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Hobbyweinanbau am Störmthaler See

Hobbywinzer bauen südlich von Leipzig ihren eigenen Wein an: an der Böschung eines ehemaligen Tagebaus, der mittlerweile geflutet ist. Auch Gerichte beschäftigten die Reben bereits.



Thomas Neuhaus
Thomas Neuhaus, Vorsitzender des Vereins Störmthaler Wein, steht im Weinberg am Ufer des Störmthaler Sees bei Leipzig.   Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa » zu den Bildern

Der Störmthaler See bei Leipzig ist wegen des Highfield Festivals jeden Sommer vor allem bei Musikfans beliebt - das hiesige Ufer lockt aber auch Weinliebhaber aus der Region, die dort ihre Weinstöcke anbauen.

Rund um das Jahr kümmern sich etwa 40 Hobbywinzer um die Reben. Webdesigner, Zahntechniker, Anwälte und Gartengerätehändler stehen regelmäßig in Arbeitskleidung an der Böschung des ehemaligen Tagebaus - sie schneiden Reben zurück, binden sie an die Drähte, lesen die Trauben. Am Ende des Jahres wird der gewonnene Wein an die Mitglieder des 2008 gegründeten Weinvereins verteilt.

Ob der Hobbyweinanbau an der Böschung eines ehemaligen und heute gefluteten Tagebaus rechtens ist, stand lange Zeit auf der Kippe: Der Fall beschäftigte mehrere Gerichte. Der Freistaat befürchtete Wettbewerbsverzerrung, argumentierte, dass nicht die Einzelpersonen, sondern der Weinverein den Wein erzeugen. Im Juli vergangenen Jahres entschied dann das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig - zugunsten der Hobbywinzer.

«Maßgeblich ist, dass ein persönlicher Bezug zu den Personen besteht, mit denen der Wein getrunken wird», begründete die Vorsitzende Richterin damals das Urteil. Auch ein Verschenken des Weins, den die Freizeit-Winzer herstellten, sei somit rechtens. Die Weinliebhaber begrüßen die Rechtssicherheit - und freuen sich über ihre besonderen Tropfen vom Böschungsufer.

«Der 2018er Jahrgang ist sehr lecker, er kann sich sehen lassen», meint Thomas Neuhaus, Vorsitzender des Vereins Störmthaler Wein. Die 37 Pächter bewirtschaften jeweils Weinberg-Parzellen, die kleiner als 100 Quadratmeter sind. Gemeinsam wollen sie mit den etwa 1300 Reben einen guten Wein herstellen. Sie bauen die Sorten Solaris und Cabernet Jura an. «Die Sorten sind schädlingsresistent und einfach zu pflegen», erklärt Neuhaus.

Pflegeleichte Sorten, die etwa gegen Pilzbefall widerstandsfähig sind, eignen sich laut Weinanbau-Experte Volker Freytag sehr gut für Freizeit-Winzer. Durch den Klimawandel sei Weinanbau für mehr Menschen greifbar: «Ich verkaufe Reben bis nach Schweden und England, das gab es vor 30 Jahren noch nicht», erzählt Freytag, Geschäftsführer der gleichnamigen Rebschule in Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pflanz).

Durch den Klimawandel verändere sich auch der Anbau von Wein seit etwa 30 Jahren deutlich, beobachtet Freytag. Als Beispiel nennt er die Rebsorte Bacchus, die in den 1970er Jahren noch in der Pfalz angebaut wurde. «Dann wurde es in der Pfalz immer wärmer und dann hat sich der Bacchus verlagert nach Franken, weil es da ein bisschen kühler ist», so Freytag. «Da war der Wein wieder schön, in der Pfalz wurde er langsam langweilig - nur Süß und wenig Säure, das ist dann auch nicht spannend.» Mittlerweile überzeuge auch das Bacchus-Ergebnis aus dem noch nördlicher gelegenen Sachsen und Sachsen-Anhalt, so Freytag. «Der Weinbau verlagert sich mehr in den Norden», stellt Freytag fest. In Südeuropa würden indes Anbauflächen wegen der Hitze gerodet.

Der Anbau auf ehemaligen Tagebauflächen wie bei Leipzig sei eine «größere Herausforderung», so Freytag. Wem die Trauben auf der schwierigen Bodenstruktur, der zunächst «toten Landschaft» gelinge, der verstehe etwas vom Weinbau.

Und die Weinbauer vom Störmthaler See sind mit ihrem Ergebnis zufrieden: Zwar werde der Wein vom Leipziger Neuseenland keine Auszeichnung gewinnen - «in der Tagebaufolgelandschaft ist der Boden etwas karg», erklärt Hobbywinzer Neuhaus - dennoch munde er. Der Rotwein habe eine «gute Säure, leichte Holznoten, er ist samtig und in der Nase sehr schön», kommt Neuhaus ins Schwärmen. «Der Weißwein hat eine gute Säure, zitronige Aromen, ist schön am Gaumen und ist vollmundig.» Wenn er zu einem guten Essen eine Flasche seines eigenen Weins genieße, sei das schon «ein ganz besonderes Gefühl».

Wenn der Weinkellermeister grünes Licht gibt, werden die Trauben am ehemaligen Tagebau im Herbst gelesen. Dann wird die Ernte in einem sächsischen Weinkeller gepresst und in Fässer gefüllt. Im vergangenen Jahr bekam jeder Pächter 16 Flaschen Weißwein und 17 Flaschen Rotwein aus der gemeinsamen Ernte. Da müsse man schon genau überlegen, wie viel des Ertrags verschenkt werde, so Neuhaus. Das Wissen rund um den Traubenanbau hat er sich, wie auch seine Mitstreiter, autodidaktisch angeeignet.

Damit sind sie nicht allein: Seit Ende der 1990er Jahre habe das Interesse für die freizeitmäßige Weinproduktion zugenommen, sagt Weinexperte Freytag. Die meisten Hobbywinzer mögen Wein und arbeiteten gern in der Natur. «Mindestens 85 Prozent der Freizeit-Weinanbauer sind Männer», sagt Freytag. Der Großteil sei über 40 Jahre alt. Auffällig sei, dass sich gerade ehemalige Banker häufig den Reben widmeten, sagt Freytag. Und die Weine der Amateure seien durchaus ernst zu nehmen. «Es gibt richtige Naturtalente, von Hobbywinzern hatten wir schon hervorragende Weine.»

Veröffentlicht am:
13. 03. 2020
12:02 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
13. 03. 2020
12:02 Uhr



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