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Schweigen, küssen, Party feiern - Abenteuer Schüleraustausch

Eine Woche ohne Eltern - das schätzen Jugendliche am Schüleraustausch meist ganz besonders. Sehenswürdigkeiten und die fremde Sprache? Auch gut, nimmt man so mit. Die Hauptsache? Party! Aber was lernen Schüler dann überhaupt in England, Frankreich oder Spanien?



Austauschschüler Louis aus der Schweiz
Austauschschüler Louis Matthey (l-r) aus der Schweiz mit seiner Gastfamilie, Clara, Eva, Anja und Jens Ehrhardt.   Foto: Robert Michael

Ungewohntes Essen, Partys, Heimweh und vielleicht der erste Kuss sind unvergessliche Erinnerungen an einen Schüleraustausch. Generationen von Schülern haben in Paris Fotos unterm Eiffelturm geknipst oder vor dem Buckingham-Palast in London posiert - klassische Ziele für einen Austausch.

Auch mit Polen, Russland, Israel und vielen anderen Ländern gibt es Programme. Bundesweit zählten allein die Fach- und Förderstellen für internationale Jugendarbeit nach den jüngsten Zahlen mehr als 185.000 Schüler, die 2017 an einem kurzfristigen Austausch teilgenommen hatten. Es ist ein Abenteuer für Gastfamilien und Teenager - mal schön, mitunter auch etwas merkwürdig.

Ein paar Anlaufschwierigkeiten

«Nie wieder Frankreichaustausch» hatte sich Sandra Lindner aus Hohenbrunn bei München vor ein paar Jahren geschworen, nachdem ihre ältere Tochter eine Woche lang eine Französin bei sich hatte. «Die hat nicht Muh und nicht Mäh gesagt», erinnert sie sich. Eine andere Mutter berichtet Ähnliches von ihrem Gast: «Seine Stimme kannte ich gar nicht.»

Was tun? Mit ein paar Fragen das Eis brechen im Stile von «Für welchen Fußballverein bist Du?», «Was ist Dein Lieblingsessen?». Eine schwache Reaktion, ein leises «Ja» oder «Nein». Erneuter Versuch mit etwas eingerostetem Schulfranzösisch: «Qu'est-ce que tu...», schon fehlen die Worte, während der eigene Teenager - selbst eher wortkarg - betreten schaut. «Musst Du immer so viele Fragen stellen?»

Louis aus der französischen Schweiz hat Verständnis für solche Anlaufschwierigkeiten. Seit Herbst wohnt er für gut ein Jahr bei Familie Ehrhardt in Dresden und besucht die 11. Klasse im Gymnasium. «Ich war anfangs ein bisschen frustriert, nichts zu verstehen und nichts sagen zu können», erinnert sich der 17-Jährige. Mittlerweile ist er begeistert von Schule und Familie und versteht fast alles. Als er über Ostern seine Familie in der Schweiz besuchte, hatte er ein merkwürdiges Erlebnis: «Ich war so im Deutschmodus, ich musste mich konzentrieren, um auf Französisch zu sprechen.»

Neue Freunde und Erfahrungen

Die Dresdner Gastfamilie hat Louis ins Herz geschlossen. «Wir denken jetzt schon mit Wehmut daran, dass wir Abschied nehmen müssen», meint die Mutter Anja Ehrhardt. Und weil der 17-Jährige gerne Ausflüge mit der Familie machte, fanden auch ihre pubertierenden Töchter wieder Gefallen daran. «Das hat uns als Familie zusammengeschweißt», findet Ehrhardt. Zudem lernte Louis mit den Töchtern. «Meine Mädchen sind viel besser geworden in Französisch.»

Bei einwöchigen Programmen ist das eher nicht der Fall. Muss es auch nicht, erklärt Bernd Böttcher von der bundesweit tätigen Initiative Austausch macht Schule in Hamburg. Ein Austausch vermittle soziale Kompetenzen und sei gut fürs Selbstwertgefühl. Die Schüler lernten zudem eine andere Kultur kennen und merkten, dass die Jugendlichen in anderen Ländern ähnliche Interesse und Probleme hätten. «Es ist nicht alles nur fremd, es ist vieles auch vertraut», so Böttcher.

So sieht es auch die Französischlehrerin Sabine Kubik-Heindl vom Gymnasium Neubiberg bei München. Seit mehr als 25 Jahren gibt es dort für Neuntklässler Kontakte nach Frankreich. Im Herbst waren Schüler in Paris, Vouziers und Rethel, vor kurzem fand der Gegenbesuch statt. «Es ist bei vielen ein Motivationsschub, wenn sie sehen: was ich mühsam erlerne, kann ich tatsächlich anwenden», sagt Kubik-Heindl.

Nicht wandern, Party machen

Das beobachtet auch die Deutschlehrerin Sylvie Kühner vom Collège Bernard Palissy in Paris. Wobei das mit dem Anwenden so eine Sache ist, wenn die Schüler unter sich sind: «Ich habe festgestellt, dass sie die ganze Zeit Englisch zusammen reden.» Auch moderne Medien machten sich bemerkbar. Früher habe man viel mehr mit der Gastfamilie unternommen. «Heute haben die Jugendlichen alle ein Handy und können sich dauernd verabreden», bedauert Kühner.

Sabine Giloth aus Neubiberg kann das bestätigen. Sie hatte kürzlich zum zweiten Mal einen Franzosen zu Gast: «Wandern wollten sie auf keinen Fall, die wollten nur Party machen», erzählt sie. Auch Kultur sei nicht so angesagt gewesen. «Aber das ist ja eigentlich auch viel cooler. Denn an was erinnert man sich denn? Bestimmt nicht an Schloss Nymphenburg, sondern eher ans Picknick an der Isar.» Das Feiern kam bei den Neubiberger Schülern wirklich nicht zu kurz. «Am Wochenende gab es jeden Abend eine Party», sagt Marie müde, aber zufrieden.

«Einfach nur drauf losreden»

Welche Erfahrungen bleiben? «Einfach nur drauf losreden und nicht so schüchtern sein», rät Lena. Und Floriane (14) aus Paris erzählt: «Ich habe viele Wörter gelernt, zum Beispiel «Klammern». Das haben wir in Mathe gemacht». Auch der Wortschatz von Pierre (15) aus Rethel wurde bereichert: «Ich bin einverstanden. Saufen. Auf geht's, Burschen!».

Alles beim Alten also. «Auf einer der vielen Partys vergnügten sich die pickeligen englischen Jungs damit, Würstchen in Mineralwasser aufzulösen», erzählt ein 47-Jähriger vom England-Austausch vor gut 30 Jahren. «Die englischen Mädchen waren reifer. Sie griffen die «German Boys» ab und waren dabei oft nicht wählerisch oder prüde.» Aufregend, so wie ihr schräges Outfit, «an Madonna angelehnt».

Und auf der Fahrt zum Kölner Dom sahen die deutschen Schüler staunend, wie sich die Engländerinnen im Bus noch schnell die Achseln rasierten. Beim Gegenbesuch in England dann die Überraschung, wirkten die Mädchen in ihrer Schuluniform plötzlich ganz züchtig. «Aber aus dem Blickwinkel von Lehrern und Eltern verschwunden...»

Veröffentlicht am:
24. 05. 2019
10:43 Uhr

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dpa

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24. 05. 2019
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