Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

 

ADHS häufiger bei früh Eingeschulten

Sie kippeln mit dem Stuhl, laufen im Klassenraum umher oder stören den Unterricht. Vor allem kleinen Jungen fällt es anfangs schwer, einen Vormittag in der Schule durchzuhalten. Wird bei einigen deshalb fälschlicherweise ADHS festgestellt?



Schulanfänger
laut einer US-Studie wird bei den jüngsten Schulkindern eher ADHS diagnostiziert als bei den älteren Mitschülern.   Foto: David-Wolfgang Ebener

Nach der Einschulung erhalten die jüngsten Kinder in einer Klasse häufiger eine ADHS-Diagnose als ihre ältesten Mitschüler. Das berichten US-Forscher der Harvard Universität nach einer Studie im renommierten «New England Journal of Medicine».

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist die häufigste psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter. Die Betroffenen lassen sich leicht ablenken, sind impulsiv und oft motorisch unruhig. Die Forscher werteten Versichertendaten von über 400.000 amerikanischen Mädchen und Jungen aus, die zwischen 2007 und 2009 geboren wurden. Dabei berücksichtigten sie die ADHS-Diagnosen bis Ende 2015.

In 18 US-Staaten ist der 1. September der Stichtag für die Einschulung in eine Art Vorschule, in den USA Kindergarten genannt. Wer bis zum 31. August fünf Jahre alt wird, muss eingeschult werden, wer nach dem 1. September Geburtstag hat, muss noch ein Jahr warten. Die Rate von ADHS-Diagnosen und ADHS-Therapien war in diesen 18 Staaten bei den Augustkindern um 34 Prozent höher als bei den knapp ein Jahr älteren Septemberkindern. In US-Staaten mit flexibler Einschulung gab es diese Auffälligkeit nicht. Möglicherweise werde ADHS bei vielen Kindern überdiagnostiziert, weil sie in den ersten Schuljahren im Vergleich zu ihren Klassenkameraden noch relativ unreif seien, sagte Erstautor Timothy Layton

Schon frühere Studien hatten einen Zusammenhang zwischen frühem Einschulungsalter und ADHS-Diagnose belegt - etwa nach einer 2015 veröffentlichten Auswertung von Millionen von Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten in Deutschland. Demnach erhielten 5,3 Prozent der jung eingeschulten Grundschüler im Verlauf ihrer Schulzeit eine ADHS-Diagnose, aber nur 4,3 Prozent der spät eingeschulten.

«Es kann sein, dass manche Kinder ein falsches Etikett bekommen», sagt der ADHS-Experte Marcel Romanos. An eine große Anzahl von Fehldiagnosen glaubt der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg allerdings nicht. Schließlich werde die Diagnose nur dann gestellt, wenn die Betroffenen in mehreren Lebensbereichen beeinträchtigt seien, nicht nur in der Schule. «Ältere Kinder mit einer ADHS-Problematik können diese möglicherweise besser kompensieren und fallen den Lehrern im Unterricht deshalb nicht auf», sagt er.

Kinder später einzuschulen, sei keine Lösung, meint der Psychiater. Positiv findet Romanos, dass Lehrkräfte heute sehr aufmerksam sind und Eltern darauf hinweisen, wenn Schüler Konzentrationsprobleme hätten oder nicht still sitzen könnten. «Das machen sie sehr gut und das muss auch so sein, weil die Schule der neue Lebensmittelpunkt der Kinder ist.»

In den USA stieg die Zahl der ADHS-Diagnosen in den vergangenen 20 Jahren dramatisch an, allein 2016 wurden nach Mitteilung der Harvard Medical School über fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen deshalb mit Medikamenten behandelt.

In Deutschland sei die Zahl der Diagnosen seit einigen Jahren stabil und habe sich laut Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zuletzt sogar reduziert, sagt Romanos. Ein bis zwei Prozent der Kinder werden dem Experten zufolge medikamentös behandelt. Am weitesten verbreitet ist der Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt unter dem Namen Ritalin. Seit kurzem darf es schon bei mittelschwerer Ausprägung von ADHS verschrieben werden, häufig kombiniert mit einer Verhaltenstherapie.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
03. 12. 2018
10:04 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aufmerksamkeitsdefizitstörung Einschulung Methylphenidat Robert-Koch-Institut Unterricht
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Essen in der Grundschule

06.11.2018

Ausgewogenes Schulessen muss nicht mehr kosten

Nudeln mit Soße sind der Klassiker beim Mittagstisch an Schulen. Macht kaum Aufwand, kostet wenig, essen alle gern. Was ist dran an der Annahme, dass gesünderes Essen unbezahlbar wäre? » mehr

«Eingeimpft - Familie mit Nebenwirkung»

06.09.2018

Eine Doku versucht sich an der Klärung der Impffrage

Masern, Mumps, Röteln, Pneumokokken oder Tetanus. Experten empfehlen Impfungen gegen 15 verschiedene Krankheiten. Nicht alle Eltern wollen dieser Empfehlung folgen. Ein Film versucht, die Vor- und Nachteile des Impfens z... » mehr

Familienausflug

12.07.2018

In vielen Familien kommt Bewegung zu kurz

Fünf Minuten auf dem Rad - und die Puste geht aus. Spielkonsole, TV und Handy scheinen bei manchen Kindern das Toben im Freien abgelöst zu haben. Diesen Eindruck bestätigt nun eine Krankenkassenstudie. Was muss passieren... » mehr

Roboter fürs Klassenzimmer

12.03.2018

Mit Robotern zurück ins Klassenzimmer

Wenn Kinder schwer krank sind, ist ein normaler Schulalltag oft nicht mehr möglich. Mithilfe von Robotern können einige wieder am Unterricht teilnehmen. Die Avatare sollen nun auch deutsche Klassenzimmer bevölkern. » mehr

Impfen ist wichtig

21.04.2017

Als Oma und Opa unbedingt impfen lassen

Keuchhusten, Tetanus und Diphtherie: Werdende und frischgebackene Großeltern sollten sich dagegen impfen lassen. Denn das neue Enkelkind muss geschützt werden. » mehr

Michelle Obama

31.01.2017

Spielwarenbranche entdeckt Bewegung

Smartphones und Apps haben die Kinderzimmer bereits erobert. Jetzt kommt der Gegentrend. Die Spielwaren-Industrie legt das Augenmerk wieder auf ein traditionelles Gebiet: die Bewegung. » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
03. 12. 2018
10:04 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".