Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Unkraut und Blumen als Delikatesse

«Das kann man essen?» Das ist eine Frage, die Frits Deemter ziemlich oft hört. In seinem Garten wächst eine der vermutlich größten Sammlungen verzehrfähiger Pflanzen in Deutschland.



Ranukelstrauch
Die essbaren Blätter eines Ranunkelstrauchs. Der Hobbygärtner Frits Deemter hat mit seiner Frau auf zwei Hektar Fläche essbare Pflanzen aus allen Teilen der Erde kultiviert.   Foto: Carmen Jaspersen/dpa » zu den Bildern

Frits Deemter liebt es, seine Gäste zu überraschen. Deshalb serviert er Blumen wie Kamelie oder Taglilien - oder frisch gepflücktes Laub. Mit Lindenblättern gefüllte Teigtaschen liegen an diesem Abend auf den Tellern.

Er nennt es «Wildgemüse»: «Die Leute haben sonst vorgefertigte Meinungen. Ich will die Zunge entscheiden lassen.» Regelmäßig lassen der Physiotherapeut und seine Lebensgefährtin Gisela Töllner bis zu 40 Gäste in der Orangerie ihres 4,5 Hektar großen «Essgartens» in Winkelsett nahe Wildeshausen, südwestlich von Bremen, Gewächse probieren, die sonst nicht auf der Speisekarte stehen.

Gedanken ausschalten und vieles ist plötzlich essbar

In Deemters Garten ist vermutlich eine der bundesweit größten Sammlungen essbarer Sträucher, Gehölze und Blumen zu finden. Zumindest hat dem 59 Jahre alten Holländer noch niemand widersprochen, wenn er das behauptet. Über 1.200 verzehrbare Pflanzen wachsen dort, darunter so exotische wie Nashibirne, Indianerbanane und Japanischer Rosinenbaum. Aber auch bekannte wie Bambus, Pfirsich und Magnolie. Oder Unkräuter wie Giersch und Brennnesseln, die er ebenfalls gerne bei seinen Menüabenden anbietet.

Zu den Gästen an diesem Abend gehört Gisela Meyer aus Westerstede, die mit ihrer Familie an einem der langen Tische Platz genommen hat. Sie ist offen für Ungewöhnliches und isst sogar das rohe Lindenblatt, auf dem die Blätterteigtasche drapiert ist. «Das ist eine reine Kopfsache», sagt sie. «Man muss den Gedanken ausschalten, dass man das nicht essen kann.» Sie bereut ihren Mut nicht. Das Lindenblatt sei pikant und passe gut zu der Teigtasche. Ihr Mann traut sich nicht. Er lässt das Blatt unangetastet liegen.

Ungewöhnliche Rezepte und immer dieselbe Frage

«Das kann man essen?» Diese erstaunte Frage hören Frits Deemter und Gisela Töllner oft. Die Antwort lautet: Ja. Mindestens ein Bestandteil ihrer Pflanzen ist zum Verzehr geeignet: Neben den Früchten sind das häufig die Triebspitzen, die Rinde, die jungen Blätter, die Blüten und manchmal die Wurzeln. «Beim Japanischen Rosinenbaum sind es nicht die Früchte, sondern die Stängel. Sie sind süß, lassen sich trocknen und so den ganzen Winter über essen», sagt Deemter.

Um möglichst vielen Menschen zu vermitteln, dass es nicht immer nur Tomaten, Gurken und Möhren sein müssen, bietet er von Mai bis Oktober einmal im Monat Gartenführungen an. «Die Leute lassen sich gerne inspirieren», sagt Deemter. Zweimal im Monat serviert er zudem ungewöhnliche Gerichte wie Stockrosen-Lasagne oder Berberitzenreis in Feigenblatt. Rund tausend Besucher kommen so jedes Jahr in seinen Garten. Demnächst will er seinen Job als Physiotherapeut an den Nagel hängen und sich nur noch seinem Garten widmen.

Angefangen mit einer Idee

Angefangen hat alles vor über 20 Jahren. Der Holländer lebte mit seiner Familie in Bremen, hatte aber keine Lust mehr auf das Stadtleben. Die Familie kaufte ein Haus auf dem Land mit viel Brachfläche drum herum, Deemter begann Samen von 500 Arten auszusäen: «Ich hatte null Ahnung, aber viel Energie.» Er las viele Bücher, auch darüber, was Urvölker zum Essen aus der Natur nahmen.

Denn er wollte möglichst alles aus seinem Garten auch essen können. Inzwischen wächst sogar chinesischer Szechuanpfeffer bei ihm. Als besonders lecker stellten sich die Knospen der Taglilie heraus. «Jedes Jahr freuen wir uns auf die erste gedünstete Knospenpfanne», sagt Deemter. Seine Familie ernährt sich fast ausschließlich aus dem reichen Angebot des Gartens. Irgendwann merkte er: «Wir sind nie krank.»

Preisgekröntes Kochbuch für Interessierte

An seinem Hobby wollte er möglichst viele Menschen teilhaben lassen, deshalb ließ er einen riesigen Wintergarten bauen, in dem er zu Gourmetabenden einlädt. Auch schrieb er mit seiner Ex-Frau Heike Deemter ein Kochbuch, 2018 gewann es den «Deutschen Gartenbuchpreis».

Darin befindet sich auch ein Rezept mit Giersch und Brennnesseln. Gisela Meyer ist nun angefixt: «Wir haben immer so viel Giersch im Garten.» Ständig sei sie dabei, das Unkraut zu zupfen. Nun will sie es in der Küche nutzen. «Wenn man einmal Giersch aus dem eigenen Garten gegessen hat, sieht man ihn plötzlich mit ganz anderen Augen», erklärt Deemter. Meyer will es ausprobieren - und ihr Mann verspricht ihr, das Gericht dann auch zu essen.

Veröffentlicht am:
14. 10. 2019
04:07 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Blumen Dünsten Feinkostwaren Freude Gärten Kochbücher Lust Pflanzen und Pflanzenwelt Speisekarten Sträucher
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Superfood

11.11.2019

«Superfood» aus Niedersachsen

Jetzt gtib es ihn frisch: Grünkohl ist besonders gesund, da er reich an Vitaminen und Mineralstoffen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sieht in der friesischen Palme ein «echtes heimisches Superfood». » mehr

Essbare Blüten

26.06.2019

So zauberhaft ist die Blütenküche

Rosen, Gänseblümchen, Veilchen: Die einen lieben ihr Aroma, andere stehen auf den Duft, den Blüten auf den Teller zaubern. Und sie sind etwas fürs Auge. Von manchen sollte man aber die Finger lassen. » mehr

Gute Küche mit Schwips

13.11.2019

Was mit dem Alkohol im Essen passiert

An viele Gerichte kommt Alkohol - mal ein Löffelchen, mal eine ganze Flasche. Dürfen Kinder und Schwangere trotzdem mitessen? Und welche Alternativen gibt es? » mehr

Kürbis-Amuse-Gueules

09.10.2019

Kochkunst mit radikal regionalen Konzepten

Globale oder regionale Küche, avantgardistisch oder traditionell: Die aktuelle Küchenszene orientiert sich in alle Richtungen, am liebsten mit Zutaten aus der eigenen Region. » mehr

Kochrezepte

13.11.2019

Neuengland is(s)t mehr als Clam Chowder

Neuengland ist für seinen Indian Summer berühmt. Weitaus weniger bekannt ist die Küche der sechs Staaten im Nordosten der USA. Dabei gibt es dort kulinarisch viel zu entdecken. » mehr

Lammfleischwürfel

06.11.2019

Zitrone als Frischekick in der Winterküche

Zitronen sind eine wahre Wunderzutat - auch in der kühlen Jahreszeit. Zitrusfrüchte aus Europa haben dann Hochsaison. Liebhaber würzen Risotto, Pasta oder Geschmortes damit. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
14. 10. 2019
04:07 Uhr



^