Lade Login-Box.
Topthemen: Südthüringen kocht 2020Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Deutschland geteilt in Wohlstands- und Armutsregionen

Kurz vor Weihnachten legt der Paritätische Wohlfahrtsverband einen «Armutsbericht» vor. Diagnose: Insgesamt geht Armut zwar zurück, aber es entstehen neue Problemregionen. Das wirft die Frage auf, wer in einem reichen Land wie Deutschland eigentlich als arm gilt.



Armut im Ruhrgebiet
Das einst prosperierende Ruhrgebiet zählt inzwischen zu den ärmsten Regionen Deutschlands.   Foto: Ina Fassbender/dpa

Die Verteilung von Armut in Deutschland hat sich nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in den vergangenen Jahren deutlich verändert.

In seinem an diesem Donnerstag veröffentlichten «Armutsbericht 2019» stellt der Verband eine wachsende Kluft zwischen Wohlstands- und Armutsregionen nicht mehr nur entlang der alten Ost-West-Linie fest, sondern im gesamten Land. Außerdem gebe es einen starken Anstieg von Armut in der Gruppe der Rentner. Oppositionspolitiker sprachen von einem «Armutszeugnis für die Bundesregierung».

Dem Bericht zufolge ballt sich Armut im Osten und in Nordrhein-Westfalen und in mehreren Regionen entlang eines «Nordwestgürtels», der sich von Schleswig-Holstein über Niedersachsen und Hessen bis nach Rheinland-Pfalz zieht. Dem stünden die «wohlhabenden» Länder Bayern und Baden-Württemberg gegenüber, heißt es. Das Ruhrgebiet bleibe mit einer Armutsquote von 21,1 Prozent bei 5,8 Millionen Einwohnern «Problemregion Nummer 1».

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat für seine Auswertung Daten zur sogenannten Armutsgefährdung des Statistischen Bundesamts regionalisiert, die auf Bevölkerungsbefragungen zum Einkommen basieren. Auf der Deutschlandkarte wird so sichtbar, wo Armutsschwerpunkte und weniger von Armut betroffene Regionen liegen. Bundesweit sei die Armutsgefährdungsquote 2018 zwar auf 15,5 Prozent zurückgegangen. Trotzdem «zeichnen sich besorgniserregende Entwicklungen und neue Problemregionen insbesondere in Westdeutschland ab», heißt es in dem Bericht.

Wenn von Armut in Deutschland die Rede ist, geht es weniger um Hunger oder direkte Not. Armut wird in der Bundesrepublik über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe definiert. Die Armutsgefährdungsquote gibt den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Bei einem Ein-Personen-Haushalt lag diese Grenze 2018 bei 1035 Euro im Monat. Eine Familie mit zwei Kindern gilt als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 2174 Euro im Monat für Wohn- und Lebenshaltungskosten zur Verfügung hat.

Aber warum der umständliche Begriff «armutsgefährdet»?

Warum sagt man nicht gleich «arm»? Weil es hierbei nur um Geld gehe, das den Betroffenen zur Verfügung stehe, hieß es am Donnerstag auf Nachfrage beim Statistischen Bundesamt. Armut bemesse sich aber nicht allein am Geld, sondern umfasse mehr. Außerdem seien die Daten immer nur Momentaufnahmen. Wenn beispielsweise ein Selbstständiger bei der stichprobenartigen Einkommensbefragung angebe, dass er in diesem Monat kaum Einnahmen gehabt habe, würde dieser sofort als «arm» eingestuft, obwohl er vielleicht aufs Jahr gerechnet gute Geschäfte gemacht habe.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht das anders: Für ihn sind Menschen unter der 60-Prozent-Einkommensschwelle definitiv arm und nicht nur armutsgefährdet. «Alles in unserer Gesellschaft läuft nunmal über Geld. Ohne Geld geht nichts», sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Besonders kritisch sieht der Verband die Armutsentwicklung bei Rentnern. 2008 waren demnach noch 12 Prozent der Rentner arm oder armutsgefährdet - je nach Definition -, 2018 waren es 16 Prozent. Die Rentner seien die Gruppe mit der schlechtesten Entwicklung.

Der Sozialverband VdK nannte die Zahlen des Armutsberichts alarmierend. Er schloss sich der Forderung des Paritätischen nach einem höheren Mindestlohn und höheren Hartz-IV-Sätzen an. Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte: «Die Zahlen des Paritätischen sind ein Armutszeugnis für die große Koalition». Trotz jahrelangen Aufschwungs und Rekordbeschäftigung könnten Armutsregionen nicht aufholen. Von einem «Armutszeugnis für die Bundesregierung» sprach auch die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt.

Linke und Grüne erneuerten ihre Forderung nach einer stärkeren Unterstützung für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten. Beide Parteien - wie auch die SPD - sprechen sich für eine sogenannte Kindergrundsicherung aus, in der alle staatlichen Leistungen für Kinder unbürokratisch zusammengefasst werden.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
12. 12. 2019
16:02 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Armut Armutsgefährdungsquote Armutsquote Dietmar Bartsch Große Koalition Katrin Göring-Eckardt Kindergrundsicherung Lebenshaltungskosten Mindestlohn Mittlere Einkommen Niedrigverdiener SPD Sozialverband VdK Sozialverbände Statistisches Bundesamt Wohlfahrtsverbände
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Anspruch auf Pflege

17.01.2020

Was Sie über Pflegegrade wissen müssen

Erst der Antrag, dann kommt der Gutachter - und was gibt es dann überhaupt? Wer einen Pflegegrad beantragt, muss mit einem gewissen Maß an Papierkrieg rechnen. Doch die Mühe lohnt sich. » mehr

Pflege

30.10.2019

Heimische Pflege bringt Frauen oft in finanzielle Nöte

Karriere unterbrochen, Einkommen vermindert, von Armut bedroht: Wer zu Hause Angehörige pflegt, gerät oft ins soziale Abseits. Bei weitem nicht alle sind gleichermaßen betroffen. » mehr

Pflege

14.08.2019

Kinder pflegebedürftiger Eltern werden finanziell geschont

Viele Pflegebedürftige fürchten den Gang ins Heim - auch wegen der hohen Kosten, für die oft die eigenen Kinder zumindest teilweise aufkommen müssen. Diese Sorgen soll ihnen nun genommen werden. » mehr

Jugendlicher am Smartphone

13.01.2020

Eltern fordern mehr Schutz für Kinder im Netz

Dauernd am Handy und mit Kettenbriefen, Mobbing oder Pornografie konfrontiert - die Mehrheit der Eltern berichtet von schlechten Erfahrungen ihrer Kids im Netz und fordert mehr gesetzlichen Schutz. Das Kinderhilfswerk ma... » mehr

Essen auf Rädern

20.12.2019

Bei Essen auf Rädern Speisepläne checken und probieren

Das Essen zu Hause fertig auf den Tisch: Klappt es nicht mehr mit der Selbstversorgung, bietet sich Essen auf Rädern an. Anbieter gibt es viele - Pflegende und Angehörige haben die Qual der Wahl. » mehr

Zeit mit den Enkeln

04.01.2019

Ausgefüllt durch den Tag auch im Rentenalter

Keine Arbeit, keine Termine, keine Verpflichtungen: Was verlockend klingt, kann im Alter zur Herausforderung werden. Denn was tut man den lieben langen Tag, wenn nichts ansteht? » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
12. 12. 2019
16:02 Uhr



^