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Warum Aktien bei den Deutschen so wenig gefragt sind

Sparen, sparen - nur wie, in Zeiten extrem niedriger Zinsen? Um die Börse machen die meisten Deutschen einen weiten Bogen. Ist das wirklich eine gute Idee?



Börse in Frankfurt
Deutsche Anleger halten sich eher von der Börse fern. Der Absturz der «Volksaktie» Telekom und das Platzen der New-Economy-Blase am Neuen Markt haben viele Menschen verschreckt. Foto: Frank Rumpenhorst  

Die Deutschen sind Spar-Weltmeister. Gefühlt zumindest. Tatsächlich legen sie relativ viel auf die hohe Kante: im Schnitt fast 10 Euro je 100 Euro verfügbares Einkommen. Doch der Ertrag ist oft mager. Anleger in anderen Ländern machen mehr aus ihrem Geld - trotz geringeren Einsatzes.

1940 Euro legten Privathaushalte in Deutschland nach Berechnungen des Versicherers Allianz in den Jahren 2012 bis 2015 auf die hohe Kante - pro Jahr und pro Kopf, ein Spitzenwert im europäischen Vergleich. Doch während Sparer in Finnland (nur 160 Euro Sparvolumen) ihr Erspartes nach Abzug der Inflation in dem Zeitraum jedes Jahr um 6,9 Prozent mehren konnten, brachten es die Deutschen gerade einmal auf 2,3 Prozent Rendite. Nur die Österreicher schnitten demnach im Vergleich von neun Euroländern mit 1,0 Prozent noch schlechter ab. Die Finnen halten etwa ein Drittel ihrer Ersparnisse in Form von Aktien - gut vier Mal so viel wie der Durchschnitts-Deutsche.

Die meisten Deutschen sind Börsenmuffel - nicht einmal die lange Zinsflaute hat daran etwas geändert. Gerade einmal jeder siebte Bundesbürger hält Aktien und/oder Aktienfonds. Nach einem kräftigen Zuwachs 2015 sank die Zahl der Aktionäre hierzulande im vergangenen Jahr wieder unter die Neun-Millionen-Marke: Rund 8,98 Millionen zählt das Deutsche Aktieninstitut (DAI). In Deutschlands erster Börsenliga, dem Deutschen Aktienindex, haben ausländische Investoren das Sagen: Ihnen gehören etwa 60 Prozent der Anteile der 30 Dax-Unternehmen.

«Große Teile der Bevölkerung scheinen die Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf ihre Sparanlagen noch nicht erkannt zu haben», sagt DAI-Chefin Christine Bortenlänger. «Hinzu kommt, dass die Aktie nach wie vor für viele Menschen eine große mentale Hürde darstellt.»

Die Allianz kam in ihrer jüngsten weltweiten Vermögensstudie («Global Wealth Report») zum Ergebnis, die Deutschen hätten in den vergangenen vier Jahren rund 200 Milliarden Euro «verschenkt», weil sie sich nicht an die Börse wagten. «Trotz Niedrigst- und Negativzinsen präferiert die Mehrzahl kurzfristige und sehr liquide Anlagen wie Bankeinlagen - deren Rendite bei null liegt», schreibt Allianz-Chef Oliver Bäte im Vorwort. ««Sparen» entpuppt sich so bei genauerer Analyse vor allem als «Geldparken» und nicht als Investieren.»

In einer aktuellen Umfrage der GfK-Marktforscher bewerten nur 12 Prozent der Deutschen das Sparbuch als attraktive Anlageform. Dennoch ist es noch immer die mit Abstand beliebteste Anlageform der Bundesbürger: Im Herbst 2016 hatten 40 Prozent der 2000 Befragten Geld auf einem Sparbuch liegen. Aktien wiederum halten 20 Prozent der Befragten für attraktiv, investiert sind dort aber nur 12 Prozent.

Immerhin: In der Summe gesehen werden die Menschen in Deutschland immer vermögender. Nach jüngsten Zahlen der Bundesbank kletterte das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland im dritten Quartal 2016 trotz des Zinstiefs auf das Rekordhoch von rund 5478 Milliarden Euro. Hauptgrund für den Sprung: Wertzuwächse bei Aktien und Investmentfonds - getrieben vom billigen Geld der Notenbanken.

Doch an der Masse der Bevölkerung geht das vorüber. Von deutlich höheren Aktionärsquoten wie etwa in den USA sei Deutschland weit entfernt, konstatierte Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber Mitte Januar. In den USA habe Alterssicherung über den Kapitalmarkt viel größeren Stellenwert. Das komme in der Breite an, sagte Faber: «In den USA kann man praktisch auf jeder Taxifahrt intelligente Gespräche über die Börsensituation führen, in Deutschland würde man da wohl eher Kopfschütteln und Unverständnis ernten.»

Der Absturz der «Volksaktie» Telekom und das Platzen der New-Economy-Blase am Neuen Markt um die Jahrtausendwende haben viele Kleinanleger in Deutschland verschreckt. Das Aktieninstitut wirbt für langfristiges Engagement: «Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt ..., dass die Sorge vor Verlustrisiken unbegründet ist, wenn man über Zeiträume spricht, die für die Altersvorsorge typisch sind.» Und weiter: «Selbst im ungünstigsten Fall ließen sich mit Aktien Sparerfolge erzielen, die weit über den heute üblichen Verzinsungen für Sparbücher und festverzinsliche Wertpapiere liegen.» Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt.

Auch Börsen-Aufsichtsratschef Faber mahnt zu Umdenken: «Aktien sind kein «Nice-to-have». Sie sind ein wesentlicher Bestandteil einer Zukunftsvorsorge in einer alternden Gesellschaft.» Eine «kleine Nebenbedingung» müsse jedoch erfüllt sein: Wer auf den Aktienmärkten investieren wolle, brauche das nötige Kapital. Und oft langen Atem.

Veröffentlicht am:
14. 02. 2017
11:30 Uhr

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dpa

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14. 02. 2017
11:30 Uhr



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