Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

 

Psychopharmaka für Demenzkranke können schädlich sein

Sie irren herum, sie rufen, sie verhalten sich aggressiv: Demenzkranke machen Pflegern in Altenheimen viel Arbeit. Sehr viele bekommen Psychopharmaka - obwohl diese Mittel gesundheitliche Risiken bergen. Sollen sie nur ruhiggestellt werden?



Psychopharmaka in der Pflege
Patientenschützer kritisieren: Demenzkranke werden in Pflegeheimen zu oft mit Psychopharmaka behandelt. Foto: Patrick Seeger/dpa  

Demenzkranke in Pflegeheimen bekommen in Deutschland häufig Psychopharmaka, die ihrer Gesundheit schaden können. Das geht aus dem Pflege-Report 2017 hervor.

Fast die Hälfte der 500 000 stationär betreuten Demenzpatienten (43 Prozent) erhält demnach sogenannte Neuroleptika, also Mittel, die gegen Wahnvorstellungen eingesetzt werden. Fast alle dieser Medikamente sind eigentlich nicht für Demente zugelassen.

Patientenschützer rügten den Einsatz von Antidepressiva und Beruhigungsmitteln. Damit würden Demenzkranke in Pflegeheimen oft «ruhiggestellt», weil Personal fehle, sagte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. «Für die meisten Heimbewohner ist das äußerst schädlich.»

Ähnlich bewertet es Pharmakologin Petra Thürmann, die für den Report der Krankenkasse AOK rund 850 Heimbewohner untersucht hat. «Der Nutzen ist nicht besonders, aber dafür kaufen wir uns relativ viele Risiken ein», sagte sie. Zwar gehe es 10 bis 20 Prozent der Patienten dank der Neuroleptika besser, aber es komme durch die Nebenwirkungen auch zu Todesfällen, Schlaganfällen und Verschlechterungen der Denkfähigkeit.

Hierzulande werden die Mittel besonders häufig verschrieben. In schwedischen Pflegeheimen bekämen nur 12 Prozent der dementen Bewohner Neuroleptika, in Frankreich 27 Prozent, sagte Thürmann. Diese niedrigeren Werte zeigten, dass man Demenzkranken auch anders als mit Medikamenten helfen könne, beispielsweise mit Beschäftigungsangeboten.

Das scheitert laut dem Report aber oft am Zeitdruck. Knapp ein Drittel von rund 2500 befragten Altenpflegern in Deutschland gab an, Zeitmangel sei Schuld daran, dass nicht auf Alternativen zu Medikamenten zurückgegriffen werde.

Demenzkranke stellen Pflegekräfte häufig vor große Herausforderungen. Rund drei Viertel der befragten Pfleger ist täglich bei der Arbeit mit verbal auffälligem und körperlich unruhigem Verhalten der Bewohner konfrontiert. Ein Drittel erfährt jeden Tag verbale Aggressionen, 15 Prozent haben es täglich mit körperlich aggressiven Patienten zu tun.

Obwohl die Pfleger richtig einschätzen, dass den Bewohnern ihrer Heime viele Psychopharmaka verordnet werden, halten laut Report die meisten von ihnen den Einsatz der Medikamente bei Demenz für angemessen. Antje Schwinger, Mitautorin des Reports, sagte: «Das Problembewusstsein der Pflegekräfte muss hier offensichtlich geschärft werden.»

Brysch sagte, Fixierungen lehnten die meisten Pflegekräfte heute zwar ab. Aber nun übernähmen vermehrt Psychopharmaka die Aufgabe, die Patienten ruhig zu halten. «Das ist Freiheitsberaubung.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
05. 04. 2017
14:30 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
AOK Demenzkranke Demenzpatienten Gesundheitsgefahren Patienten Pflegeheime Pflegepersonal Psychopharmaka Seniorenheime
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Demenz im Altenheim

21.09.2018

Heime schaffen für Demenzkranke richtige Umgebung

Betroffene ringen um Worte, erkennen die Familie nicht mehr. Alois Alzheimer erklärte dieses Vergessen erstmals mit Hirnveränderungen. Heilung gibt es nicht. Neue Ansätze versuchen, den Patienten besser gerecht zu werden... » mehr

Familienausflug

12.07.2018

In vielen Familien kommt Bewegung zu kurz

Fünf Minuten auf dem Rad - und die Puste geht aus. Spielkonsole, TV und Handy scheinen bei manchen Kindern das Toben im Freien abgelöst zu haben. Diesen Eindruck bestätigt nun eine Krankenkassenstudie. Was muss passieren... » mehr

Deutsche Post

09.04.2018

Bremer Briefträger sollen Senioren unterstützen

Der Briefträger schaut, ob es Oma gut geht und liefert Opa Bargeld nach Hause: Die Post bietet Bremer Senioren neue Dienstleistungen an, damit sie länger zu Hause leben können. Eine lohnende Einnahmequelle im schwindende... » mehr

Pflege

12.07.2018

Wann muss ich mir über Pflege Gedanken machen?

Die meisten Menschen wollen gern in den eigenen vier Wänden alt werden - selbstständig und auf niemanden angewiesen. Aber nicht jedem ist das vergönnt. Deswegen ist es gut, eine mögliche Pflegebedürftigkeit nicht zu tabu... » mehr

Erste Hilfe

06.02.2017

Schulkrankenschwestern beginnen Job

In der Turnhalle oder auf dem Pausenhof verletzt? Für solche Fälle steht jetzt die Schulkrankenschwester parat. In Brandenburg kommt sie in einem Probemodell zum Einsatz. Es geht auch um Chancengleichheit für Kinder. » mehr

Demenzkranke im Heim

09.10.2017

Wie Pflegeheime das Weglaufen von Demenzkranken verhindern

Ein Demenzkranker geht aus dem Pflegeheim. Keiner weiß wohin: Eine Schreckensvorstellung für Heimmitarbeiter und Angehörige. Ein Weglaufen zu verhindern, stellt die Heime vor große Herausforderungen. Was können sie tun? » mehr

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
05. 04. 2017
14:30 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".