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Wenn ich das Schweinchen auf meinem Teller kenne

Auf einem Allgäuer Hof kauft der Kunde ein Ferkel und lässt es bis zur Schlachtreife in artgerechter Haltung vom Bauern aufziehen - bis er es als Wurst oder Schnitzel abholen kann. Ein massentaugliches Konzept für mehr Transparenz in einer oft verrufenen Branche?



Ferkel im Stall
Die Ferkel liegen neben ihrer Mutter im Stroh und müssen erst mal groß werden.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa » zu den Bildern

Verdorbenes Fleisch, Schimmel, Mäusedreck im Produktionsbereich - gegen einen hessischen Wursthersteller stehen schwere Vorwürfe im Raum. Zwei Menschen sollen am Verzehr von keimbelasteter Wurst der Firma gestorben sein.

37 Krankheitsfälle werden ebenfalls mit dem Betrieb in Verbindung gebracht. Nach dem Wurst-Skandal in Hessen wird unter Verbrauchern die Frage laut: Woher kommt das Fleisch auf meinem Teller?

Yvonne und Florian Sterzing aus Kempten können das beantworten: Ihre künftigen Schnitzel tollen derzeit auf einer Weide von Peter Sigls Hof in Aitrang (Landkreis Ostallgäu) herum. Es war eine TV-Reportage über Massentierhaltung, welche die Sterzings zum Umdenken bewegt hat: «Es hat mich angewidert, zu sehen, wie arme Schweine eingepfercht leben müssen, und angeekelt, wie sie misshandelt werden», sagt Florian Sterzing. «Wir wollen sichergehen, dass das Tier, das wir essen, artgerecht gehalten wurde.»

Zusammen aufwachsen und Zeit geben

Auf «Sigls Ranch» , wie der Hobby-Bauer seinen Hof nennt, grunzen 25 schwarzgefleckte Turopolje-Schweine. Neun von ihnen sind erst vor wenigen Tagen auf die Welt gekommen, säugen noch an den Zitzen der Muttersau. In etwa acht bis zehn Wochen nach der Geburt werden die Ferkel für je 130 Euro an verschiedene Besitzer verkauft. Doch: Die Tiere bleiben mit ihren Geschwistern in der gewohnten Umgebung, dürfen sich im Dreck suhlen, fressen frisches Gras, Heu oder Silage.

Die Sterzings haben sich zwei der Schweine ausgesucht: Nummer 129 und 133. Einen Namen wollen sie den Tieren nicht geben. «Wir haben Angst, dass uns eine kleine Rosi vor der Schlachtung zu sehr ans Herz wachsen würde», sagt Florian Sterzing. Monatlich zahlen sie pro Tier 35 Euro. Erreicht ein Schwein das Gewicht von etwa 100 Kilo, wird es geschlachtet. «Unsere Schweine dürfen sich bis zu 15 Monate Zeit lassen, um das nötige Gewicht zu erlangen», erzählt Sigl. In der Massentierhaltung werden Schweine meist innerhalb von sechs Monaten zum Schlachtgewicht gemästet.

Tier-Leasing hat Ursprung in Niederbayern

Vom Rüssel bis zum Ringelschwanz wird alles verwertet. Die Sterzings erhalten die etwa 40 Kilo Fleisch, die nach den Schlachtabgängen verbleiben. Je nach Geschmack in Form von Sülze, Schnitzel, Wurst, Kotelett - vakuumiert und beschriftet. Der Kilopreis ist in etwa vergleichbar mit dem bei einem Bio-Schwein.

«Schweine-Leasing» nennt der 48-Jährige das Konzept, das er von Landwirt Anton Dapont aus Niederbayern übernommen hat . Ökobauer Dapont war laut eigener Aussage der erste in Bayern, der «Tier-Leasing» angeboten hat. «Im Prinzip ist es kein Leasing, denn der Kunde bekommt am Ende das komplette Tier. Es ist eher eine Form der Lohnmast - nur bei diesem Wort, würde sich kein Käufer umdrehen», erzählt Dapont, der auch Rinder- und Schaf-Leasing anbietet. Da der Kunde einen Teil des Geldes vor der Schlachtung zahlt, könne er sich die Nachfrage sichern, bevor das eigentliche Angebot da ist. So ist er vom Markt unabhängig und hat den Vorteil, monatliche Einnahmen zu erhalten, um die Grundkosten abzudecken.

Alternativen, Nischen und Konkurrenz

Für Dapont ist «Tier-Leasing», wie er es anbietet, ein Nischenprodukt. «Der Kunde braucht zum Beispiel eine große Tiefkühltruhe», sagt er. Massentauglich sei es nicht, da die Deutschen viel zu viel Fleisch äßen. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung esse ein durchschnittlicher Bundesbürger im Jahr etwa 60 Kilogramm Fleisch - mehr als die Hälfte davon stammt vom Schwein.

Auch andere Anbieter haben das Geschäft mit dem nachvollziehbar produzierten Fleisch entdeckt: Unter dem Schlagwort «Crowdbutching» (deutsch: «Gruppenschlachtung») findet man im Internet Plattformen wie «Kaufnekuh.de», «Kaufeinschwein.de», «Kaufeinhuhn.de». Bauern können dort ihr Tier als «Bio-Kuh», «Bio-Schwein», «Bio-Huhn», «Classic-Kuh», «Wasserbüffel», «Strohschwein» oder «Wanderhuhn» anbieten. Im Gegensatz zum Lohnmast-Modell muss der Kunde nicht das gesamte Tier kaufen, sondern kann Anteile erwerben, die portioniert als Steak, Wurst, Braten und so weiter zugeliefert werden. Das Tier wird erst geschlachtet, wenn es zu hundert Prozent verkauft wurde, heißt es auf den Websites.

Schnitzel wachsen nicht auf dem Baum

Bei Landwirt Sigl müssen die Käufer eine Voraussetzung erfüllen: mindestens einmal Aug' in Aug' dem Schwein gegenüberstehen. «Das ist uns wichtig, damit dem Kunden bewusst wird, dass hinter seinem Fleisch einmal ein Lebewesen stand», sagt der Bauingenieur. Jedem Kunden bleibe anschließend selbst überlassen, ob er noch mal vorbeikommt, um zu sehen, wie sich das Schwein entwickelt.

Familie Sterzing besucht ihre Tiere etwa alle drei Wochen. «Wir wollen, dass unser Sohn weiß, dass Fleisch nicht im Rewe-Plastikpack auf dem Baum wächst», sagt Florian Sterzing. Manchmal werden sie gefragt, wie sie ein Schwein essen können, das sie kannten. Dann frage Sterzing zurück: «Wie könnt ihr Fleisch essen, wenn ihr nicht wisst, wo es herkommt?»

Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
10:58 Uhr

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dpa

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11. 10. 2019
10:58 Uhr



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