Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

 

Covid-19 könnte bei Kindern schwere Entzündungen verursachen

Mediziner melden aus mehreren Ländern schwer erkrankte Kinder mit bestimmten Entzündungen. Gibt es einen Zusammenhang mit Covid-19? Eine Studie bringt mehr Klarheit.



Coronavirus und Kinder
In mehreren europäischen Ländern sind bei Kindern ungewöhnlich schwere Erkrankungen festgestellt worden. In einigen Fällen wurde das Coronavirus nachgewiesen. Die Zahlen sind allerdings sehr niedrig.   Foto: Christin Klose/dpa-tmn/dpa

Weltweit gibt es Berichte über schwere Entzündungen bei Kindern im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. Nun beleuchtet eine Studie aus Bergamo , dem Zentrum der Pandemie in Italien, die charakteristischen Merkmale der seltenen Entzündungskrankheit, die dem sogenannten Kawasaki-Syndrom ähnelt.

Wie die Ärzte im Fachblatt «The Lancet» berichten, könne diese tatsächlich mit Covid-19 in Verbindung stehen - die Mediziner betonen aber, dass nur ein geringer Anteil jüngerer Patienten betroffen ist.

Überreaktion des Immunsystems

In der Regel verläuft eine Corona-Infektion bei Kindern eher mild. Doch in einigen wenigen Fällen kann die Erkrankung anscheinend zu Symptomen führen, die an das Kawasaki-Syndrom, eine seltene Kinderkrankheit, erinnern. Dieses Syndrom führt zu einer Überreaktion des Immunsystems, die vermutlich durch Bakterien oder Viren ausgelöst wird.

Dass auch das Corona-Virus eine derartige Überreaktion bewirken kann, ist von Erwachsenen bereits bekannt. Eine direkte Verbindung zwischen Kawasaki und Covid-19 wurde indes noch nicht belegt. Allerdings gibt es mittlerweile Berichte aus mehreren Ländern über Kinder, bei denen entzündete Blutgefäße, Hautausschläge und Fieber auftreten - Symptome, die einer Kawaski-Erkrankung zumindest ähneln.

Ärzte aus dem «Papa Giovanni XXIII»-Krankenhaus in Bergamo haben nun die Fälle von Kindern, die zwischen dem 18. Februar und dem 20. April derartige Krankheitsmerkmale zeigten, mit Kawasaki-Fällen in der Region aus den fünf Jahren vor Beginn der Pandemie verglichen. Insgesamt gab es demnach zwischen Januar 2015 und Mitte Februar dieses Jahres 19 Fälle von Kawasaki. In den zwei Monaten seither wurden bereits 10 Kinder mit Kawasaki-ähnlichen Symptomen behandelt, was den Studienautoren zufolge einer 30-fachen Zunahme entspräche - wobei die Mediziner selbst darauf hinweisen, dass es schwierig sei, auf Grundlage solch geringer Zahlen valide Schlussfolgerungen zu ziehen.

Unterschiede zum Kawasaki-Syndrom

Acht der zehn Kinder, die nach dem 18. Februar ins Krankenhaus gebracht wurden, wurden in einem Antikörpertest positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Alle Kinder in der Studie überlebten, doch diejenigen, die während der Pandemie erkrankten, zeigten schwerwiegendere Symptome als jene aus den fünf Jahren zuvor. So kam es bei sechs der Kinder zu Herzkomplikationen, fünf hatten Anzeichen eines toxischen Schocksyndroms. Zudem mussten mehr von ihnen mit Steroiden behandelt werden als in der Gruppe vor Ausbruch der Pandemie. Ein weiterer Unterschied: Die Kinder, die während der Corona-Welle erkrankten, waren im Durchschnitt älter als diejenigen, bei denen zuvor Kawasaki diagnostiziert wurde. Aufgrund dieser Unterschiede plädieren die Autoren dafür, die Entzündungserkrankung als «Kawaski-ähnliches Syndrom» zu klassifizieren.

Tatsächlich zeige die italienische Studie ebenso wie eine ähnliche Zusammenfassung aus Großbritannien unterschiedliche Verläufe, die nur zu einem Teil einem typischen Kawasaki-Syndrom entsprächen, häufig aber ein sogenanntes atypischen Kawasaki-Syndrom darstellten, betont Johannes Hübner, stellvertretender Leiter der Kinderklinik an der Uni München, in einer unabhängigen Einordnung. «Ein atypisches Kawasaki-Syndrom zeigt einige sehr unspezifische Symptome, die wir bei vielen Virusinfektionen beobachten, wie beispielsweise Fieber und einen Hautausschlag.» Zudem sei der Zusammenhang mit Covid-19 bei einigen der berichteten Fälle unklar oder nicht gesichert.

Meldesystem für Verdachtsfälle in Deutschland

«Aus Deutschland haben wir bisher von keinen derartigen Häufungen von Fällen gehört», fasst Hübner zusammen, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) ist. Die DGPI sei gerade dabei, ein Meldesystem für Verdachtsfälle zu etablieren und werde die Situation aufmerksam beobachten. «Im Moment ist die Situation in Deutschland aber sicher nicht beunruhigend», so der Mediziner.

Der Berliner Virologe Christian Drosten machte am Donnerstag im NDR-Podcast deutlich, dass er keinen Grund zu Alarmismus sieht. Es handle sich um ein seltenes Phänomen, über das die internationale Kinderheilkunde nun beginne zu diskutieren. Drosten verwies auch auf die gute Behandelbarkeit.

Auch Russell Viner, Präsident des britischen Royal College für Kinderheilkunde und Kindergesundheit, beruhigt: «Obwohl der Artikel ein mögliches neu auftretendes entzündliches Syndrom im Zusammenhang mit Covid-19 vorschlägt, ist es wichtig - sowohl für Eltern als auch für Beschäftigte im Gesundheitswesen - erneut zu betonen, dass Kinder insgesamt nur minimal von der Sars-CoV-2-Infektion betroffen sind.»

Das Verständnis des Phänomens bei Kindern könne indes wichtige Informationen über Immunantworten auf Sars-CoV-2 liefern, die für Erwachsene und Kinder relevant sein könnten, so Viner. «Insbesondere, wenn es sich um ein durch Antikörper vermitteltes Phänomen handelt, kann dies Auswirkungen auf Impfstoffstudien haben und auch erklären, warum einige Kinder schwer an Covid-19 erkranken, während die Mehrheit nicht betroffen oder asymptomatisch ist.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
15. 05. 2020
13:03 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Entzündungen Immunreaktionen Immunsystem Kawasaki-Syndrom Kinderheilkunde Kinderkrankheiten Pandemien Virologen Viruserkrankungen Weltgesundheitsorganisation Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Blutabnahmeröhrchen

08.07.2020

Infektion bedeutet wohl nicht automatisch Immunität

Tests finden bei vielen Menschen kurz nach einer Corona-Infektion schon keine speziellen Antikörper mehr im Blut. Was heißt das für Herdenimmunität, Immunitätspässe und die Entwicklung von Impfstoffen? » mehr

Höheres Risiko für Männer bei Covid-19

23.06.2020

Covid-19: Rätsel um höheres Sterberisiko für Männer

Die Zahlen sind mittlerweile eindeutig: Männer sterben häufiger an der Coronavirus-Erkrankung. Aber warum? Wissenschaftler gehen verschiedenen Vermutungen nach. » mehr

Impfung

15.06.2020

Schützen zugelassene Lebendimpfstoffe vor Covid-19?

Bis zur Zulassung eines Corona-Impfstoffs werden noch viele Monate vergehen. Derweil könnten bereits zugelassene Lebendimpfstoffe das Covid-19-Risiko senken, vermuten Forscher. Doch welche Vakzine böte sich an? » mehr

Schwerer Krankheitsverlauf bei Covid-19

04.06.2020

Wie es Patienten nach Covid-19 geht

Die weitaus meisten Menschen überstehen eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 unbeschadet. Nach schweren Krankheitsverläufen kann das anders sein - doch noch ist wenig über das Ausmaß möglicher Folgeschäden bekan... » mehr

Frau mit einer Erkältung

18.12.2019

Besser als Medikamente: Gegen die Erkältung hilft nur Geduld

Die Nase trieft, der Hals ist rau, der Kopf schmerzt. Schlägt die klassische Erkältung zu, ist das unangenehm. Medikamente können die Symptome lindern - ohne Geduld geht es aber nicht. » mehr

Waschzwang in Zeiten von Corona

05.05.2020

Corona-Krise könnte bei mehr Menschen Waschzwang auslösen

Ausgiebiges Händewaschen, Abstand wahren: Was vor der Corona-Krise teils als zwanghaft angesehen wurde, ist nun Status quo. Experten befürchten eine Zunahme an Zwangserkrankten. Einer von ihnen ist der 20-jährige Jonas. » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
15. 05. 2020
13:03 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.