Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

 

Altersarmut in Deutschland droht deutlich zu wachsen

Mehr als jeder fünfte Rentner in Deutschland könnte in 20 Jahren von Altersarmut bedroht sein. Das zeigt eine neue Studie. Von den Plänen in der Koalition dagegen zeigen sich die Forscher wenig begeistert.



Altersarmut
Die Bertelsmann Stiftung und das Institut DIW prognostizieren einen Anstieg der Altersarmut.   Foto: Stephanie Pilick

Selbst bei weiter positiver Konjunktur könnte das Armutsrisiko im Alter einer neuen Studie zufolge in den kommenden Jahren spürbar steigen. Der Anteil der von Armut bedrohten Rentner könnte bis 2039 von 16,8 auf 21,6 Prozent wachsen.

Besonders betroffen seien Geringqualifizierte, Alleinstehende sowie Menschen mit längerer Arbeitslosigkeit, wie aus Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Studienleiter Christof Schiller sagte: «Selbst bei einer positiven Arbeitsmarktentwicklung müssen wir mit einem deutlichen Anstieg der Altersarmut in den kommenden zwanzig Jahren rechnen.» Besonders Betroffene müssten noch besser in Arbeit gebracht werden, zudem seien Rentenreformen nötig.

Bei ihrer Berechnung gehen die Forscher unter anderem davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt weiter positiv entwickelt. Als von Armut bedroht gelten Menschen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Laut der Studie sind das Personen, deren monatliches Nettoeinkommen unter 905 Euro liegt.

Mehr Bezieher von Grundsicherung erwartet

Die Studienautoren prognostizierten auch den Anteil von Beziehern von Grundsicherung. Sie gehen dabei davon aus, dass alle die Leistung in Anspruch nehmen, die dazu berechtigt sind - auch wenn laut Schätzungen rund zwei Drittel der Berechtigten ihren Anspruch nicht wahrnähmen. Laut der Erhebung könnte der Anteil der Rentner, die zusätzlich auf staatliche Hilfe zur Existenzsicherung angewiesen sind, bis 2039 von 9 Prozent auf knapp 12 Prozent steigen. Einen besonders starken Anstieg müssen laut DIW ostdeutsche Rentner verkraften. Liegt die Grundsicherungsquote hier derzeit noch bei 6,5 Prozent, könnte sie sich bis 2039 auf knapp 12 Prozent fast verdoppeln.

Bereits frühere Studien hatten einen Anstieg der drohenden Altersarmut vorhergesagt. Als Gründe wurden unter anderem prekäre Beschäftigung, verbreitete Teilzeitarbeit, befristete Verträge und Unterbrechungen des Berufslebens etwa bei Müttern ausgemacht. Auch die Rente ist unter Druck. Die aktuelle Erhebung zitiert Angaben, nach denen 2018 auf 100 Personen im Erwerbsalter 31 Menschen ab 67 Jahre kamen - und dies nach dem Übertritt der Babyboomer in die Rente 2038 bereits 47 sein könnten.

Streit um Bedürftigkeitsprüfung

Die geplante Grundrente - auch nach dem Konzept von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ohne eine Prüfung der Bedürftigkeit - wäre laut den Studienautoren «nicht hinreichend zielgenau». Zwar ließe sich damit die Armutsrisikoquote bis 2039 auf 18,4 Prozent begrenzen. Doch viele Bezieher des Rentenaufschlags lebten in Haushalten mit Einkünften oberhalb des Existenzminimums. 85 Prozent der zunächst 3,1 Millionen Personen, die Grundrente beziehen würden, hätten laut der Studie keinen Anspruch auf Grundsicherung im Alter. Das mittlere Nettoeinkommen der Begünstigten läge - so die Studienautoren - sogar doppelt so hoch wie die Bedürftigkeitsschwelle.

Die Union lehnt die Grundrente wie von Heil vorgeschlagen ab, weil sie auf die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Bedürftigkeitsprüfung besteht. Doch dann profitieren laut Studie auch deutlich weniger Menschen - der Anteil derer, die von Altersarmut bedroht sind, würde demnach nur um 0,4 Prozentpunkte sinken.

Studienleiter Schiller schlug vor, das Heil-Konzept um eine Einkommensprüfung zu ergänzen. Außerdem sollten auch mehr Menschen von der Grundrente profitieren können, die längere Zeiten ohne Rentenversicherung aufweisen als derzeit geplant. Die Koalition will, dass man 35 Versicherungsjahre aufweisen muss.

Die Forscher sehen aber auch in einer anderen möglichen Reform Vorteile. Würde die Grundsicherung deutlich ausgeweitet und könnten Bezieher einen Teil ihrer gesetzlichen Rente anrechnungsfrei behalten, könnte das Armutsrisiko nach ihren Berechnungen deutlich begrenzt werden.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
12. 09. 2019
16:43 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Altersarmut Altersarmut in Deutschland Arbeitslosigkeit Armut Armutsgefährdung Bertelsmann AG Bertelsmann Stiftung Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Existenzminimum Geringqualifizierte Hubertus Heil Renten Rentenreformen SPD Wirtschaftsforschung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Grundrente kommt

19.02.2020

Welche Beitragszahler Anspruch auf Grundrente haben

Über Monate haben Union und SPD verhandelt. Nun soll die Grundrente kommen. Wer profitiert davon? » mehr

Vermögen in Deutschland

15.07.2020

Corona-Krise nagt am Vermögen der Deutschen

Der Reichtum in Deutschland ist laut einer Studie ungleicher verteilt, als bislang angenommen. Zugleich hinterlässt die Corona-Krise deutliche Spuren. » mehr

Ein Jahr solidarisches Grundeinkommen

04.08.2020

Ein Jahr solidarisches Grundeinkommen in Berlin

Nach langem Vorlauf und kontroversen Debatten betrat Berlin vor einem Jahr Neuland in der Arbeitsmarktpolitik. Kann das solidarische Grundeinkommen eines Tages Hartz IV ersetzen? Eine Zwischenbilanz. » mehr

Rente

22.04.2020

Kabinett beschließt Rentenerhöhung zum 1. Juli

Den deutschen Rentnern winkt ab Juli mehr Geld. Das Bundeskabinett hat sich für eine kräftige Anhebung entschieden. Im Osten steigen die Bezüge stärker. » mehr

Weniger Geld

12.05.2020

Corona-Krise wirkt sich auf Renten aus

Jahrelang lief es bestens mit der Wirtschaft, mit der Arbeit und damit auch mit den Sozialversicherungen. Die Corona-Pandemie bringt alle drei Ebenen unter Druck - und damit auch die Renten. » mehr

Jobcenter

06.08.2020

Jobcenter muss Schülern Computer bezahlen

Braucht man für Schularbeiten einen Computer? Und wenn ja: Wer muss den bezahlen, wenn die Familie von Hartz IV lebt? Das Sozialgericht Mannheim hat darüber ein Urteil gefällt. » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
12. 09. 2019
16:43 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.