Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

 

2,8 Millionen Kinder in Deutschland von Armut betroffen

Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Armut auf - mehr als jeder fünfte Heranwachsende. Ein ungelöstes Problem. Eine Analyse warnt vor einer Verschärfung infolge der Corona-Krise.



Arme Kinder in Deutschland
Millionen Kinder und Jugendliche leben in Armut. Das hat Folgen für Aufwachsen, Wohlbefinden, Bildung und Zukunftschancen.   Foto: picture alliance / dpa

Benachteiligt, beschämt, belastet. Kinderarmut bleibt einer Analyse zufolge mit dramatisch hohen Zahlen eine «unbearbeitete Großbaustelle» und könnte sich durch Corona noch weiter verschärfen. Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Armut auf - 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen, wie die Bertelsmann Stiftung am Mittwoch berichtete.

«Seit Jahren ist der Kampf gegen Kinderarmut eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland.» Dennoch gebe es seit 2014 im bundesweiten Durchschnitt wenig Verbesserungen.

Die Untersuchung legt eine kombinierte Armutsmessung zugrunde. «Das hat den Vorteil, dass wir auch verdeckte Armut mit aufzeigen können und uns niemand durchs Raster fällt», sagt Projektmitarbeiterin Sarah Menne der Deutschen Presse-Agentur. Es werde die relative Einkommensarmut berücksichtigt - also Kinder aus Familien, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Und auch Heranwachsende im Grundsicherungsbezug sind einbezogen, deren Familien Hartz IV erhalten.

Armut trifft mehr als jeden fünften Heranwachsenden

Kinder- und Jugendarmut verharre trotz langer guter wirtschaftlicher Entwicklung auf hohem Niveau, so die Stiftung. Mit erheblichen Folgen für Wohlbefinden, Aufwachsen, Bildung und Zukunftschancen, sagt Bildungsexpertin Anette Stein. Es trifft mehr als jeden fünften Heranwachsenden - mit starken regionalen Unterschieden.

Um diese darzustellen, eignet sich laut Stiftung die kombinierte Armutsbetrachtung allerdings nicht, für regionale Vergleiche schaue man alleine auf den Grundsicherungsbezug: Danach lebten 2019 bundesweit 13,8 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften. In Westdeutschland stagniere die Quote - sie lag 2019 bei 13,1 Prozent (2014: 12,9 Prozent). Im Osten gab es seit 2014 (22,1 Prozent) zwar einen deutlichen Rückgang, aber immer noch sind es hohe 16,9 Prozent.

Auf kommunaler Ebene habe Gelsenkirchen die bundesweit höchste Zahl: Dort seien 41,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. In Bremerhaven (35,2) und Wilhelmshaven (33,8) werden ebenfalls besonders viele junge Menschen in armen Verhältnissen groß, gefolgt von den Ruhrgebietsstädten Herne, Duisburg, Mönchengladbach und Dortmund mit mehr als 30 Prozent. Nach Bundesländern sieht es demnach in Bremen (31,3 Prozent) und Berlin (27,0) besonders ungünstig aus, in Bayern (6,3) und Baden-Württemberg (8,1) am besten.

Geldmangel hat für Kinder gravierende Folgen

Wie wirkt sich der Geldmangel aus? Zwei Drittel der betroffenen Kinder können mit ihrer Familie nicht einmal eine Woche im Jahr in Urlaub fahren. Bei der Hälfte steht dem Haushalt kein Auto zur Verfügung, bei vielen reicht das Geld nicht für einmal im Monat Kino, Konzert oder Essengehen. Sie können seltener Freunde nach Hause einladen, an Klassenfahrten oder einem Schüleraustausch teilnehmen. Vor allem bei Freizeitgestaltung und sozialer Teilhabe bestehe eine starke Unterversorgung, sagt Stein. «Armut ist das größte Risiko für die Entwicklung von Kindern, zumal sie oft lange anhält oder die gesamte Kindheit andauert.»

Was bewirkt Corona? Es sei mit einem deutlichen Armutsanstieg zu rechnen. «Hinweise sind Rückgänge bei Minijobs, Teilzeitjobs, irregulärer Beschäftigung, die gerade Eltern benachteiligter Kinder häufig ausüben, vielfach alleinerziehende Mütter», erklärt Menne. Sie seien unter den Ersten, die ihre Arbeit verlieren, die wenig oder kein Kurzarbeitergeld erhalten.

Es komme jetzt auf die richtige Weichenstellung an. «Es gibt zwei Möglichkeiten: In der Corona-Krise bleibt die Bekämpfung der Kinderarmut auf Feuerlöscharbeiten beschränkt - ohne nachhaltige Verbesserungen», sagt Menne. Oder? «Corona wirkt wie ein Brennglas, schärft den Blick auf die ungelöste Benachteiligung, und der politische Wille für strukturelle Änderungen nimmt endlich Fahrt auf.» Coronabedingtes Homeschooling habe immerhin schon mal die schlechte Ausstattung armer Kinder verdeutlicht.

Mehr Teilhabe gefordert

Jeder vierte Heranwachsende aus einkommensarmen Familien habe daheim keinen internetfähigen PC. Die Hälfte der Kinder lebe in einer Wohnung ohne genügend Zimmer. Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger verlangt ein Teilhabegeld oder eine eigene Grundsicherung, die alle Leistungen für Kinder bündele. Die Höhe solle vom Elterneinkommen abhängig sein, damit das Geld die wirklich Bedürftigen erreiche, erläutert Anette Stein. Kinder gehörten nicht ins Hartz-IV-System.

Unterstützung für den Vorstoß kommt von Verbänden. Das derzeitige Nebeneinander verschiedener Leistungen für Kinder sei «undurchschaubar und ungerecht», meint die Diakonie. Das Kinderhilfswerk plädiert zusätzlich für einen Sonderfonds für Bildungsprogramme. Auch die Bundestagsfraktionen von Linke, SPD und Grünen mahnen eine Kindergrundsicherung an. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch wirft Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts der seit Jahren anhaltend hohen Zahlen ein «schwerwiegendes Versäumnis» vor. Der Sozialverband VdK betont: «Der Staat ist am Zug.»

Die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh kündigt nun eine monatelange Kampagne «#StopptKinderarmut» in den sozialen Medien an. Familienexpertin Antje Funcke sagt: «Wir müssen von der Jugend selbst hören, was es heißt, arm zu sein und was die Gesellschaft ihnen zur Verfügung stellen sollte.» Und: «Obwohl Kinder nichts für die finanzielle Lage ihrer Eltern können, ist Armut bei ihnen oft mit Scham- und Schuldgefühlen besetzt. Wir müssen also auch ermutigen und Armut enttabuisieren.»

© dpa-infocom, dpa:200722-99-881444/4

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
22. 07. 2020
13:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alleinerziehende Mütter Armut Armut bei Kindern Bertelsmann AG Bertelsmann Stiftung Bundeskanzler der BRD Bundeskanzlerin Angela Merkel Bundesregierungen CDU Deutsche Presseagentur Die Armen Dietmar Bartsch Grundsicherung Hartz-IV Jugendarmut Kindergrundsicherung Kurzarbeitergeld SPD Sozialverband VdK
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Armut im Ruhrgebiet

12.12.2019

Deutschland geteilt in Wohlstands- und Armutsregionen

Kurz vor Weihnachten legt der Paritätische Wohlfahrtsverband einen «Armutsbericht» vor. Diagnose: Insgesamt geht Armut zwar zurück, aber es entstehen neue Problemregionen. Das wirft die Frage auf, wer in einem reichen La... » mehr

Muttertag

07.05.2020

Mütter in der Corona-Krise

Statt Blumen oder Schokolade zum Muttertag wünschen sich viele Frauen schon lange mehr Unterstützung im Haushalt und bei der Erziehung. Bringt die Corona-Krise den Rollentausch - oder ein Rollback? » mehr

Die alleinerziehende Mutter Melanie Hedtfeld

01.04.2020

Besonders Alleinerziehende kämpfen in der Corona-Krise

Einige Bevölkerungsgruppen trifft die Corona-Krise besonders hart: Alleinerziehende zum Beispiel. Melanie Hedtfeld, die einen Pflegedienst leitet, ist zwischen Job und Kind hin- und hergerissen. » mehr

Schüler tragen Mundschutz

23.07.2020

Jugend geprägt durch «neue Ernsthaftigkeit»

Wie tickt Deutschlands Jugend? Alle vier Jahre gibt die Sinus-Studie Einblick in Gedanken, Gefühle und Wünsche der Teenager. Diesmal geht es um die Fridays-for-Future-Generation. » mehr

Heimbewohner

25.11.2019

Kosten fürs Pflegeheim steigen immer weiter

Für Pflege im Heim müssen Betroffene immer tiefer in die Tasche greifen - weitere Kostensprünge sind absehbar. Unklar ist derzeit noch: Werden Pflegebedürftige und ihre Angehörigen künftig entlastet? » mehr

Einkaufshelfer

20.03.2020

«Bleib zuhause - ich geh für dich»

Eine Alleinerziehende, die weiß, wie wichtig ein Netzwerk ist. Ein Lehrer, der jetzt sowieso Homeoffice macht. Ein Student, der selbst eine kranke Mutter hat: Sie alle bieten Hilfe in Corona-Zeiten an. » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
22. 07. 2020
13:14 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.