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"Ich habe noch heute Heimweh"

In der Familiensaga "Tannbach" spielt Anna Loos eine Frau, die aus der DDR in den Westen geht –so wie sie selbst 1988. Ein Sonntagsgespräch über die Kraft historischer Filme und ihre eigene Vergangenheit



Anna Loos   » zu den Bildern

So!: Frau Loos, Sie gehören zum Ensemble der hochgelobten Serie "Weissensee". Jetzt sind Sie in der Fortsetzung von "Tannbach" über ein zweigeteiltes Dorf im Kalten Krieg zu sehen. Was finden Sie attraktiv an diesen deutsch-deutschen Geschichten?

Anna Loos: Ich finde es prinzipiell spannend, historische Stoffe zu erzählen. Serien und Spielfilme bieten hierbei den Vorteil, dass man emotional in solche Stoffe einsteigt. Es geht immer um Menschen – das packt den Zuschauer gleich ganz anders, glaube ich. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber als ich zum Beispiel das Drama "Das weiße Band" gesehen habe, war ich total fasziniert. Ich kam aus dem Kino und konnte überhaupt nicht reden, weil ich zum ersten Mal ganz stark gespürt habe, wie sich die Generation meiner Großeltern und die meiner Eltern gefühlt haben muss. Das habe ich durch diesen Film erlebt.

So!: Die Figur Rosemarie, die Sie in "Tannbach" spielen, geht von der DDR in den Westen. Das haben Sie 1988 ja auch getan.

Der Dreiteiler
Ein Dorf, zwei politische Systeme: 2015 erzählte der ZDF-Dreiteiler "Tannbach" die spannende Geschichte einer in Ost und West geteilten Gemeinde an der Grenze von Thüringen zu Bayern in der Nachkriegszeit. Jetzt geht die deutsch-deutsche Familiensaga weiter: Die ebenfalls dreiteilige Fortsetzung mit dem Titel "Tannbach – Schicksal eines Dorfes" ist am 8., 10. und 11. Januar jeweils ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen und spielt in den Sechziger-Jahren: Der Kalte Krieg ist auf seinem Höhepunkt, die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR dagegen sind nach dem Bau der Mauer auf einem absoluten Tiefpunkt. Die unruhigen Zeiten bestimmen auch das Schicksal verschiedener Familien im Osten und im Westen des geteilten Dorfes Tannbach. Mit dabei sind wieder Stars wie Heiner Lauterbach und Martina Gedeck. Neu im Ensemble ist Anna Loos als lebensfrohe Ostlerin, die es nach West-Berlin verschlägt.

Loos: Genau, ich bin damals über die Tschechoslowakei nach Ungarn und von dort in den Westen. Das war keine easy Zeit, das war schon anstrengend und zum Teil auch dramatisch. Der riesengroße Unterschied zur Filmfigur ist allerdings, dass die Rosemarie ja nicht flieht wie ich damals, sondern mit einem Geheimnis in den Westen geht, das ich nicht mit ihr teile.

So!: Rosemarie ist außerdem eine ziemlich emanzipierte Frau und eckt immer wieder mit dem Rollenbild im Westen an.

Loos: Stimmt. Emanzipation und Selbstständigkeit sind typisch für die Frauen in der DDR, die ja alle gearbeitet haben. Ich habe ja selber die ersten 17 Jahre meines Lebens in der DDR verbracht und kann sagen: Meine Mutter hat immer gearbeitet, die Mütter meiner Freundinnen haben immer gearbeitet. Das war in der DDR einfach normal. Die Frauen waren schon in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren gleichberechtigt und mussten nicht wie in der BRD ihren Mann fragen, wenn sie ein Konto eröffnen wollten. Als ich mit 17 im Westen ankam und aufs Gymnasium ging, habe ich festgestellt, dass ganz viele Mütter meiner Schulkameradinnen nicht gearbeitet haben. Wobei man auch sagen muss: Die Emanzipation in der DDR war auch so eine Art Zwangsemanzipation, weil der Staat ja wollte, dass alle Mütter arbeiten, da alle Arbeitskräfte gebraucht wurden.

So!: Hatten Sie auch manchmal Heimweh nach dem Osten, nachdem Sie im Westen angekommen waren?

Loos: Klar, aber das hatte nichts mit dem Osten, sondern mit meinen Eltern, mit meiner Familie und meinen Freunden zu tun. Das war schon zu den Zeiten so, als ich noch in der DDR gelebt habe und als Kind ins Ferienlager gekommen bin. Das haben meine Eltern genau einmal mit mir versucht und mussten mich dann nach dem zweiten Tag abholen, weil ich so wahnsinnig Heimweh gehabt habe. Ich habe auch heute noch Heimweh, wenn ich bei Dreharbeiten getrennt von meiner Familie bin.

So!: War es dieses Mal beim Drehen in Prag auch so?

Loos: Klar, ich sehne mich immer nach meiner Familie. Ich habe die Dreharbeiten allerdings auch sehr genossen, weil Prag so eine wunderschöne Stadt ist. Die Prager haben ihre Stadt unglaublich saniert, das ist überhaupt kein Vergleich zu früher mehr. Da steckt mittlerweile auch viel Geld drin, ganz anders als etwa auf dem Land in Tschechien. Prag überstrahlt alles, das haben wir immer dann gemerkt, wenn wir uns mal eine Stunde von der Stadt entfernt haben – wir haben ja auch auf dem Land gedreht. Aber Prag hat sich unglaublich gemacht; ich weiß das, weil ich ja auch in meiner Kindheit ein paar Male da war.

So!: Wie haben Sie die deutsche Teilung in Ihrer Kindheit empfunden?

Loos: Das war bei uns zu Hause natürlich immer wieder ein Thema, das diskutiert wurde. Ich stamme ja aus einer Familie, die wie so viele in der DDR von der Teilung direkt betroffen war. Mein Vater hatte Verwandtschaft im Westen, meine Mutter auch, und mit dem Hochziehen der Mauer wurden die familiären Kontakte immer schwieriger. Man hat sich nur noch an ganz besonderen Tagen gesehen, es mussten Anträge gestellt, alles musste vorbereitet werden.

So!: Was haben Sie sich damals für ein Bild von der Bundesrepublik gemacht?

Loos: Ich musste mir kein extra Bild machen, weil wir ja immer Besuch von unseren Verwandten aus dem Westen hatten und natürlich auch die berühmten Westpakete angekommen sind. Der ganz bestimmte Duft dieser Pakete ist eine ganz intensive Kindheitserinnerung von mir – ein Duft nach Kaffee, Seife und Schokolade. Echt schade, dass es kein Geruchsfernsehen gibt, mit dem man das transportieren könnte.

So!: Waren für Sie auch Klamotten dabei?

Loos: Ja, ich hatte ja viele Cousinen im Westen, und meine Tante hat mir oft aussortierte Sachen geschickt und auch neue Sachen für mich besorgt. Die 501-Jeans von Levi’s war damals unheimlich in und die hat mir meine Tante dann gekauft.

So!: Ihr Mann Jan Josef Liefers stammt auch aus der DDR. Unterhalten Sie sich daheim
oft über die vergangenen Zeiten?

Loos: Es wäre jetzt echt gelogen, wenn ich behaupten würde, einmal alle 14 Tage sprechen wir über die DDR. (lacht) Aber wir haben vor ein paar Jahren von einem Kollegen mal eine CD mit Liedern von den Jungen Pionieren geschenkt gekriegt, und dann haben wir die auf einer Fahrt an die Ostsee mal eingelegt und festgestellt, dass wir die meisten Lieder tatsächlich mitsingen konnten.

So!: Wie fanden Ihre Kinder das?

Loos: Für die war das natürlich lustig. Für uns selber aber auch, das können Sie mir glauben.

Anna Loos
Die Schauspielerin und Sängerin Anna Loos kam 1970 in Brandenburg an der Havel zur Welt und floh mit 17 Jahren aus der DDR in die Bundesrepublik. Nach mehreren kleinen TV-Auftritten feierte sie ihren Durchbruch als Assistentin Lissy im Kölner "Tatort". Seitdem hatte sie zahlreiche Fernsehrollen und ist unter anderem in der hochgelobten DDR-Serie "Weissensee" zu sehen. Außerdem ist die 47-Jährige als Leadsängerin der Band "Silly" erfolgreich. Anna Loos ist seit 2004 mit ihrem Schauspielkollegen Jan Josef Liefers verheiratet; das Paar (Foto) hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

 

 

 

Autor

Martin Weber
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
05. 01. 2018
12:15 Uhr

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