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Friedhofsflucht, Friedhofskrise

Doch das klassische Familiengrab ist ein Auslaufmodell - und das stürzt die kommunalen Friedhöfe zunehmend in eine Krise.



Friedhof Ohlsdorf
Ein Friedhofsgärtner pflegt das Familiengrab der Tierpark-Dynastie Hagenbeck auf dem Friedhof Ohlsdorf.   Foto: Ulrich Perrey/dpa

Zu streng, zu groß, zu teuer: Viele klassische kommunale Friedhöfe in Deutschland steuern nach Einschätzung von Experten auf eine Krise zu - oder stecken schon mittendrin.

«Es fällt auf, dass die Leerflächen immer größer werden», sagt Ralf Michal, Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, in Schweinfurt.

«Der Gräberkult, wie man ihn von früher kennt, ist überholt, und die Kommunen haben es verschlafen, vernünftige, zeitgemäße Bestattungsformen zu schaffen.» Inzwischen entscheiden sich die Angehörigen ihm zufolge in 20 bis 25 Prozent für eine Alternative - etwa eine Gemeinschaftsgrabstätte, eine Waldbestattung, eine Seebestattung. Die Tendenz sei steigend. Die Folge: «Friedhöfe werden immer defizitärer.»

Alternative Bestattungsformen

Denn hinter den populärer werdenden alternativen Formen steckten oft Unternehmen. Diese müssten zwar aufgrund gesetzlicher Vorschriften mit einem Friedhof kooperieren, heimsten aber einen Großteil der Kosten ein - «und der fehle den Kommunen dann für den Unterhalt der Friedhöfe», sagt Michal. «Wir vom Bestatterverband haben immer gesagt: Macht eure Friedhöfe attraktiver. Aber inzwischen sind die Kommunen da 10, 15 Jahre zurück.»

Der Grund für diesen Wandel: Die Gesellschaft hat sich drastisch verändert. «Die Bedürfnisse sind heute ganz andere», sagt der Soziologe Thorsten Benkel von der Uni Passau, der zur Trauerkultur in Deutschland forscht. «Die Menschen sind viel mobiler und verbringen nicht mehr ihr ganzes Leben an einem Ort», sagt er. «Darum geht der Trend weg vom pflegeintensiven Familiengrab zu alternativen, individuellen Bestattungsformen.» Er spricht von «Friedhofsflucht».

Für seinen Kollegen Matthias Meitzler, der gemeinsam mit Benkel die Homepage «Friedhofssoziologie» betreibt, sind Mischformen das Konzept der Zukunft: «Man muss Friedhof neu denken», sagt er. Klassische Gräberfelder neben Urnengräbern, ein Waldgebiet für die Naturbestattung neben einem gemeinsamen Feld für Hund und Herrchen - individuelle Angebote für die individualisierte Gesellschaft.

Hohe Friedhofsgebühren

Ein Problem sieht Benkel vor allem in zu hohen Friedhofsgebühren und repressiven Vorschriften. «Deutschland hat die strengsten Bestattungsrichtlinien in Europa. In der Schweiz und den Niederlanden ist man da schon viel weiter», sagt er. «Warum muss man sich denn sofort entscheiden, was mit einer Urne geschehen soll? Warum kann man sie nicht eine bestimmte Zeit lang bei einem Bestatter lassen und es sich gründlich überlegen?» Er berichtet von einem Fall, bei dem Angehörigen auf einem kirchlichen Friedhof verboten wurde, einen Grabstein mit einem Fußball-Logo aufzustellen. «Es musste ein Kreuz sein.»

Der Deutsche Städtetag hat das grundsätzliche Problem erkannt. «Auch wenn insgesamt weniger Fläche benötigt wird, müssen die Friedhöfe einschließlich ihrer baulichen Anlagen weiterhin unterhalten werden», beschreibt der Hauptgeschäftsführer des Städtetages, Helmut Dedy, das Problem. «Einige Städte erhöhen deshalb die Gebühren für Urnengräber, um diese stärker an den Erhaltungskosten des Gesamtensembles Friedhof zu beteiligen.» Andere erhöhen die Zuschüsse.

Der Hamburger Friedhof Ohlsdorf ist mit seinen rund 200.000 Grabstätten der größte Parkfriedhof der Welt - und eigentlich viel zu groß. «Wir haben rund 400 Hektar, bräuchten aber eigentlich nur 100», sagt Hedda Scherres, Sprecherin der Friedhofsverwaltung. Sie sieht heute eine regelrechte «Konkurrenz der Friedhöfe». Der Grund dafür: «Wir haben seit den 1970er Jahren einen immer stärker werdenden Trend zur Urne.» Von den 16.599 Menschen, die 2018 insgesamt auf einem Hamburger Friedhof bestattet wurden, wurden nur noch rund 4000 in einem Sarg in der Erde beigesetzt. Die Friedhofsverwaltung steht also vor der Frage: «Was machen wir mit den Flächen?»

Friedhofspark statt Parkfriedhof?

Antworten auf diese Fragen sucht derzeit die Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe mit dem Wettbewerb «Raum für Trauer - Ideen für den Friedhof der Zukunft». «Sie können eine Friedhofsfläche ja nicht einfach in einen Grillplatz oder ein Fußballfeld umwandeln», sagt Kathrin Volk, Professorin für Landschaftsarchitektur und Entwerfen an der Hochschule. Sie habe einmal in einem Selbstversuch im Hasepark-Friedhof in Osnabrück neben einem Grab gepicknickt, um herauszufinden, was möglich sein kann auf frei werdenden Grabflächen, die sie «Friedhofsfolgelandschaften» nennt. «Das war schon ziemlich strange. Man muss das üben.»

Trauer und Friedhöfe seien ein Thema, das Pietät erfordere. Man müsse sich also fragen, wie man frei werdende Friedhofsflächen angemessen und würdevoll «mit der Stadt verzahnen» kann. Im Zentrum stehen aus ihrer Sicht dabei aber «nicht die Toten, sondern die Lebenden».

Autor

Von Britta Schultejans
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 10. 2019
10:07 Uhr

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31. 10. 2019
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