Lade Login-Box.
Corona Newsletter
Topthemen: Coronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf Instagram

 

Wird die Jugend krimineller? «Das Gegenteil ist der Fall»

Die Jugendgewalt von Augsburg nehmen Politiker zum Anlass, sich zu Wort zu melden. Experten aber sehen das Szenario einer immer gewaltbereiteren Jugend als Stimmungsmache. Die Jugendkriminalität in Deutschland geht stetig zurück.



Trauer am Königsplatz in Augsburg
"Einer von uns RIP Kamerad" ist am Königsplatz zwischen Grablichtern zu lesen. Ein Feuerwehrmann war am Freitagabend nach einem Schlag so schwer verletzt worden, dass er noch vor Ort starb.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der schreckliche Tod eines Mannes auf dem Augsburger Königsplatz liegt erst wenige Tage zurück, doch die Geschehnisse sind bereits zum Politikum geworden.

Die CSU in Bayern will Heranwachsende häufiger nach Erwachsenenstrafrecht aburteilen. Außerdem werde die Polizeipräsenz in den Innenstädten erhöht, kündigte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) an.

Der Staat mache sich «völlig lächerlich», meint die AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Alice Weidel. «Sicher hören wir bald, dass der Täter psychisch krank und schuldunfähig sei», schrieb sie jüngst bei Twitter. Dass es sich in Augsburg um einen Fall von «Migrantengewalt» handele und es deswegen einer Umkehr in der Einwanderungspolitik bedürfe, war für sie schon am Sonntag klar.

Fachleute dagegen winken ab. «Das Gegenteil ist der Fall», sagt Professor Christian Pfeiffer, langjähriger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, der seit Jahrzehnten über Jugendkriminalität forscht. «Die Wahrheit ist, dass alle Jugendlichen, einschließlich der Ausländer, sinkende Gewaltraten haben», sagte Pfeiffer der Deutschen Presse-Agentur. Seit 2007 seien Gewaltdelikte bei Jugendlichen in Niedersachsen um 43 Prozent gesunken. Weidel erfinde die Wirklichkeit.

Auch Pfeiffers Kollege Johannes Luff vom Bayerischen Landeskriminalamt mahnt zur Mäßigung: «Das Ganze wird nicht schlimmer», sagt er. Es sei eher eine Tendenz erkennbar, dass häufiger als früher Bagatelldelikte angezeigt würden. Der Experte hatte eine Studie durchgeführt, die sich die Schwere der Folgen von Jugendkriminalität angesehen und dabei die Jahre 2002 und 2010 verglichen hat - unter anderem über das Studium von Prozessakten.

«Generell sind Straftaten Jugendlicher im Vergleich zu denen Erwachsener meist weniger schwer und umfassen insbesondere Ladendiebstahl, einfache Körperverletzung und Sachbeschädigung», heißt es auch in einem Bericht des Deutschen Jugendinstituts.

Der Ruf nach einer häufigeren Anwendung von Erwachsenstrafrecht für Heranwachsende sei nicht sinnvoll, sagte Pfeiffer. Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) hatte jüngst erklärt: «Wer 18 ist, hat alle Rechte, aber auch alle Pflichten.» Nach Angaben seines Ministeriums wurden im Jahr 1954 bundesweit in nur 20,6 Prozent der Fälle die Heranwachsenden nach Jugendstrafrecht verurteilt. Seit 1985 liegt die bundesweite Quote konstant über 60 Prozent. In Bayern waren es im vergangenen Jahr sogar 72 Prozent, in Sachsen nur 38 Prozent.

«Eine Mogelpackung», sagt Pfeiffer zu der Forderung. Erwachsenenstrafrecht sei bei allen Delikten außer Mord nicht härter als Jugendstrafrecht - dafür aber für die Gerichte einfacher zu handhaben. «Erwachsenenstrafrecht nimmt man, wenn man mit einem Strafbefehl operieren kann und etwas schnell vom Tisch bekommen will», sagte Pfeiffer. Jugendstrafrecht sei komplizierter. «Aber die Hinter-Gitter-Quote ist wegen der Möglichkeit des Jugendarrests sogar höher.»

Im Augsburger Fall bezweifeln die Experten auch, ob der Vorwurf einer Tötungsabsicht vor Gericht Bestand haben könne. «Einen Mann mit einem Schlag töten - das hat nicht einmal Old Shatterhand geschafft», sagte Pfeiffer.

Nach Überzeugung der Ermittler jedoch war es ein einziger Schlag, der den 49 Jahre alten Passanten auf dem Heimweg vom Weihnachtsmarkt in Augsburg tötete. Der Feuerwehrmann war am Freitagabend mit einer Gruppe junger Männer in Streit geraten. Gegen die sieben Verdächtigen wurden Haftbefehle erlassen, mehrere von ihnen waren bereits polizeibekannt. Bei dem 17-Jährigen, der den 49-Jährigen erschlagen haben soll, handelt es sich um einen Deutschen, der auch die türkische und die libanesische Staatsbürgerschaft besitzt.

Luff erinnert die Kriminalität in Augsburg an Verhaltensmuster, die Jugendliche schon immer gezeigt haben. «Man begeht ein Delikt aus der Gruppe heraus. Es geht um Image, Ansehen und Ehre - mich würde wundern, wenn nicht Alkohol oder Drogen im Spiel waren», sagte Luff. Der Migrationshintergrund scheine für die Tat keine wesentliche Rolle gespielt zu haben. Die Tatverdächtigen seien in Deutschland sozialisiert worden, von einer Parallelgesellschaft sei in Augsburg nicht auszugehen.

Die Augsburger Jugendlichen sitzen weiter in Haft - der mutmaßliche Haupttäter unter anderem wegen des Verdachts auf Totschlag, die anderen sechs unter anderem wegen Beihilfe. Ob das aufrechtzuerhalten sei, will Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai von der zuständigen Ermittlungsbehörde nicht beantworten.

Veröffentlicht am:
11. 12. 2019
11:44 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alice Weidel CSU Christian Pfeiffer Deutsche Presseagentur Gewaltdelikte und Gewalttaten Joachim Herrmann Joachim Herrmann (CSU) Jugendgewalt Jugendkriminalität Jugendstrafrecht Justizminister Körperverletzung und Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit Landeskriminalämter Sachbeschädigung Straftaten und Strafsachen Twitter Verbrecher und Kriminelle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Die Kehrseite der Samrtphone-Nutzung

11.06.2019

Belästigung per Smartphone: Schüler leiden unbemerkt

Soziale Medien haben auch eine dunkle Seite. Besonders Kinder und Jugendliche machen immer wieder auch negative Erfahrungen. Sie werden nicht nur gedisst, sondern kommen ungewollt auch mit Sex und Gewalt in Berührung. Vi... » mehr

Oma und Enkelin

07.10.2019

Ein Hoch auf die Großeltern

Milliarden Kinderbetreuungsstunden, Milliarden Euro für Geschenke: Ohne Oma und Opa wäre die Kindheit wohl weniger schön. Dabei kommt es heute gar nicht mehr unbedingt darauf an, ob die Kinder mit ihren Großeltern auch w... » mehr

Kim Eisenmann

13.12.2019

Was Jugendliche über K.o.-Tropfen wissen sollten

K.o.-Tropfen betäuben - sie sollen das Opfer willenlos machen. Oft mischen Täter die Substanz gezielt in Getränke. Eltern sollten mit Kindern darüber reden, wie sie sich davor schützen können. » mehr

Rechte Propaganda im Netz

27.12.2019

Die Angst vor dem Rechtsruck im Kinderzimmer

Youtube-Videos, Spiele-Streams, Foren aller Art: Wo Jugendliche im Internet sind, sind Nazis oft nicht weit. Doch was können Eltern tun, damit ihre Kinder rechten Rattenfängern nicht folgen? » mehr

Männlichkeit im Wandel

19.11.2019

Von Machos, Alphatieren und sorgenden Vätern

Ein Psychiater begeistert mit Vorträgen über das Patriarchat, ein Schauspieler eckt an, weil er ein Baby im Tragetuch trägt. Das Männerbild unserer Gesellschaft ist ins Wanken geraten - und die Positionen liegen weit aus... » mehr

Kinderbilder im Netz

09.07.2019

Warum Eltern Kinderbilder nicht sorglos posten sollten

Wo hört berechtigter Elternstolz auf, wo fängt die Verletzung der kindlichen Privatsphäre an? Kinderbilder im Internet sind ein sensibles Thema. Worauf Eltern besser achten. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
11. 12. 2019
11:44 Uhr



^