann mit den kurz geschorenen grauen Haaren beugt sich über den Tisch und legt mit kleinen Holzbuchstaben das Wort Elefant. Es ist in seinem Kopf, aber es fällt ihm schwer, es auszusprechen. Im Herbst hat der 55-Jährige aus dem Kreis Nienburg einen Schlaganfall erlitten, im Aphasie-Zentrum der Klinik in Bad Nenndorf macht er täglich Fortschritte. Der großgewachsene Manager ist ein offener Typ, er lacht viel und versucht, so gut er kann, sich mitzuteilen. Dabei stößt er immer wieder an seine Grenzen.

Mehr als 100 000 Menschen in Deutschland haben eine Aphasie, die meisten von ihnen als Folge eines Schlaganfalls. Im schlimmsten Fall können sie sich gar nicht mehr äußern oder nur noch Ja und Nein sagen. Andere vertauschen Laute und Wörter, können keine ganzen Sätze mehr bilden oder haben Wortfindungsstörungen. Eine Aphasie betrifft oft auch das Verstehen, Lesen und Schreiben. Es ist aber keine Denkstörung, die Patienten sind geistig völlig klar und haben auch ihr zuvor erworbenes Wissen noch parat.

«Das ganze Ausmaß der Aphasie ist in der Bevölkerung viel zu wenig bekannt», sagt der Chefarzt der Neurologie der Klinik Niedersachsen, Hans Jörg Stürenburg. Gegen die Sprachstörungen gebe es keine Medikamente. Wichtig sei, möglichst früh mit einer intensiven Sprachtherapie zu beginnen. «Viele Betroffene tragen schwer daran, sozial ausgegrenzt zu werden», berichtet Sprachheilpädagogin Daniela Kraune. «Sie werden oft abgestempelt, nach dem Motto: «Der ist betrunken, nicht ganz dicht oder behindert».»

Anlässlich des Tages gegen den Schlaganfall am 10. Mai weist der Bundesverband Aphasie darauf hin, dass Patienten mit Sprachstörungen häufig bürokratische Hürden zu überwinden haben. Nach der Entlassung aus der Reha-Klinik müssten die Genehmigung einer intensiven ambulanten Sprachtherapie und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen einfacher werden, fordert die Geschäftsführerin des Selbsthilfeverbandes, Dagmar Amslinger.

Eine 2017 im Fachmagazin «Lancet» veröffentlichte Studie unter Leitung von Sprachforschern der Universität Münster belegt, dass die intensive Sprachtherapie für Aphasie-Patienten auch dann noch wirkt, wenn der Schlaganfall ein halbes Jahr oder länger zurückliegt. Nicht betroffene Hirnbereiche übernehmen die Funktion des zerstörten Sprachzentrums, das bei den meisten Menschen in der linken Hirnhälfte liegt. Einige Patienten sind zwar fast völlig verstummt, können aber noch Volkslieder anstimmen, Floskeln äußern oder fluchen, denn diese sind meist in der rechten Hirnhälfte abgespeichert.

In der Bad Nenndorfer Reha-Klinik bekommen schwer betroffene Patienten bis zu zehn Stunden wöchentlich Sprachtherapie: allein, in Gruppen, computergestützt und als Alltagstraining, etwa beim Einkaufen.

Im Aphasie-Regionalzentrum-Klinik Niedersachsen trifft sich zudem einmal im Monat eine Selbsthilfe-Gruppe, zu der Betroffene und deren Angehörige gehören. Bei Marion Schlüchtermann etwa liegt der Schlaganfall schon fast zehn Jahre zurück. Der 51-Jährigen ist nicht anzumerken, dass sie komplett neu sprechen lernen musste. Sie wirkt topfit, deshalb wird in ihrer Umgebung häufig vergessen, dass sie nicht mehr so belastbar ist wie früher.

Auch Maraike Coith hat sich nach einem Reitunfall 2011, bei dem sie ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, zurückgekämpft. Anfangs habe sie mitunter sogar Nicken und Kopfschütteln verwechselt, berichtet ihr Ehemann. Inzwischen hat das Paar einen kleinen Sohn, die 39-Jährige arbeitet wieder. Nur manchmal, zum Beispiel vor wichtigen Telefongesprächen, überfällt Maraike Coith die Panik aus der Zeit, als ihr die Worte fehlten: «Mein Gehirn war wie eine Kommode mit vielen Schubladen, aber ich wusste nicht mehr, in welcher das Wort, das ich suchte, abgelegt war.»

Veröffentlicht am:
09. 05. 2018
05:33 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alkoholeinfluss Betrunkenheit Bundesverbände Depressionen Geistige Behinderungen Logopädie Patienten Rehabilitationskliniken Schlaganfallpatienten Sprachstörungen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Stroke Mobile

10.05.2019

Über die Erfolge bei der Schlaganfall-Hilfe

Noch vor 30 Jahren konnte ein Schlaganfall das Ende sein. Daran hat sich viel geändert. Noch immer aber zählt jede Minute. Es gibt viele Projekte, wie Hilfe noch schneller kommen kann. » mehr

«Flying Intervention Team»

27.02.2019

Ärzte kommen per Heli zum Schlaganfall-Patienten

Wenn ein Helikopter an einem Krankenhaus landet, bringt er meist schwer kranke Patienten zur raschen Behandlung. In München haben Ärzte das Szenario bei Schlaganfällen umgedreht: Sie fliegen zu ihren Patienten. » mehr

Prof. Dr. Ulrich Hegerl

19.12.2018

Wann eine Online-Therapie sinnvoll ist

Psychologische Hilfe gibt es mittlerweile auch online. Solche Angebote helfen, wenn andere nicht verfügbar sind oder die Betroffenen sie nicht nutzen können. Allein gelassen werden darf der Patient dabei aber nicht. » mehr

Sonja Utikal

13.03.2019

Wie Logopäden dem Sprechen auf die Sprünge helfen

Nach dem Babybrabbeln kommt das erste Wort, dann folgen die ersten Sätze. Eltern müssen Kindern das Sprechen nicht beibringen - sie können aber auf einiges achten, damit es von alleine klappt. Gibt es dabei Probleme, hil... » mehr

Prof. Dr. med. Armin J. Grau

26.09.2018

Bei Schlaganfall sofort reagieren

Nach einem Schlaganfall beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Je frühzeitiger die Behandlung erfolgt, desto größer sind die Chancen, dass der Betroffene überlebt - und keine bleibenden Schäden davon trägt. » mehr

Andreas Seebeck und Jelle Homrighausen

27.02.2019

Wenn Schmatzen und Schlürfen zur Folter werden

Das Krachen der Nachos wird zur Qual, das Knacken der Möhren zum Horrortrip. Und erst das Schniefen zwischen jedem Biss in den Burger: Es provoziert grenzenlose Wut. Wer bei Ess-Geräuschen seiner Mitmenschen durch die Hö... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
09. 05. 2018
05:33 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".