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Kinderschützer wollen Elterntaxis ausrangieren

Es ist gar nicht so einfach, in die Schule zu kommen. Vor den Toren herrscht oft Stau: Es sind Autos der Eltern, die ihren Nachwuchs kutschieren - und dabei auch schon mal andere Kinder versehentlich anfahren. Das muss aufhören, fordern Verbände.



Zu Fuß zur Schule
Elterntaxi stehenlassen. Unter diesem Motto werben das Deutsche Kinderhilfswerk und der Verkehrsclub Deutschland ab 17.09.2018 für andere Wege zur Schule.   Foto: Patrick Pleul

Elterntaxi stehenlassen. Unter diesem Motto werben das Deutsche Kinderhilfswerk und der Verkehrsclub Deutschland ab Montag für andere Wege zur Schule. Denn die steigende Zahl der Mama- und Papa-Chauffeure hat Staus und Unfallzahlen vor Schulen wachsen lassen.

Erst am Mittwoch (12. September) fuhr ein Auto vor einer Grundschule im westfälischen Gütersloh einem neunjährigen Mädchen über den Fuß - und brauste danach davon. Die eigenen Kinder waren zuvor vom Elterntaxi wohlbehalten abgesetzt worden.

Ob nun zu Fuß, mit dem Roller oder auf dem Fahrrad - bis zum 28. September wollen bundesweit 60.000 Kinder aus mehr als 2000 Schulklassen bei den Aktionstagen bewusst ohne Elterntaxi zur Schule kommen, teilten die Organisatoren mit. Neben Bewegung und Umweltschutz gehe es vor allem auch um mehr Eigenständigkeit für Kinder, sagt Claudia Neumann für das Kinderhilfswerk. Denn eine Selbstverständlichkeit sei der eigene Weg zur Schule schon lange nicht mehr.

«Nach jüngsten Umfragen fahren 20 Prozent der Eltern ihre Kinder zur Schule oder zur Kita», ergänzt Naumann. Das seien rund doppelt so viele wie früher. Oft herrsche bei Müttern und Vätern eine Mischung aus Sorge vor Verkehrsunfällen, Übergriffen auf ihre Kinder und auch Bequemlichkeit vor. Viele Ängste seien heute jedoch unbegründet - und im Ergebnis sei der Fahrdienst für viele Kinder wenig hilfreich.

«Elterntaxis vor Schulen und Kitas sorgen für Verkehrschaos», sagt Marion Laube vom Vorstand des Verkehrsclubs. «Für Kinder sind das unübersichtliche und gefährliche Situationen. Weniger Elterntaxis heißt mehr Platz und größere Sicherheit für alle.» Für Neumann ist der Fahrdienst von Mama oder Papa inzwischen so etwas wie ein Teufelskreis: «Im Grunde haben Eltern mit ihrer Sorge vor Verkehrsunfällen Angst vor etwas, das sie auch selbst mit verschulden.»

Das sieht auch die Polizei in Gütersloh so. Immer mehr Kinder würden von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht, kritisiert die Behörde. Sie veröffentlichte nach dem Unfall vergangene Woche einen offenen Brief an Eltern. «Wir verstehen, dass Sie alles daran setzen, Ihre Kinder zu beschützen und es ihnen im Leben so leicht wie möglich zu machen», heißt es in dem Appell. «Allerdings haben wir keinerlei Verständnis dafür, wenn einige von Ihnen Ihr eigenes Kind beschützen, sich aber absolut rücksichtslos gegenüber anderen Kindern verhalten.» Darüber hinaus lernten Kinder das richtige Verhalten im Straßenverkehr nicht, «wenn Sie sie direkt vor den Schulhof fahren».

Die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt, dass die Zahl der meldepflichtigen Unfälle auf dem Schulweg durch das Mitfahren im Auto oder Kleinbus tendenziell ansteigt - zuletzt auf 3893 im Jahr 2017. Daraus allein ließen sich die speziellen Risiken von Elterntaxis aber nicht ableiten, schränkt Sprecher Stefan Boltz ein. Dennoch rieten auch die Unfallkassen von Chauffeurdiensten ab. «Nicht mit Blick auf den Beifahrersitz, sondern mit Blick auf die Verkehrssituation vor den Schulen», ergänzt er.

Die Sorge vor schweren Verkehrsunfällen auf dem Schulweg hält Kinderschützerin Neumann sonst heute für unbegründet. Denn generell enden nach der Statistik der Unfallversicherer in Deutschland immer weniger Unfälle auf dem Schulweg tödlich. Bei Kindern, die zu Fuß gingen, starben 2017 fünf - damit hat sich die Zahl seit 2008 noch einmal halbiert. Und beim Mitfahren im PKW oder Kleinbus kamen 2017 zwei Kinder ums Leben.

Ab neun Jahren könne ein Kind in der Regel Entfernungen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen gut abschätzen und allein zur Schule laufen, sagt Naumann. Je nach Persönlichkeit des Kindes und der Verkehrsdichte vielleicht auch schon früher. Wichtig sei von Anfang an das gute Einüben des Schulwegs - am besten zu Fuß. «Dann können sich Kinder auszappeln und ausquatschen und kommen entspannter in den Unterricht oder auch von der Schule nach Hause», sagt Neumann.

Darüber hinaus nähmen sie ihre Umgebung intensiver wahr als vom Auto aus. «Wir sehen das vor allem beim Malen», berichtet sie. Kinder aus dem Elterntaxi zeichneten zwei graue Straßen, die Schule und ihre Wohnung. «Kinder, die loslaufen, malen Wiesen, Bäume, Spielplätze und die Oma, die aus dem Fenster schaut.»

Allein oder in Gruppen erlangten Kinder darüber hinaus mehr Risikokompetenz. Im Zeitalter übervorsichtiger Helikopter-Eltern sei auch das wichtig. «Fallen kann man nur durch Fallen lernen», betont Neumann. Und ein bisschen Regen auf dem Schulweg schade auch nichts. Wo Schulen zu weit weg und Schulbus-Anbindungen schlecht seien, gebe es trotzdem Alternativen zum Elterntaxi. Fahrgemeinschaften zum Beispiel, die Kinder einige hundert Meter vor der Schule aussteigen ließen. «Irgendwann ist es Kindern ohnehin peinlich, wenn Mama oder Papa sie vor der Schule abküssen», sagt die Kinderschützerin.

Veröffentlicht am:
17. 09. 2018
10:09 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
17. 09. 2018
10:09 Uhr



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