Lade Login-Box.
Topthemen: Südthüringen kocht 2020Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Die Angst vor dem Rechtsruck im Kinderzimmer

Youtube-Videos, Spiele-Streams, Foren aller Art: Wo Jugendliche im Internet sind, sind Nazis oft nicht weit. Doch was können Eltern tun, damit ihre Kinder rechten Rattenfängern nicht folgen?



Rechte Propaganda im Netz
Schlechter Einfluss aus dem Internet? Nicht immer sind rechtsextreme Inhalte gleich als solche zu erkennen - viele Jugendliche stolpern daher fast zwangsläufig über problematische Seiten.   Foto: Bonninstudio/Westend61/dpa-tmn

Glatze, Springerstiefel, grauenhafte Rockmusik: Wer das Wort «Nazi» oder «Rechtsextremer» hört, hat häufig noch dieses Bild vor Augen - dabei ist es längst überholt.

Das macht es kompliziert für besorgte Eltern. Denn rechte Rattenfänger sind nicht verschwunden, nur besser versteckt, und das oft im Internet. «Dort, wo sich Jugendliche versammeln, tauchen über kurz oder lang auch rechtsextreme Communitys und Inhalte auf», sagt Michael Hebeisen, Fachreferent für Politischen Extremismus bei Jugendschutz.net.

Müssen Eltern also Angst haben, dass ihr Kind still und heimlich vor Smartphone oder PC nach rechts abrutscht? Vom Musterschüler zum Nazi in drei Mausklicks? «Grundsätzlich besteht tatsächlich die Gefahr, dass sich Jugendliche und junge Menschen radikalisieren, auch im Internet - und zunächst unabhängig von der politischen Richtung», sagt Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes.

Offen für neue Weltanschauungen - auch von rechts

Allerdings ist eine Radikalisierung ein Prozess - kein Schalter im Kopf, der einfach umgelegt wird. «Wir reden hier vor allem über Jugendliche ab etwa 13 Jahren aufwärts», sagt Hebeisen. «Die sind ganz generell in einer Umbruchphase und damit auch offen für neue Weltanschauungen.» Das könnten auch rechtsextreme Ansichten sein. Und aus diesen bloßen Ansichten kann irgendwann sogar eine Radikalisierung werden - in Einzelfällen. «Ganz viele machen diesen Schritt aber auch nicht.»

Allein das Internet für ein solches Abrutschen verantwortlich zu machen, greift in aller Regel zu kurz, sagt Hebeisen. Das Phänomen des einsamen Wolfs, der sich isoliert und in aller Stille radikalisiert, sei - wenn es überhaupt existiert - extrem selten.

«Damit Jugendliche wirklich rechtsextreme Ansichten entwickeln, müssen sie nicht nur das entsprechende Angebot bekommen - sie müssen dann auch darin bestätigt werden», sagt Hebeisen. Bei diesen beiden Schritten, beim Angebot und bei der Bestätigung, kann das Internet jeweils aber durchaus eine Rolle spielen.

Nicht jeder Nazi trägt ein Hakenkreuz

Entsprechende Angebote finden sich fast überall: Nazis und Rechte gibt es auf den großen Plattformen wie Facebook und Twitter ebenso wie an spezielleren Orten: Erst Mitte Dezember 2019 sperrte die Spiele-Plattform Steam Nutzer und Gruppen mit einschlägigen Namen und verfassungsfeindlichen Symbolen wie dem Hakenkreuz.

Ein weiterer Zugang zum rechtsextremen Kaninchenbau können Influencer sein. Das sind Hip-Hop- und Youtube-Stars ebenso wie Streamer. Diese führen auf Portalen wie Twitch eigentlich Computerspiele vor, sondern dabei aber auch mal rechte Parolen ab - oder flirten zumindest damit.

Ist der Jugendliche einmal in rechtsextremen Strukturen vernetzt, droht der Filterblasen-Effekt: Das Vorurteil wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. «Das kann tatsächlich eine verschobene Wahrnehmung der Realität auslösen, weil ich zum Beispiel nur noch Nachrichten über Probleme mit Ausländern erhalte», sagt Schmidt. «So lange, bis ich tatsächlich glaube, dass das eine riesige Bedrohung ist, was ja definitiv nicht der Fall ist.»

Kindern den Rücken stärken

Für Eltern ist es nicht ganz einfach, solche Entwicklungen zu erkennen. Wer seinen Kindern zuhört, sollte einen Rechtsruck aber mitbekommen, sagt Schmidt. «Es ist einfach wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern im Dialog bleiben», rät er.

«Eltern müssen sich für die Lebensrealitäten ihrer Kinder interessieren, das gilt auch und gerade für das Internet», ergänzt Hebeisen. Damit allein sei es aber noch nicht getan. Denn Rolle der Eltern ist es gerade bei Jugendlichen gar nicht so sehr, sie vor allem Bösen abzuschirmen. Das sei auch gar nicht nötig, erklärt der Experte: «Jugendliche bewegen sich im Netz viel souveräner als ältere Generationen. Grundsätzlich sind sie sehr gut in der Lage, rechtsextremistische Inhalte zu erkennen.»

Eltern sollten ihren Kindern aber den Rücken stärken, damit sie gut gegenhalten können. «Dass man also die Zivilcourage, die man im realen Leben bei einem rechtsextremen Spruch in der Klasse zeigen würde, auch im Internet zeigt», erklärt Hebeisen. Ziel sei kein Diskurs mit Rassisten. «Aber es geht darum, so etwas nicht unwidersprochen zu lassen.»

Veröffentlicht am:
27. 12. 2019
04:38 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angst Ausländer Facebook Harald Schmidt Influencerinnen und Influencer Internet Kinder und Jugendliche Nationalsozialisten Rechtsextremisten Rechtsradikalismus Rockmusik Twitter Verfassungsfeindlichkeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Einsamkeit

17.07.2019

Helfen Soziale Netzwerke gegen Einsamkeit?

Wir sind mit mehr Menschen in Kontakt denn je: Soziale Netzwerke verbinden Menschen weltweit. Doch hilft das gegen Einsamkeit? Telefonseelsorger berichten über ihre Erfahrungen. » mehr

Kinderbilder im Netz

09.07.2019

Warum Eltern Kinderbilder nicht sorglos posten sollten

Wo hört berechtigter Elternstolz auf, wo fängt die Verletzung der kindlichen Privatsphäre an? Kinderbilder im Internet sind ein sensibles Thema. Worauf Eltern besser achten. » mehr

Rollstuhlskating

25.10.2019

Mit dem Rollstuhl in der Skateanlage

Es geht um Geschwindigkeit, Tricks und Spaß. In Skateanlagen toben sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus. Die meisten sind auf dem Board, Fahrrädern oder Inlinern unterwegs - manche auch im Rollstuhl. » mehr

Wie gelingt Rückkehr an die Schule?

26.07.2019

So gelingt Austauschschülern die Rückkehr an die Schule

Nach den Sommerferien bleiben manche Stühle im Klassenzimmer leer, denn einige Schülerinnen und Schüler absolvieren dann ein Austauschjahr an einer ausländischen Gastschule. Der Anschluss an die Abiturvorbereitung kann a... » mehr

Oma und Enkelin

07.10.2019

Ein Hoch auf die Großeltern

Milliarden Kinderbetreuungsstunden, Milliarden Euro für Geschenke: Ohne Oma und Opa wäre die Kindheit wohl weniger schön. Dabei kommt es heute gar nicht mehr unbedingt darauf an, ob die Kinder mit ihren Großeltern auch w... » mehr

Seniorin mit Smartphone

29.03.2019

Wir bleiben in Kontakt - Soziale Netzwerke für Senioren

Soziale Netzwerke gehören für viele Menschen zum Alltag. Gerade Ältere scheuen aber oft die Nutzung, aus Angst oder Unsicherheit. Dabei ist der Einstieg nicht so schwer - vor allem mit Lehrern im richtigen Alter. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
27. 12. 2019
04:38 Uhr



^