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Wenn Diabetes die Netzhaut zerstört

Durch hohen Blutzucker können kleinste Gefäße im Auge Schaden nehmen. Wenn die Diagnose Diabetes gestellt wird, ist die Netzhaut oft schon verändert. Doch es hakt bei der Vorsorge, sagt ein Experte.



Untersuchung beim Augenarzt
Unbehandelt kann eine Retinopathie zu Blindheit führen.   Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/Illustration » zu den Bildern

Die Netzhaut im Auge kann durch einen Diabetes schweren Schaden nehmen. Das Tückische: Lange Zeit bemerken Betroffene die diabetische Retinopathie - so der Fachbegriff - nicht. Treten Sehstörungen auf, sind die Schäden oft weit fortgeschritten, so dass eine Sehbehinderung oder gar eine Erblindung droht.

Doch man kann vorbeugen, sagt Prof. Hans-Peter Hammes. Der Diabetologe am Universitätsklinikum Mannheim ist Experte für diabetische Retinopathie. Er betont: Neben einer guten Einstellung des Blutzuckers und des Blutdrucks seien Vorsorgeuntersuchungen, sogenannte Screenings, zentral beim Kampf gegen die Krankheit.

Untersuchung beim Augenarzt

Jeder Typ-2-Diabetiker sollte sich sofort nach Diagnosestellung beim Augenarzt untersuchen lassen, rät Hammes und kritisiert: «30 Prozent werden gar nicht untersucht.» Also auch nicht nach Jahren. Bei dem Screening gibt ein Augenarzt rechts und links Tropfen ins Auge, die die Pupille weiten, und schaut mit optischen Geräten nach dem Zustand der Netzhaut.

Kinder seien mit Blick auf diese Screenings ein Sonderfall. Sie sollte man weitgehend mit solchen Untersuchungen in Ruhe lassen, zumindest in den ersten Jahren nach Diagnose eines Diabetes, sagt Hammes. «Bei längerer Dauer, also ab mehr als fünf Jahren Diabetes, sollte man aber mal nachschauen.»

Frühzeitige Behandlungen mit Laser oder Spritze

Was macht man, wenn die Retinopathie frühzeitig erkannt wird? «Dann gilt es, auf das Auge aufpassen», so Hammes. «Wenn weitere Blutgefäße geschädigt werden oder die Stelle des schärfsten Sehens anschwillt, kann man frühzeitig mit Behandlungen, etwa Lasertherapien oder Spritzen ins Auge, eingreifen.» Der Mediziner betont: «Wer nicht behandelt wird, dem droht Erblindung.» Heilbar ist die Netzhaut-Erkrankung nicht.

Es geht nicht nur um die Sehkraft: Eine diabetische Retinopathie sei auch ein Indiz für Krankheiten des Gefäßsystems und schon im frühen Stadium ein Biomarker für ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, führt Hammes aus.

Veränderungen oft schon bei Diabetes-Diagnose

Laut der Deutschen Diabetes-Hilfe weisen bis zu einem Drittel aller Typ-2-Diabetiker bei der Diagnose schon eine leichte Veränderung der Netzhaut auf. Bei der Retinopathie werden feine Blutgefäße in der Netzhaut unwiderruflich geschädigt - dies führt dazu, dass die Sehzellen nicht mehr ausreichend durchblutet werden.

Hammes kritisiert, dass das Interesse und der Kenntnisstand zu diesem Thema in den vergangenen Jahren schwinden. Aus Sicht des Diabetologen müssten Patienten, Hausärzte und Augenmediziner wieder sensibler für die diabetische Retinopathie werden.

Tipps zum Umgang mit Diabetes-Folgen

Ein Diabetes kann auch andere Folgeerkrankungen auslösen. Besonders häufig entwickeln Betroffene zum Beispiel ein diabetisches Fußsyndrom - laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben das im Laufe ihres Lebens zwei bis drei von zehn Diabetikern.

Oft steht in Folge dessen irgendwann eine Amputation im Raum, von einzelnen Zehen oder dem gesamten Fuß. Man sollte sich aber vorher stets eine zweite Meinung einholen, ob die Amputation nicht vielleicht doch vermeidbar ist, rät das Institut.

Der Grund: Bei größeren Wunden am Fuß beraten Ärztinnen und Ärzte den Angaben nach sehr unterschiedlich. Manche rieten schneller zu einer Amputation von Zehen oder des ganzen Fußes, andere seien zurückhaltender.

Am Ende muss der Patient selbst entscheiden. Um bei dieser schwierigen Abwägung zu helfen, stellt das IQWiG online eine Art Entscheidungshilfe zur Verfügung. Das Dokument fasst übersichtlich zusammen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie sich eine Amputation unter Umständen vermeiden lässt.

Sexuelle Probleme als Tabuthema

Ein weiteres verbreitetes Problem - über das allerdings kaum jemand gern spricht - ist eine gestörte Sexualfunktion. Darauf weist die Deutsche Diabetes-Hilfe hin. Demnach haben Männer oft Probleme, eine Erektion zu bekommen, während Frauen über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr klagen oder mit generellem Libido-Verlust zu kämpfen haben.

Viele sexuelle Beschwerden seien gut behandelbar. Das Problem sei aber, dass eine Menge Betroffener diese aus «falsch verstandenem Schamgefühl» beim Arztbesuch nicht ansprechen würden.

Bei Frauen könne eine Überprüfung des Hormonstatus sinnvoll sein - gegebenenfalls bessern dann hormonelle Ersatztherapien die Situation. Die Verwendung von Gleitgel sei ein weiteres, einfaches Mittel, das helfen könne, so die Gesundheitsorganisation.

Erektionsstörungen bei Männern wiederum sind durch Medikamente behandelbar - Vakuumpumpen oder die Implantation einer Penisprothese «als letzte Möglichkeit» sind weitere Ansätze.

Infos rund um die Krankheit

Wer sich über die Erkrankung informieren möchte, kann online das Portal « diabinfo.de » ansteuern. Das wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betrieben und liefert Antworten auf Fragen rund um die Risikofaktoren, die Behandlung, die möglichen Folgeerkrankungen und den Alltag mit Diabetes Typ 1 und Typ 2.

Das Portal steht jetzt auch in türkischer Sprache zur Verfügung. Weitere Sprachen sollen folge. Nach BZgA-Angaben haben rund sieben Millionen Menschen in Deutschland Diabetes.

© dpa-infocom, dpa:201111-99-297739/2

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14. 11. 2020
04:14 Uhr

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