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Experte: Trauerorte werden vielfältiger

Lange Zeit war die Grabgestaltung auf Friedhöfen streng geregelt. Das habe viele Menschen verschreckt, sagt ein Hamburger Kulturwissenschaftler. Hinterbliebene suchten andere Orte der Trauer - und finden sie inzwischen wieder auf liberaleren Friedhöfen.



Ruheforst in Ostenfeld
Mancherorts bieten Ruhewälder eine Alternative zu der oft streng reglemtierten Grabkultur auf Friedhöfen.   Foto: Carsten Rehder/dpa

Grabfelder auf Friedhöfen leeren sich, aber die Menschen in Deutschland trauern länger als früher um ihre Verstorbenen. Vor allem junge Leute trauerten intensiv um verstorbene Freunde, sagt der Hamburger Kulturwissenschaftler Norbert Fischer.

Die Formen der Trauer seien vielfältiger geworden. Sie finde nicht mehr nur auf den Friedhöfen statt, sondern auch an anderen Orten und im Internet.

Von einer «Friedhofsflucht» wie der Passauer Soziologe Thorsten Benkel will Fischer nicht sprechen. Aber es gebe einen sich verstärkenden Trend zur Natur- und Seebestattung. Die Seebestattung, die noch bis in die 1970er Jahre Angehörigen der maritimen Berufe vorbehalten war, werde in zwei bis drei Prozent aller Todesfälle gewählt, in Norddeutschland sogar in sechs Prozent.

Mehr See- und Waldbestattungen

Ruhewälder gebe es in Deutschland erst seit 2001, heute in dreistelliger Zahl. «Es ist eine durchschlagende Erfolgsgeschichte», sagt Fischer. Hintergrund sei die typisch deutsche romantische Wald-Sehnsucht. Doch ob See- oder Waldbestattung - die Friedhöfe sind damit nicht ganz aus dem Spiel. Zum Teil gebe es Ruhewälder, in denen Urnen unter Bäumen beigesetzt werden, direkt auf den Anlagen. Der Hamburger Friedhof Ohlsdorf verfüge über einen zwölf Hektar großen Bestattungswald.

Auch die Idee der Seebestattung hat sich gewandelt. Ursprünglich sollte der Tote vollständig im Meer aufgehen, indem seine Asche im Wasser verstreut wird. Heute bekommen die Hinterbliebenen eine Seekarte mit den Koordinaten der Urnenversenkung, um erneut an diesen Ort zurückkehren zu können. Zudem bieten kirchliche Friedhöfe an der Küste die Möglichkeit, den Namen des Verstorbenen und die Koordinaten in einer Gedenkstätte zu verzeichnen. Solche Einrichtungen gibt es nach Angaben von Fischer in Westerland auf Sylt, auf Norderney, bei Harlesiel (Landkreis Wittmund) und in Großenbrode an der Ostsee nahe Fehmarn.

Kirchen richten Urnennischen ein

Während manche Menschen wollen, dass ihre Asche im Meer oder im Wald in der Natur aufgeht, suchen andere einen ganz besonderen Aufbewahrungsort: ein Kolumbarium. Diese Urnennischen finden sich nicht nur auf Friedhöfen, sondern inzwischen auch in Kirchen. «Das ist interessant, weil sich die christlichen Kirchen zunächst vehement gegen die Feuerbestattung ausgesprochen haben», sagt Fischer. Die katholische Kirche habe sie erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1963 erlaubt. «Umso paradoxer ist es, dass jetzt im Hamburger Dom in St. Georg auch ein Kolumbarium eingerichtet wurde.»

In Lübeck soll im nächsten Jahr ein besonderer säkularer Ort für Urnenbeisetzungen hergerichtet werden. Dafür werde ein ehemaliger Kornspeicher an der Untertrave umgebaut, sagt Fischer. Das Backsteingebäude hat eine besondere Geschichte: Es gehörte einst der Familie von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann.

Gedenkstätten an der Bundesstraße

Nach tragischen Verkehrsunfällen äußerten gerade junge Leute ihre Trauer um einen verstorbenen Freund, indem sie Kreuze, Fotos und Blumen an den Straßenrand stellten. Dieser Brauch ist laut Fischer seit den 1990er Jahren in der westlichen Welt verstärkt zu beobachten. Anfangs seien die Ordnungsämter noch eingeschritten und hätten etwa an der Bundesstraße 73 zwischen Harburg, Stade und Cuxhaven in Niedersachsen die Gedenkstätten wieder abgeräumt. Inzwischen würden sie in Deutschland aber geduldet.

Dass sich Menschen andere Orte der Bestattung und des Gedenkens suchten, habe nicht so sehr finanzielle Gründe. Fischer sieht eine andere Ursache: «Man muss sagen, dass viele Friedhöfe bis heute ein eher monotones Angebot an Grabstätten bereithalten.» Die strenge Reglementierung der Grabkultur habe viele Leute verschreckt. So seien Eltern verstorbener Kinder manchmal verzweifelt gewesen, weil sie das Grab wie für einen toten Erwachsenen gestalten sollten. Heute ließen die Friedhöfe mehr Vielfalt zu, Kindergräber würden mit Spielzeug und Windrädern geschmückt.

Urnengräber für Mensch und Haustier

Seit 2015 öffnen sich die deutschen Friedhöfe auch für die gemeinsame Urnenbeisetzung von Mensch und Haustier. Diese Möglichkeit bieten nach Angaben von Fischer inzwischen knapp 20 Friedhöfe in Deutschland. Tierfreunde ließen sich die Grabstätten viel kosten. «Man fragt sich oft, ob man für den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin genauso viel Geld investiert hätte wie in manchen Grabstein für das eigene Haustier.»

Das städtische Unternehmen Hamburger Friedhöfe zeigt sich besonders offen für neue Trends. Seit einigen Jahren dürfen wieder Mausoleen in Ohlsdorf errichtet werden, wie ein Sprecher erklärte. Sogar die Trauer im virtuellen Raum kann auf dem fast 390 Hektar großen Parkfriedhof einen Ort finden: Fans des vor gut drei Jahren in Kalifornien gestorbenen Sängers der Band Linkin Park, Chester Bennington, haben eine kleine Gedenkstätte an einer Parkbank errichten dürfen. Zuvor hatten sie in einer Facebook-Gruppe getrauert.

Trotz der Veränderungen halten Experten die deutsche Friedhofskultur für einzigartig. Im Frühjahr wurde dies auf Empfehlung der deutschen Unesco-Kommission mit dem Titel «Immaterielles Erbe Friedhofskultur in Deutschland» anerkannt. Die vielen Veränderungen in der Grab- und Trauerpflege zeigen nach Ansicht des Geschäftsführers der Hamburger Friedhöfe, Carsten Helberg, gerade die Lebendigkeit der Friedhofskultur.

© dpa-infocom, dpa:201102-99-176654/2

Veröffentlicht am:
17. 11. 2020
04:38 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
17. 11. 2020
04:38 Uhr



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