Lade Login-Box.
Topthemen: Südthüringen kocht 2020Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Alltag im Waldkindergarten mit «Händewascherde» und Spechten

Toben, lernen und dabei die Natur entdecken - das ist in Waldkindergärten möglich. Der Trend aus Skandinavien ist längst auch in Deutschland angekommen. Zu Besuch bei einer Gruppe im Wiesbadener Stadtwald.



Waldkindergarten Zappelphilipp
Kinder beobachten mit der Erzieherin Ulrike Franken einen Specht.   Foto: Andreas Arnold » zu den Bildern

Es sieht nicht so scharf aus, aber es ist knallscharf», sagt Bela. Der Fünfjährige hat sich mit einem Klapp-Kindermesser einen Stock angespitzt und zeigt ihn stolz herum. Ganz nebenbei lernt er dabei auch noch etwas über Spechte.

Aus einem Baum gegenüber lärmen nämlich die Jungen. Immer wieder fliegen die Vogeleltern ins Loch, um die Kleinen zu versorgen. «Der Baum, in dem die Spechte wohnen, ist tot, oder?», fragt Bela die Erzieherin Ulrike Franken, die neben ihm auf einem Baumstamm Platz genommen hat. Sie bejaht und erklärt dem Jungen, warum es daher wichtig ist, tote Bäume nicht abzuholzen.

Franken, Bela und die anderen 16 Kinder gehören zum Wiesbadener Waldkindergarten Zappelphilipp , einer Elterninitiative, die 1981 gegründet wurde. Das Konzept des Waldkindergartens stammt aus Skandinavien. Vor allem Dänemark gilt als Vorreiter. Bundesweit existieren laut dem Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland (BvNW) etwa 1500 derartige Einrichtungen, Tendenz steigend. In Hessen gibt es nach Angaben des Sozialministeriums knapp 100 Erziehungsstätten, die sich Wald- oder Naturkindergarten nennen.

Bei den Zappelphilippen betreuen zwei Erzieherinnen die Kinder zwischen zwei und sieben Jahren. Nur bei Gewitter- oder Sturmwarnungen zieht sich die Gruppe in ihr Domizil am Waldrand zurück. Drei Räume stehen ihnen dort zur Verfügung. «Ansonsten sind wir bei Wind und Wetter draußen», erklärt Erzieherin Heide Schleider. «Auch im Winter, dann allerdings nicht ganz so lange.» Viel braucht es dafür nicht: Matschhose, feste Schuhe, Waschlappen und warme Kleidung für die kalte Jahreszeit.

Um im Wald zurecht zu kommen, sind für die Kinder gewisse Regeln verpflichtend, neun an der Zahl. Die werden jeden Morgen beim Frühstückskreis wiederholt und so verinnerlicht. Damit kein Kind sich abseilt und verloren geht, gilt: «Wir antworten, wenn wir gerufen werden.» Sind die Kids unterwegs, rufen beide Erzieherinnen zwischendurch ihre Namen.

Wollen die Jungen und Mädchen einen Geheimweg entdecken, müssen sie das vorher besprechen. «Und sie sollen immer zu zweit unterwegs sein. Will ein Kind zurück, gehen beide», sagt Schleider. Wege, Baumstämme und Furchen markieren für Außenstehende unsichtbare Grenzen, die die Kinder aber sehr wohl kennen. Wer diese massiv überschreitet, muss bei den Erzieherinnen bleiben und darf erst einmal keine Geheimwege mehr gehen. «Je älter sie werden, desto mehr wachsen sie in die Verantwortung hinein», sagt die 62-Jährige.

Erst vor einigen Wochen gingen in einem Wald nahe Niederaula drei vierjährige Mädchen verloren. «Das ist natürlich der Albtraum jeder Erzieherin», kommentiert Schleider. Die Kinder gehörten zu einer 23-köpfigen Gruppe, die mit zwei Erzieherinnen bei einem Waldprojekttag unterwegs waren. Die drei Mädchen hatten sich von einer Waldhütte etwas entfernt und sich dann verlaufen. Nach einer groß angelegten stundenlangen Suche wurden sie gefunden.

Lotte, Ophelia, Frieda und Roja wollen gerade gar keine neuen Wege entdecken. Sie haben sich einträchtig um einen Erdhaufen versammelt und formen Brötchen oder Klöße aus Matsch. «Wasseralarm, Wasseralarm!», kreischt Lotte. Es muss ganz schnell Wasser aus einer Pfütze her. Sonst werden die Brötchen zu bröselig. Zwischendurch reicht immer eines der Mädchen trockene «Händewascherde» herum. Dann wird es wieder still und jedes Kind matscht ruhig und mit größtem Genuss vor sich hin.

Draußensein fördere die Konzentration, erklärt Helga Forssman. Sie ist Erzieherin im Wanderkindergarten , der bereits vor 50 Jahren als nach eigenen Angaben erster deutscher Wanderkindergarten in Wiesbaden ins Leben gerufen wurde. «Die Kinder sind ruhiger, weil Stress und Lärm wegfallen. Sie sind weniger aggressiv und überreizt, die Atmosphäre ist wesentlich entspannter», sagt Forssman. Dazu kommt laut den Erzieherinnen: Alle sind selbstständiger, helfen sich gegenseitig und organisieren sich gut.

«Die Natur harmonisiert, mein Sohn blüht hier richtig auf», sagt Ullrich Kinzler, Vorstand der Elterninitiative Zappelphilipp. «Das Leben im Wald macht die Kinder psychisch, physisch und intellektuell fähiger.»

Eltern schickten ihre Kinder ganz bewusst in einen Waldkindergarten, konstatiert Forssmann. «Diese Eltern haben auch keine Bedenken, dass ihre Jüngsten zu wenig lernen», sagt die 67-Jährige. «Wer sein Kind in den Waldkindergarten gibt, muss sich von Bekannten schon die Vorurteile anhören», berichtet Heiko Rosenthal, Vorstand des BvNW. Nach seinen Erfahrungen hätten die Kinder jedoch keine Defizite, im Gegenteil. Die Kleineren lernten schnell von den Größeren. «Sie können ihren eigenen Willen äußern und auch argumentativ darstellen.»

Die Zappelphilippe haben sich inzwischen an ihrem Essensplatz im Wald versammelt und genießen ihre vegetarische Mahlzeit. Auch Bela gesellt sich dazu, das Klappmesser immer griffbereit in der Tasche. Stille stellt sich ein, begleitet nur vom Rufen der Spechte.

Veröffentlicht am:
12. 07. 2018
09:51 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Brötchen Erzieherinnen und Erzieher Mädchen Skandinavien Spechte Sturmwarnungen Waldgebiete Zappel-Philipp
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Dr. Annette Frenzke-Kulbach

16.01.2020

Wie wird man eine Pflegefamilie?

Pflegeeltern schaffen Stabilität für Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können. Doch was passiert eigentlich zwischen der ersten Idee ein Kind aufzunehmen und dessen Einzug? » mehr

Hobby-Namensforscher

30.12.2019

Emma und Ben bleiben die beliebtesten Vornamen

Haben gesellschaftliche Ereignisse und berühmte Menschen Einfluss auf die Wahl eines Vornamens für ein Neugeborenes? Hobby-Namensforscher Knud Bielefeld wertet Geburtsmeldungen aus ganz Deutschland aus und hat Antworten ... » mehr

Fehlende Kitaplätze

20.08.2019

Eltern kämpfen um Rechtsanspruch auf Kita-Platz

Das hätten sich die Müllers nicht träumen lassen: Die Suche nach einem Kita-Platz für ihr Töchterchen ist so schwierig - trotz Rechtsanspruchs. Sie ziehen vor Gericht. » mehr

«Hau ab!»

02.08.2019

Wie mache ich mein Kind stark?

Was ist, wenn Fremde die eigenen Kinder ansprechen? Wenn jemand ihnen sagt: «Komm mit, ich habe Schokolade für dich»? Eltern können ihre Kinder nicht ständig im Blick haben. Aber sie können sie zu Wachsamkeit erziehen, z... » mehr

Essen mit Gabel und Löffel

29.11.2019

Wie Kinder Höflichkeit lernen

Diener und Knicks müssen es nicht mehr sein, aber ein paar Grundregeln guten Benehmens versuchen die meisten Eltern ihren Kindern mitzugeben. Doch was tun, wenn die sich nicht an die Regeln halten? » mehr

Rollstuhlskating

25.10.2019

Mit dem Rollstuhl in der Skateanlage

Es geht um Geschwindigkeit, Tricks und Spaß. In Skateanlagen toben sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus. Die meisten sind auf dem Board, Fahrrädern oder Inlinern unterwegs - manche auch im Rollstuhl. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
12. 07. 2018
09:51 Uhr



^