Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

 

Mit Arzneimittel-Mischungen gegen multiresistente Bakterien

Es ist eines der ganz großen Gesundheitsprobleme: Bakterien, denen kaum noch ein Antibiotikum etwas anhaben kann. Neue Wirkstoffe müssen her. Oder etwa doch nicht?



Resistente Keime
Helfen Arzneimittel-Mischungen gegen multiresistente Bakterien? Einige Kombinationen haben die erhoffte Wirkung, wie Forscher herausfanden.   Foto: Armin Weigel

Im Kampf gegen resistente Bakterien könnten bereits bekannte, aber mit anderen Stoffen aufgepeppte Medikamente helfen. Das haben Forscher um Ana Rita Brochado vom Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (Embl) in Heidelberg eindrücklich belegt.

Sie hatten im Labor getestet, wie knapp 3000 verschiedene Kombinationen von Antibiotika und anderen Mitteln auf Bakterien wirken. Den Forschern zufolge war es die bislang größte Untersuchung dieser Art. Dabei ging es um grundsätzliche Wechselwirkungen zwischen den untersuchten Stoffen, zu neuen Therapien ist es noch ein weiter Weg.

Antibiotikaresistente Bakterien sind nicht nur, aber vor allem für immungeschwächte Menschen eine Gefahr. Bei rund 500.000 neuen Tuberkulose-Fällen 2016 wirkten laut Weltgesundheitsorganisation WHO schon mindestens zwei Antibiotika nicht mehr, 250.000 Menschen sterben pro Jahr an resistenten Tuberkulose-Erregern. Auch gegen Lungenentzündung oder Harnwegsinfekte helfen gängige Antibiotika oft nicht mehr. Zugleich wird es für Forscher und Industrie immer härter, neue Waffen gegen die Bakterien zu entwickeln.

Das internationale Team kombinierte insgesamt 79 Stoffe - darunter Antibiotika, andere Medikamente und Nahrungsmittelzusätze - jeweils paarweise. Dann schauten die Forscher, wie drei Bakterienarten auf die Mischungen reagierten. Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli und Salmonella typhimurium sind bekannt dafür, besonders oft Resistenzen gegen Antiobiotika zu entwickeln.

Ergebnis: Die meisten getesteten Kombinationen schwächen die antibiotische Wirkung eher ab. In über 500 Fällen gab es aber einen verstärkenden Effekt, wie die Forscher im Fachblatt «Nature» berichten. Einige Paarungen wurden auch bei multiresistenten Bakterien getestet und zeigten ein positives Ergebnis.

Besonders stach den Forschern die Kombination des Antibiotikums Spectinomycin mit Vanillin ins Auge. Der Aromastoff sorge dafür, dass Spectinomycin leichter in die Bakterienzelle kommt und dort das Wachstum stoppt. Das Antibiotikum sei Anfang der 60er Jahre entwickelt worden, um gegen die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe, auch Tripper genannt, vorzugehen. Heutzutage sei das Mittel aber kaum noch im Einsatz, weil Bakterien resistent geworden seien. In Kombination mit Vanillin könnte Spectinomycin aber ein Comeback erleben. Bei anderen Antibiotika hatte der Aromastoff hingegen einen gegensätzlichen Effekt.

Die Forscher weisen darauf hin, dass noch viele weitere Tests und auch klinische Studien nötig sind, um die Effekte von Medikamentenmischungen auf den Menschen zu untersuchen.

Gänzlich neu sind die Erkenntnisse der Heidelberger Forscher nicht, wie der Infektiologe Winfried Kern vom Universitätsklinikum Freiburg betont. «Die Befunde sind größtenteils bekannt und in ähnlicher Form auch bereits mehrfach publiziert», stellt Kern, der nicht an der Studie beteiligt war, fest. Der Befund, dass Vanillin und Spectinomycin sich gegenseitig aktivieren, Vanillin aber ansonsten eher zur mehr Resistenz bei Antibiotika führt, sei aber interessant.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
12. 07. 2018
09:51 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Antibiotika Bakterien Resistente Bakterien Weltgesundheitsorganisation Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Resistente Keime

03.09.2018

90 Jahre Antibiotika - eine Wunderwaffe wird schwächer

Antibiotika sind ein Segen für die Menschheit, aber die Waffe gegen tödliche Infektionen droht 90 Jahre nach der Entdeckung des Penicillins stumpf zu werden. Die WHO schlägt Alarm. » mehr

Arzt misst Blutdruck

09.11.2018

Deutschland in Spitzengruppe bei medizinischem Personal

Eine der weltweit größten Gesundheitsstudien zeigt: Im globalen Vergleich geht es Deutschland ausgesprochen gut. Sorgen bereiten den Forschern vier Gesundheitsrisiken, die gut vermeidbar wären. » mehr

Antibiotikaresistente Keime

06.11.2018

33.000 Tote durch multiresistente Keime jährlich in Europa

Seit langem beklagen Experten, dass die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionen stumpf werden: Viele Bakterien entwickeln Resistenzen gegen Antibiotika. Nun zeigt eine Studie, wie groß die Bedrohung durch die widerstand... » mehr

Schwangerschaft

31.10.2018

Kurz aufeinanderfolgende Schwangerschaften bergen Risiko

Auch manche Frau über 35 Jahren möchte noch mehrere Kinder bekommen. Kanadische Forscherinnen empfehlen ihnen aber auch jüngeren Frauen eine Mindestpause zwischen zwei Schwangerschaften. Der nun geratene Abstand ist jedo... » mehr

Tuberkulose

23.03.2018

Der aufwendige Kampf gegen Tuberkulose

Hartnäckiger Husten, Fieber, Gewichtsverlust: so macht sich Tuberkulose bemerkbar. Mit 1,7 Millionen Todesfällen pro Jahr ist sie eine der häufigsten Todesursachen weltweit - und auch immer noch eine Herausforderung für ... » mehr

Softdrinks

05.04.2018

Steuern auf Softdrinks und Tabak sollen Krankheiten mindern

Sie sind Studien zufolge ungesund und tragen zur Armut bei: Softdrinks, Alkohol und Zigaretten haben nach neuesten Studien verheerende Auswirkungen. Forscher empfehlen konkrete Gegenmaßnahmen. » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
12. 07. 2018
09:51 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".