Lade Login-Box.
Topthemen: Südthüringen kocht 2020Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Spielwarenbranche entdeckt Bewegung

Smartphones und Apps haben die Kinderzimmer bereits erobert. Jetzt kommt der Gegentrend. Die Spielwaren-Industrie legt das Augenmerk wieder auf ein traditionelles Gebiet: die Bewegung.



Michelle Obama
Beim sogennanten «Easter egg roll» 2015 warb Michelle Obama, damalige First Lady der USA, mit einer Tanzperformance für ihre Kampagne «Let's Move». Foto: Olivier Douliery/ Pool/ABACAUSA.COM  

Kinder hocken nur noch vor dem Fernseher, hat es früher schon geheißen. Heute - befürchten einige - ziehen Smartphone und Tablet den Nachwuchs noch mehr in den Bann. Da bedeuten Apps für die Spielwarenbranche eine gute Ergänzung des Geschäfts.

Jetzt aber will die Industrie auch den Gegentrend nutzen. Digitaler Stress und Mangel an Bewegung verlangen nach Ausgleich - mit Hilfe von Spielsachen soll der gelingen. Um dafür zu werben, beansprucht die Branche sogar Ex-First-Lady Michelle Obama.

Was wäre besser geeignet als eine Balancier-Rolle mit Gummireifen, um «Balance in der Alltagswelt» zu bringen? So steht es auf der Webseite der weltweit größten Spielwarenmesse, die am 1. Februar in Nürnberg beginnt. Das Gerät soll Motorik und Koordination trainieren, ein Yoga-Spiel zu Gymnastik im Kinderzimmer anregen, ein Malbuch entspannen - zum Ausgleich auch für die Spiele-Apps, die die Industrie ebenfalls verkauft. «Body and Mind» nennt die Branche das Segment, das sie als einen der großen Trends für dieses Jahr ausruft.

Für 2016 zeichnen sich dabei positive Geschäftszahlen für die Branche ab. Die Verbrauchermarktforschung npdgroup rechnet mit fünf Prozent Umsatzwachstum für den deutschen Markt - repräsentativ für rund 80 Prozent des Marktes. Die endgültigen Zahlen für das vergangene Jahr sollen im März vorliegen. 2015 hatte der Jahresendspurt der Branche einen Rekordumsatz von gut 3 Milliarden Euro beschert.

Wie groß der Anteil des Segments «Body and Mind» daran ist, lässt sich kaum abgrenzen, schließlich gehören dazu sehr unterschiedliche Spielsachen. Das Sortiment auf konkrete Absatz- und Umsatzzahlen zu beziehen, sei schwierig, erklärt Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels (BVS). «Body and Mind» sei aber ein Thema, dessen Potenzial in der Zukunft liegt.

Die Smartphone-App Pokémon Go hat vergangenen Sommer viele Menschen auf die Straßen gebracht, Bewegung war Spielprogramm. Smartphone oder Tablet und Dienste wie Whatsapp oder Instagram seien zwar aus dem Leben gerade von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken, heißt es auf der Webseite. Doch ohne Digitales soll es auch gehen, denn dazu kämen ja steigende Erwartungen an die schulischen Erfolge. «Diese digitale und mentale Belastung führt zu Stress.»

Das sieht auch Mathias Albert, Soziologe an der Universität Bielefeld und Mit-Autor der Shell-Jugendstudie, so. «Der Lebens- und Bildungsweg ist weniger planbar, es herrscht bei Kindern und Jugendlichen eine große Verunsicherung», erklärt er. «Es gibt Notendruck, gepaart mit der Frage: Was bringt mir eine gute Note eigentlich?» Hinzu kommt ein Unterschied zur Hochzeit des Fernsehers: Durch die Smartphones seien Kinder und Jugendliche immer und überall erreichbar, sagt Albert. «Dass das Stress induziert, ist eindeutig.»

Stress: Ein Wort, das Konjunktur hat und für alles steht, was es gerade für - ja - gestresste Eltern zu mindern gilt. Ein anderes Wort taucht dagegen nicht auf: Übergewicht. Auf der Webseite der Messe ist lieber vom Ziel die Rede: «Fitness und Bewegung». In Deutschland ist nach den aktuellsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts fast jedes fünfte Kind übergewichtig oder gar fettleibig.

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge braucht ein Kind jeden Tag mindestens 60, eigentlich 90 Minuten Bewegung am Stück. «Aber selbst die Stunde von über den Tag verteilten und addierten moderaten bis intensiven Bewegungszeiten schafft ein erschreckender Anteil der Heranwachsenden in Deutschland schon nicht», sagt Swantje Scharenberg, Leiterin des Karlsruher Forschungszentrums für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS).

Auch weil sie die Nachmittage im Internet verbringen, bewegten sich Kinder deutlich seltener, deshalb seien mehr von ihnen gefährlich dick, heißt es in der Kampagne «Let's move» von Michelle Obama, der ehemaligen First Lady der USA. Das Projekt soll Kinder wieder körperlich aktiv werden lassen - und die Spielwarenmesse in Nürnberg hängt sich auf ihrer offiziellen Webseite dran. Dass die Spielwaren-Industrie etwa den Yoga-Boom der Erwachsenen aufgreift, hält Sportwissenschaftlerin Scharenberg für geschickt. «Was auch immer zu mehr Bewegung, Spiel und Sport verhilft, wir sollten es nutzen - alle.»

Soziologe Albert ist da anderer Meinung. «Die Idee, Kinder mit Spielzeug zu mehr Bewegung zu motivieren, halte ich - offen gesagt - für groben Unfug.» Man brauche nur vor die Tür zu gehen, und praktisch jeder habe ein Fahrrad. «Also daran liegt es nicht.» Zu diskutieren wäre ihm zufolge eher, den Nachwuchs übers Smartphone dazu zu bewegen, an die frische Luft zu gehen - wie eben mit dem Spiel Pokémon Go. Daran arbeitet auch Scharenbergs Institut: eine App für die ganze Familie, die die individuelle Aktivität kontinuierlich misst und die Gemeinschaft zu mehr Bewegung motivieren soll.

Veröffentlicht am:
31. 01. 2017
09:55 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Apps Barack Obama Fettleibigkeit Kinderzimmer Michelle Obama Motivation Robert-Koch-Institut Smartphones Soziologinnen und Soziologen Spiele-Apps Spielwarenbranche Spielwarenmessen Stress Universität Bielefeld Weltgesundheitsorganisation
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Hans-Joachim Simon

vor 23 Stunden

Spielzeug soll nachhaltiger werden

Spielsachen können sehr kurzlebig sein. Sie gehen schnell kaputt oder werden den Kindern langweilig. Jetzt will die Branche nachhaltiger werden. » mehr

Spielwarenmesse in Nürnberg

29.01.2019

Spielwarenbranche setzt auf «Kidults»

Sie bauen Todessterne, steuern Loks und sammeln Spielfiguren: Die Rede ist nicht von Kindern, sondern von Erwachsenen. Sie werden für die Spielwarenhersteller immer wichtiger. » mehr

Friedhof

21.11.2019

Friedhöfe in Zeiten des Wertewandels

Auf deutschen Friedhöfen ist viel geregelt. Selbst beim Grabschmuck darf nicht jeder machen, was er will. Experten zufolge passen jedoch zahlreiche Vorgaben nicht zum Bedürfnis vieler Menschen, ihre toten Angehörigen ind... » mehr

Schulsport

03.01.2020

Reicht Schulsport überhaupt noch aus?

Kaum können sie laufen, verbringen sie den Tag oft sitzend vor einem Bildschirm. Und wie bekommt man die Kinder nun wieder in Fahrt? Denn die meisten bewegen sich im Alltag zu wenig. » mehr

Holger Kähler

30.08.2019

Was Gruppenreisen Senioren bringen können

Reisen ist schön, aber manchmal anstrengend - vor allem wenn im Alter die Kräfte nachlassen. Eine Gruppenreise reduziert den organisatorischen Aufwand, kann aber auch eine ganz schöne Umstellung sein. » mehr

Stimmungskiller Handy

17.12.2019

Was Paaren Weihnachten verdirbt

Wer sich an Weihnachten mehr mit seinem Smartphone beschäftigt als mit seinem Partner, sorgt für schlechte Stimmung. Wo noch weitere Stolperfallen lauern, erklärt eine Stilberaterin. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
31. 01. 2017
09:55 Uhr



^