Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

 

Wie Senioren mit der Corona-Krise umgehen

In der Corona-Krise gelten Alte und Vorerkrankte als Risikogruppe. Vor allem in Pflegeheimen werden sie nun besonders isoliert und dürfen nur in Ausnahmesituationen raus. Doch was macht das mit den Menschen? Ein Senior erzählt.



Senioren in der Corona-Krise
Annabelle Emmermann, stellvertretende Pflegedienstleiterin, ist eine der wenigen Personen, die Siegfried Jehmlich im Seniorenzentrum Carl-Joseph noch treffen darf.   Foto: Felix Kästle/dpa

Einsam fühlt sich Siegfried Jehmlich in Zeiten der Corona-Krise nicht. Der 81-Jährige hat früher Orgeln auf der ganzen Welt gebaut. Heute lebt er in einem Seniorenzentrum in Leutkirch im Allgäu - nah an der bayerischen Grenze.

Ein bisschen Unterwegssein von früher hat er sich trotz Pandemie erhalten. Mit Spaziergängen zum Beispiel oder mit Streifzügen durch die Literatur. Auch wenn die Demenz ihn manchmal das ein oder andere vergessen lässt.

Neue Routinen finden

Vergessen lässt sich die aktuelle Situation nur schwer. Gerade an Ostern, wo sonst die Familie vorbeigeschaut hätte, blieb in diesem Jahr nur das Telefon. Der gebürtige Dresdner nimmt die Situation so, wie sie ist. «Man kann es sowieso nicht ändern», betont er immer wieder. Und so hat es sich Jehmlich auf seinem Balkon gemütlich gemacht. Mal mit einer Zeitung, mal mit einer Zigarette. Langweilig sei ihm nicht. «Also ich muss noch keine Däumchen drehen», sagt er.

Bingo-Nachmittage oder abendliche Treffen in den acht Wohngruppen sind erstmal passé. Stattdessen gibt es neue Routinen. Die Abendnachrichten zum Beispiel seien ein fester Bestandteil, sagt Jehmlich. Sorgen mache er sich angesichts der Schlagzeilen und Meldungen rund um die Krise eher nicht. Er rede auch mit den anderen Bewohnern selten über Corona. Ihm sei es erstmal wichtig, sich zu informieren.

Die aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen hält er für gut und wichtig. Auch mit den Sperren für Pflegeheime komme er klar. Nur die Aussicht auf ein Ende dieser ganzen Einschränkungen, die wäre schon schön, sagt der pensionierte Orgelbauer.

Kontakte per Videotelefonie

Ein bisschen mehr Perspektive für Ältere wünscht sich auch Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Kruse befürchtet, dass sich die Alten bei einer längeren Isolation vergessen fühlen könnten. Und dieses Gefühl begünstige das Auftreten von Depressionen und Angstzuständen. Wichtig sei es, den Menschen Kontakte zu ermöglichen etwa durch Videotelefonie. «Zudem müssen sie ausführlich aufgeklärt werden, warum solche Maßnahmen dringend notwendig sind», sagt Kruse.

Erst vergangenen Woche hatte die Landesregierung den Ausgang für Bewohner von Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg auf notwendige Arztbesuche und Behandlungen beschränkt. Spaziergänge, Einkäufe oder sonstige Unternehmungen außerhalb sind zum Schutz vor einer Ansteckung nicht erlaubt. In Bayern gibt es solche Ausgangssperren nicht. Sie sind laut bayerischem Gesundheitsministerium derzeit auch nicht geplant.

Das neuartige Coronavirus verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion und kann die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen. Vor allem für ältere und vorerkrankte Menschen kann eine Infektion lebensgefährlich werden. Sie gehören zur sogenannten Risikogruppe.

Alternativen für Besuchsbeschränkungen

Für viele Bewohner des Leutkircher Seniorenzentrums Carl-Joseph, in dem auch Jehmlich lebt, ändert sich mit den neuen Bestimmungen aber erstmal relativ wenig. «Viele sind stark pflegebedürftig und haben Erledigungen des täglichen Lebens wie Einkäufe schon längst aus der Hand gegeben», erklärt Pflegedienstleiterin Annabelle Emmermann.

Die Besuchsbeschränkungen für Angehörige seien dagegen deutlicher spürbar. Die von der Vinzenz von Paul gGmbH getragene Einrichtung hat sich Alternativen überlegt und bietet jetzt etwa Skype-Plätze für die Bewohner an. «Familien bringen auch Fotos, Briefe und Gebasteltes für ihre Angehörigen vorbei», schildert Emmermann. Man versuche den Kontakt zu halten, und das eben auf anderen Wegen.

Über die Stimmung in der Einrichtung mit ihren 86 Bewohnern habe man sich zunächst etwas Sorgen gemacht. Zu Unrecht, wie sich herausgestellt habe. «Die Bewohner nehmen die neuen Regeln super an», sagt Emmermann. Und auch die mehr als 100 Mitarbeiter des Hauses seien mit Pandemie-Plänen und Schutzausrüstung gut gewappnet. Auch wenn Letzteres wie in vielen anderen Einrichtungen knapp sei.

Kein Freiheitsentzug bei Heimbewohnern möglich

«Der Umgang mit Viruserkrankungen ist immer Teil unseres Alltags, aber auf einen solchen Verbrauch von persönlicher Schutzausrüstung, die für uns im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig ist, war niemand vorbereitet», sagt Roy Hummel, Regionalleiter Allgäu und Göppingen der Vinzenz von Paul gGmbH Soziale Dienste und Einrichtungen. Ein spezielles Team kümmere sich um die Beschaffung, weil es bei Lieferungen von Bund und Ländern hapere.

Die Ausgangssperre per Verordnung hält Hummel für gut gemeint, jedoch derart kaum realisierbar. «Als Träger von Pflegeeinrichtungen können wir zwar in einem gewissen Rahmen unter den aktuellen Gegebenheiten das Besuchsrecht einschränken, jedoch nicht verhindern, wenn ein Bewohner die Einrichtung verlassen möchte», sagt er. Für freiheitsentziehende Maßnahmen seien aus gutem Grund die Gerichte und die Polizei zuständig.

Für Jehmlich sind Spaziergänge außerhalb des Seniorenzentrums erstmal kein Thema. Und auch Schutzausrüstung spiele für ihn persönlich vorerst keine Rolle. «Ich setze mir erst den Mundschutz auf, wenn es vorgeschrieben ist. Solange entscheide ich selbst», sagt Jehmlich. Denn eines dürfe auch in Zeiten von Corona nicht vergessen werden: Selbstbestimmung. Und die dürfe man auch älteren Menschen aus der Risikogruppe zugestehen.

Veröffentlicht am:
15. 04. 2020
12:03 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angststörungen Einrichtungen im Pflegebereich Infektionskrankheiten Pflegebedürftigkeit Pflegeheime Polizei Risikogruppen und Risikoklassen Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Schutz- und Sicherheitsausrüstungen Senioren Seniorenzentren Viruserkrankungen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Altenheim in Bretten

28.04.2020

Wie sehr Seniorenheim-Bewohner durch die Corona-Krise leiden

Alte Menschen sind eine Hochrisikogruppe bei Corona-Infektionen. Aber rechtfertigt der Schutz vor dem Virus die Besuchsbeschränkungen in Altenheimen? Der Preis für die Bewohner ist hoch. Die Rufe nach Lockerungen sind la... » mehr

Wohnoptionen im Alter

02.10.2019

Im Vorfeld Alternativen zum Pflegeheim finden

Wenn ältere Menschen zu Hause nicht mehr angemessen versorgt werden können, ist der Umzug ins Pflegeheim nur eine von mehreren Optionen. Je früher die Beteiligten alle Möglichkeiten durchspielen, desto besser. » mehr

Schwerhörigkeit

10.04.2020

Anzeichen für Schwerhörigkeit ernstnehmen

Unterhaltungen kann man kaum folgen, das TV-Gerät läuft immer lauter: Viele hören im Alter schlechter. Das ist normal, doch Betroffene empfinden das oft anders - mit teils gravierenden Folgen. » mehr

Pflege

28.06.2019

So vermeiden Sie Aggressionen in der Pflege

Anschreien oder beschimpfen, schlagen und einschließen - oder vernachlässigen. Immer wieder kommt es in der Pflege zu Gewalt. Was können Betroffene und ihre Angehörigen tun? Und wie lässt sich das in Zukunft verhindern? » mehr

Flusskreuzfahrtschiff «FT Calea»

10.02.2020

Schwimmende Seniorenresidenz vor dem Start

Als Senior dauerhaft auf einem Kreuzfahrtschiff leben und über die Flüsse Mitteleuropas schippern - das soll demnächst auf der angeblich weltweit ersten schwimmenden Seniorenresidenz möglich werden. Die ersten Kabinen si... » mehr

Pflege

12.07.2018

Wann muss ich mir über Pflege Gedanken machen?

Die meisten Menschen wollen gern in den eigenen vier Wänden alt werden - selbstständig und auf niemanden angewiesen. Aber nicht jedem ist das vergönnt. Deswegen ist es gut, eine mögliche Pflegebedürftigkeit nicht zu tabu... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
15. 04. 2020
12:03 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.