Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Wird Nachhaltigkeit beim Einkaufen wichtiger?

Satte Rabatte vor Weihnachten: Zum «Black Friday» hofft der Handel wieder auf viel Umsatz. Andere rufen den «Kauf-nix-Tag» aus. Wie entscheiden sich die Verbraucher?



Anna Schunck
Nachhaltigkeitsbloggerin Anna Schunck kauft ihre Kleidung meist in Second-Hand-Läden wie «The good store».   Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Dieses Kleid! Und die Stiefel erst! Und dennoch: Wenn Anna Schunck einen Schaufensterbummel macht, belässt sie es oft beim Gucken. Früher sei das anders gewesen, sagt die 38-Jährige. Da sei sie sogar in Mittagspausen losgegangen, um ein Outfit für den Abend zu kaufen.

«Den Wandel ausgemacht hat, glaube ich, ein Zu-Viel-Gefühl.» Inzwischen bloggt Schunck über Nachhaltigkeit und hält wegen des Klimawandels «Verzicht für alle» für geboten. Selbstkasteiung sei dabei nicht der Weg. Sie kaufe auch ab und an etwas, möglichst gebraucht, sagt sie vor dem Kauf-nix-Tag am 30. November.

Aufruf zum Konsumverzicht

Die Idee des symbolischen Konsumverzichts kam von einem kanadischen Künstler. Teils wird der Tag schon am 29. November begangen - parallel zum «Black Friday», dem Start ins Vorweihnachtsgeschäft mit satten Rabatten.

Braucht es den Aufruf zum bewussteren Konsum noch? In der Umfrage «Wissenschaftsbarometer 2019» stimmten 81 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Konsumeinschränkungen aller für den Erhalt der Umwelt nötig seien. Eine Berliner Bio-Supermarktkette warb mit dem Slogan «Kauf weniger». Und in sozialen Medien zeigen viele Menschen einen konsumkritischen oder gar minimalistischen Lebensstil.

«Wir sind irgendwo in einer Gesellschaft angekommen, die schon jenseits des Massenkonsums ist», sagte der Soziologe Heiko Schrader von der Universität Halle dem MDR. Die Leute hinterfragten, zumindest in bestimmten Schichten, «ob weiterer Konsum glücklich macht und dann eben, ob nachhaltige Produkte gehen». Eine Umfrage im Hinblick auf Weihnachten zeigte aber auch, dass bei den Geschenken keine Einschnitte zu erwarten sind: Die Verbraucher beabsichtigen, fast genauso viel auszugeben wie im Rekordjahr 2018: im Schnitt 281 Euro (Vorjahr: 282 Euro).

Doch Konsumlust statt Konsumverzicht also? Ingo Balderjahn, der an der Universität Potsdam über ethischen Konsum forscht, sagt, es gebe durchaus eine zunehmende Tendenz bei der Anzahl der freiwillig genügsamen Konsumenten - Menschen also, die trotz hohen Einkommens relativ wenig konsumieren. Etwa 15 Prozent der Deutschen zählten zu dieser Gruppe. Es gebe aber auch das entgegengesetzte Extrem: Menschen mit deutlich überdurchschnittlichem Konsum. Dieser sei oft stark vom Streben nach sozialer Anerkennung geprägt: Autos, hochwertige Elektronikartikel, generell «Produkte zum Angeben und Prahlen» würden angeschafft.

Glücksgefühl beim Kaufakt

Oft stehe hinter Käufen das Streben, etwas angeblich ganz Besonderes zu einem unglaublich günstigen Preis bekommen zu haben, sagt Balderjahn. «Für Schnäppchenjäger zählt häufig nicht der Besitz eines Produkts, sondern der Kaufakt an sich.» Anreize dafür weiß längst nicht nur der stationäre Handel zu setzen: In einer beliebten, stark auf Bilder setzenden Shopping-App etwa wird so gut wie jeder Artikel als stark reduziert angepriesen: minus 81, 86 oder gar 91 Prozent, abzüglich weiterer 10 Prozent mit Rabattcode.

«Das sind impulsive Entscheidungen in der aktuellen Reizsituation», erklärt Balderjahn dazu, warum Menschen bei solchen Angeboten zuschlagen. Teils bietet die Shopping-App Dinge, von denen man nicht ahnte, dass sie existieren: neonfarbene Beleuchtung für die Toilettenschüssel oder eine Maschine für Omelette-Röllchen etwa. Angesichts geringer Kosten nähmen die Käufer das Risiko in Kauf, dass die Billigware direkt im Müll landet. Ressourceneinsatz, Aufwand für Herstellung und Transport sowie Kohlendioxidausstoß - am Ende für die Tonne.

Das große Wegwerfen betrifft aber längst nicht mehr nur die Flut immer neuer sinnloser Billigprodukte. Selbst Dinge, die anders als etwa Kugelschreiber nicht von Beginn an als Wegwerfware konzipiert sind, seien heute eher kurzlebig, erläutert Wolfgang König in seinem Buch «Geschichte der Wegwerfgesellschaft». Die Lebensdauer eines einfachen Herrenschuhs etwa werde inzwischen auf ein Jahr geschätzt, die eines Damenschuhs sei noch kürzer. Und das bei 300 Millionen Paar verkauften Schuhen in Deutschland pro Jahr.

Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
10:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abfall Handel und Vertrieb Herrenschuhe Nachhaltigkeit Private Einkäufe Schuhe Social Media Universität Potsdam Verbraucherinnen und Verbraucher Wegwerfen Wegwerfgesellschaft Wolfgang König
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Christopher Meinecke

31.07.2019

So können Kunden bequemer shoppen

Online einzukaufen, ist praktisch. Unpraktisch wird es aber, wenn man die Hälfte der Sachen doch wieder zurückschicken muss. Ist das Einkaufen im Laden am Ende also doch besser? Oder wie sieht der goldene Mittelweg aus? » mehr

Black-Friday-Rummel

26.11.2019

Black-Friday-Rummel zieht sich in die Länge

Noch hat das Weihnachtsgeschäft gar nicht richtig begonnen, da lockt der Handel schon mit Sonderangeboten. Zahllose Rotstiftaktionen sollen am Black Friday die Kauflust der Verbraucher wecken. Doch die Sache hat ein paar... » mehr

Kassenbonpflicht

10.12.2019

Was die Bonpflicht für Händler und Verbraucher bedeutet

Schnell ein Brötchen in der Bäckerei oder ein Bier im Kiosk kaufen - künftig soll es dafür immer einen Kassenzettel geben. Die Regelung stößt auf heftige Kritik. Für die Betriebe ist die Bon-Pflicht dabei oft das kleiner... » mehr

Falsche Lastschriften

24.07.2019

Unrechtmäßig Geld abgebucht? So wehren sich Verbraucher

Immer wieder erfolgen unberechtigte Abbuchungen von Girokonten. Um das zu bemerken und dagegen vorzugehen, sollten Bankkunden regelmäßig kritisch ihre Kontoauszüge checken. » mehr

Wenn sich das Minus festsetzt

10.07.2019

Das sind die Alternativen zum Dispokredit

Steht das Girokonto im Minus, ist ein Dispokredit finanziell nicht immer die günstigste Variante. Die gute Nachricht: Verbraucher haben Alternativen. » mehr

«Moon Shoe» von Nike

08.08.2019

Der Turnschuh als Anlageobjekt

Jordan-Index statt Dax oder Dow Jones? Klingt skurril, doch begehrte Sportschuhe haben sich von Liebhaber- zu Anlageobjekten entwickelt. An Online-Börsen werden sie inzwischen wie Wertpapiere gehandelt. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
10:14 Uhr



^