Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

 

Alleine leben mit Demenz: Ohne Hilfe geht es nicht

Dement sein und trotzdem allein in den vertrauten Wänden daheim leben - das ist bis zu einem gewissen Zeitpunkt durchaus möglich. Und es kann sinnvoll sein. Es klappt aber nur mit einem gut funktionierenden sozialen Netzwerk im Hintergrund.



Alleine leben mit Demenz ist möglich
Auch mit einer Demenzerkrankung kann man erst einmal weiterhin allein leben. Dafür braucht es aber unter anderem ein gutes soziales Netz.   Foto: Armin Weigel/dpa/dpa-tmn

Zu Hause ist es immer noch am schönsten. So sehen es viele ältere Menschen. Jeder dritte über 65-Jährige hat dem Statistischen Bundesamt zufolge im Jahr 2014 allein gelebt. Tendenz steigend. Doch mit dem Alter wächst das Risiko, an Demenz zu erkranken.

Manche Betroffene verschweigen erste Anzeichen - aus Angst, dann vielleicht in ein Heim zu müssen. Dabei muss das nicht sein. Unter Umständen kann auch ein an Demenz Erkrankter vorerst in den eigenen vier Wänden bleiben.

Erste Voraussetzung ist, zu akzeptieren, dass man Hilfe braucht. «Das ist oft die größte Hürde», sagt Ulrike Döring von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland (ADS). Ansprechpartner für jemanden, der bei sich eine beginnende Demenz vermutet, sind Angehörige und der Hausarzt.

Wird eine Demenz diagnostiziert, sind Angehörige und Freunde oft skeptisch, dass der Betroffene weiterhin allein leben kann. Aber: «Das von einem Erkrankten selbstgewählte Zuhause sollte man keinesfalls unterschätzen», sagt Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). Muss jemand gegen seinen erklärten Willen die vertraute Umgebung verlassen und in ein Heim ziehen, kann das den Zustand verschlechtern. Andererseits sind Sorgen, dass der Betroffene sich und andere gefährden könnte, durchaus berechtigt. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

«Voraussetzung für ein weiteres Alleinleben einer dementen Person ist in aller Regel ein funktionierendes soziales Netzwerk», sagt Saskia Weiß von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft . Jemand muss im Hintergrund die Fäden in der Hand halten. Ein ambulanter Pflegedienst etwa übernimmt die Medikamentengabe, eine Hilfe kümmert sich um bestimmte Tätigkeiten im Haushalt, das Mittagessen liefert ein Anbieter von «Essen auf Rädern», Ehrenamtliche begleiten den Betroffenen gelegentlich zu Essensrunden oder etwa zu Museumsbesuchen. So ist gewährleistet, dass Menschen mit Demenz weiter Kontakte pflegen.

Auch Nachbarn kann man einbeziehen. «In vielen Kirchengemeinden gibt es zudem Ehrenamtliche, die einen Kranken regelmäßig zu Hause besuchen», sagt Döring. Meist koordinieren die Kinder oder andere Angehörige das Netzwerk.

Und wenn keine Angehörigen da sind? «Dann sind es oft die ambulanten Pflegedienste, die bei Bedarf für einen Erkrankten weitere Hilfen organisieren», erklärt Sowinski. Aber: «Auch bei bester Organisation ist eine 24-Stunden-Betreuung nicht möglich», sagt Weiß. Darum braucht der Demenzkranke einen Hausnotruf. Das ist ein kleiner Melder, den er an einem Band am Arm oder an einer Kette um den Hals trägt und in einem Notfall drückt.

Angehörige oder der ambulante Pflegedienst sollten zudem regelmäßig mögliche Gefahrenquellen in der Wohnung ausloten, rät Weiß. Neigt der Demenzkranke etwa dazu, die Herdplatte anzulassen oder den Wasserhahn nicht zuzudrehen, können Sicherungssysteme angebracht werden. Streichhölzer entfernt man vielleicht lieber aus der Wohnung.

Der Betroffene selbst sollte möglichst offen mit seiner Krankheit umgehen. «Das erfordert Mut», räumt Weiß ein. Aber gibt jemand freimütig zu, dement zu sein und sich deshalb manchmal nicht zurechtzufinden, stößt dies bei anderen oft auf Verständnis und Hilfsbereitschaft. Generell sollte das Umfeld einem an Demenz Erkrankten aber nur an den Stellen zur Seite stehen, wo er Hilfe braucht. Ist jemand noch mobil, hat aber Schwierigkeiten bei der Orientierung, muss man ihm zum Beispiel nicht gleich das Einkaufen abnehmen. Besser ist es, eine Begleitung zu organisieren.

Doch das Alleinleben eines Demenzkranken hat auch Grenzen. Etwa dann, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist und er für sich oder andere zur Gefahr wird. Weigert sich der Betroffene, in ein Heim umzuziehen, kann ihm vom Amtsgericht ein Betreuer an die Seite gestellt werden, der alles weitere veranlasst. Dafür spricht jemand bei Gericht vor und gibt an, dass nach seinem Eindruck etwa die Nachbarin ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln kann. Das Gericht wird auf diesen Hinweis hin aktiv.

Eine allgemeine Aussage darüber, wann ein Mensch mit Demenz nicht mehr alleine leben kann, kann aber niemand treffen, erklärt Weiß: «Die Entscheidung ist immer individuell.»

Veröffentlicht am:
12. 01. 2018
04:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alzheimer-Krankheit Angehörige Demenz Demenzkranke Kranke Pflegedienste Soziale Netzwerke Statistisches Bundesamt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Demenz im Altenheim

21.09.2018

Heime schaffen für Demenzkranke richtige Umgebung

Betroffene ringen um Worte, erkennen die Familie nicht mehr. Alois Alzheimer erklärte dieses Vergessen erstmals mit Hirnveränderungen. Heilung gibt es nicht. Neue Ansätze versuchen, den Patienten besser gerecht zu werden... » mehr

Seniorenbetreuung

18.09.2017

Entlastungsangebote - Pflegebedürftige bekommen Alltagshilfe

Ambulant vor stationär - Pflegebedürftige sollen möglichst lange selbstständig bleiben. Das wird angesichts der alternden Gesellschaft immer wichtiger. Der Pflegemarkt stellt sich gerade darauf ein. » mehr

Elterntaxi zur Schule

10.06.2018

Warum Kinder zu Fuß in die Schule gehen sollten

Kinder allein im Straßenverkehr - viele Eltern halten das für zu gefährlich. Zum Kindersicherheitstag warnen Experten: Wenn die Kleinen immer nur kutschiert werden, wird es erst richtig gefährlich. » mehr

Zum Muttertag

11.05.2018

Sieben Punkte zum Muttertag

Blumen, Pralinen, Parfüm: Bei den Geschenken zum Muttertag zeigen sich die Bundesbürger seit Jahren wenig originell. Dabei gibt es eine Menge interessanter Ideen. Wie wäre es beispielsweise mit einem Unterwasserlicht für... » mehr

Pedelec Training

11.05.2018

Sicherheitstraining für Senioren auf dem Pedelec

Es ist Mai, Fahrrad- und auch Pedelecsaison. Senioren lieben die Räder mit Elektroantrieb besonders - und verunglücken damit auch besonders häufig. Verpflichtende Sicherheitstrainings aber will niemand. » mehr

Kinderlos

07.03.2018

Kinderlos im IT-Job: Berufswahl beeinflusst Familienplanung

Der Fokus beim Thema Kinderlosigkeit verschiebt sich von Akademikerinnen auf Frauen mit niedrigerem Bildungsabschluss. Experten fordern bessere Rahmenbedingungen. Zudem sollte ihrer Ansicht nach die Situation der Männer ... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
12. 01. 2018
04:47 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".