Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

 

So klappt es besser mit dem Familienchat

«Papa hat die Sprachnachrichten-Funktion entdeckt» oder «Heute gab es Kohlrabi mit Geflügelfrikadellen»: Nachrichten aus Familienchats können ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen. Den einen freut's, der andere will die Gruppe lieber verlassen.



Familienchat
Ob Absprachen über den Speiseplan oder Fotos aus dem Urlaub - im Familienchat werden die Mitglieder auf dem Laufenden gehalten. Doch ein Ersatz für persönliche Treffen ist er nicht.   Foto: Sina Schuldt

Mama schreibt... Mama schreibt... Mama schreibt... Eine gefühlte Ewigkeit später: Pling! Auf dem Bildschirm erscheint ein gelbes, zwinkerndes Gesicht. Oder ein Daumen hoch. Oder eine Hummel.

Sogenannte Messenger-Dienste wie WhatsApp und Threema ermöglichen eine Familienzusammenführung der anderen Art. In Gruppen treffen hier Generationen aufeinander - mit ihrer ganz eigenen Kommunikation und teils kuriosen Folgen.

Für manche sind diese Familienchats die Möglichkeit, regelmäßiger von Angehörigen zu hören und zu lesen, die man sonst nur auf Großmutters 80. trifft. Andere nervt das ständige Nachrichtenrauschen, das Gruppenchats so mit sich bringen. Und wieder andere amüsieren sich köstlich. Das Internet ist voll von Anekdoten und schiefgegangenen Konversationen - mal als Ich-Erzählung, mal dokumentiert über Screenshots.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten

Herausforderung Nummer eins: das Tempo. Eine Generation, die quasi mit dem Smartphone aufgewachsen ist, reagiert und tippt meist deutlich schneller als ein angehender Silver Surfer, der sein erstes Handy mit Mitte 50 bekommen hat. Dann spielt die automatische Rechtschreibkorrektur immer wieder Streiche. Ebenfalls weit auseinander driften manchmal die Interpretationen von Emojis - jener kleinen Zeichen, die die Stimmungslage ausdrücken sollen und die längst um Obst, Gemüse, Sportarten und Einhörner ergänzt sind.

Selten sind auch sämtliche Familien- und Chatgruppen-Mitglieder Fans von Kettenbriefen, (vermeintlich) lustigen Weihnachtsvideos, minutenlangen Sprachnachrichten und detailreichen, oft zusätzlich noch fotografierten Infos über das erste Abendessen im Urlaub. Apropos: Manche Gruppen dienen einzig der reichweitenstarken Verbreitung von Impressionen der ersten Ferien mit den Kindern. Wenn dann jeder Opa, jede Großtante, jeder Patenonkel Entzücken kundtut, bekommt das leicht Spam-Charakter. Ja, man kann Benachrichtigungen über neue Beiträge ausstellen und als Ultima Ratio sogar aus Gruppen austreten. Aber nein, nicht jeder muss seinen Senf zu allem geben.

Chancen und Risiken

Medienpsychologe Tobias Dienlin von der Universität Hohenheim in Stuttgart sieht bei dem Thema viel Positives: «Wenn man soziale Medien nutzt, um aktiv zu kommunizieren, führt das dazu, dass man auch auf anderen Kanälen häufiger kommuniziert.» Gespräche würden fortgeführt, reale Treffen wahrscheinlicher. Gerade ältere Menschen bekämen so die Chance, Kontakte zu pflegen, was sonst für sie vielleicht aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich wäre.

Aber er weist auch auf Risiken hin: «Kommunikation ist nicht gleich Kommunikation.» Ein Bild aus dem Urlaub zu schicken, gehe zwar schneller - reiche aber im Zweifel nicht aus. «Nachgewiesen ist, dass es uns gut tut, im gleichen Raum zu sein, sich zu berühren», so Dienlin. «Da reagiert der Körper ganz anders drauf, als wenn man das nur digital macht.» Wichtig sei ein «Cocktail» von Kommunikationswegen. «Das darf man nicht alternativ sehen.» Zudem steige die Gefahr von Missverständnissen: «Nicht alles lässt sich gut über Messenger kommunizieren, weil nicht alles mitgesendet wird.»

Knigge für den Chat

WhatsApp und Threema haben auf ihren Seiten technische Informationen zu Chatgruppen. Eine Art Knigge dafür wiederum bietet beispielsweise Vodafone, darunter die Regeln 2 und 3: Fasse dich kurz und achte auf die Lesbarkeit. Weiter heißt es da: «Noch ein Tipp: Das Schreiben in GROSSBUCHSTABEN wird immer noch als Schreien interpretiert und die Verwendung mehrerer Satzzeichen hintereinander wie «???????» deutet schnell auf eine gewisse Genervtheit deinerseits hin.»

Inzwischen wird der Familienchat sogar verballhornt, immer wieder kursieren Bilder von gestellten Chatverläufen im Netz: Statt Mama, Papa und Bruder unterhalten sich dann zum Beispiel (angeblich) Angela Merkel, Wladimir Putin und Donald Trump über Weltpolitik im Stil einer familiären Konversation. Samt Gruppenbei- und -austritten.

Dass mit Familienchats nicht immer zu spaßen ist, machte Anfang des Jahres ein Fall am Oberlandesgericht Frankfurt am Main deutlich: Ein Mann hatte schon in zweiter Instanz gegen seine Schwiegermutter geklagt, dass diese nicht länger in einer WhatsApp-Gruppe vor anderen Familienmitgliedern behaupten dürfe, er habe seinen Sohn misshandelt. Doch er bekam kein Recht. Das Gericht argumentierte: «Innerhalb des engsten Familienkreises besteht ein ehrschutzfreier Raum, der es ermöglicht, sich frei auszusprechen, ohne gerichtliche Verfolgung befürchten zu müssen.» Auf gut Deutsch: In Familienchats dürfen bei Auseinandersetzungen die Fetzen fliegen.

Veröffentlicht am:
13. 08. 2019
10:23 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angehörige Brüder Bundeskanzlerin Angela Merkel Chat Deutsche Sprache Donald Trump Familien Familienmitglieder Internet Mütter Oberlandesgericht Frankfurt am Main Social Media Söhne Universität Hohenheim Vodafone Wladimir Wladimirowitsch Putin
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Was ein Outing für Eltern bedeutet

11.09.2020

Was ein Outing für Eltern bedeutet

«Ich liebe das gleiche Geschlecht»: Ein ganz normaler Satz, der manche Eltern hilf- und ratlos macht. Was ihnen helfen kann? Die Erkenntnis, dass sich an der Liebe zum Kind dadurch nichts ändert. » mehr

Kinder nutzen Smartphones

09.07.2020

Macht das Smartphone krank?

Während der coronabedingten Einschränkungen ermöglichten digitale Medien Jugendlichen das Homeschooling und den Austausch mit Freunden. Doch Smartphone und Co. haben nicht nur Vorteile, warnen Experten. » mehr

Ein Selfie

07.08.2020

Das gilt für Familienfotos im Netz

Die kleine Tochter beim Mittagsschlaf, Mama in einer komischen Pose: Familienfotos in sozialen Netzwerken können peinlich bis unangenehm werden. Wie entscheiden Familien, welche Fotos ins Netz dürfen? » mehr

Freundschaften im digitalen Zeitalter

30.07.2020

Freundschaften im digitalen Zeitalter

Enge Beziehungen zu pflegen scheint durch soziale Medien heute einfacher. Wie haben sich Freundschaften durch neue Technologien verändert? » mehr

Minderjährige Influencer

22.07.2020

Wenn Kinder als Influencer Geld verdienen

Kinder-Influencer sorgen mitunter für das Einkommen der ganzen Familie. Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht in vielen Fällen eine neue Form von Kinderarbeit - und fordert einen besseren Schutz für Minderjährige, die im Ne... » mehr

Harmonische Familie

07.02.2020

Sag bloß nichts über die Schwiegereltern!

Manchmal wird man einfach nicht warm mit den Eltern des Partners. Viele übersehen: Der Ärger mit den Schwiegereltern hat oft etwas mit der Partnerschaft zu tun. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
13. 08. 2019
10:23 Uhr



^