Lade Login-Box.
Topthemen: Südthüringen kocht 2020Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Schlechte Zeiten für Pilzsammler

Im Herbst zieht es Pilzfreunde nach draußen. Im Wald und auf Wiesen lassen sich allerlei Köstlichkeiten finden - normalerweise. In diesem Jahr könnte die Ausbeute aber mager ausfallen.



Pilzsammler
Wegen dem trockenen Sommer erwarten Experten eine schlechte Pilzsaison.   Foto: Peter Endig

Für Pilzsammler ist dieser Sommer alles andere als super. Jens Karius geht in die Pilze, seit er ein Kind ist. Doch so eine schlechte Saison hat der 47-Jährige aus Weyhe in der Nähe von Bremen bisher noch nie erlebt.

«Die Sommerpilze sind komplett ausgefallen», sagt er. Selbst in seinem Urlaub in Schweden, wo die Pilze normalerweise üppig wachsen, hatte er kein Glück. Schuld daran ist die Trockenheit in diesem Sommer. Denn das mögen die meisten Pilze überhaupt nicht.

«Im Augenblick ist noch relativ wenig zu holen», bestätigt Marco Thines, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Diese kann auf das geballte Wissen von Wissenschaftlern, Hobbyforschern, Züchtern und Naturschützern zurückgreifen. «Lokal sind die Unterschiede riesig», sagt Thines. «Aber für Gesamtdeutschland würde ich ein eher schlechtes Pilzjahr erwarten.» Sollte es in den nächsten Wochen jedoch ordentlich regnen, könne sich das noch ändern.

Müssen sich Pilzsammler angesichts des Klimawandels häufiger auf schlechte Jahre einstellen? Das können Fachleute nicht definitiv beantworten. «Man stellt fest, dass manche Pilze früher als sonst im Jahr auftreten und dass wärmeliebende Arten häufiger vorkommen», sagt Thines. «Im Moment sind das Trends.» Es fehle aber an Studien, die das statistisch auswerten. Der Grund: Wo welche Pilze wachsen, melden nur einige Dutzend ehrenamtliche Helfer. Deshalb ist die Datenbasis mager.

Etwa 9000 Großpilze sind in Deutschland bekannt. 6000 hat das Bundesamt für Naturschutz auf ihre Gefährdung hin untersucht. Ein Viertel davon steht demnach auf der Roten Liste, gilt also als mehr oder weniger stark gefährdet. Ein weiteres Viertel gilt als ungefährdet. Bei den übrigen Arten können Experten keine genaue Einschätzung abgeben, da nicht genug Daten vorliegen. «Es gibt Pilzarten, die waren früher weit verbreitet und sind jetzt kaum noch zu finden», sagt Thines. Von den Großpilzen seien zwar nur etwa 100 als Speisepilz bedeutend, doch auch sie würden Lebensräume verlieren.

Ein Beispiel ist der Wiesenchampignon, dem die intensive Landwirtschaft zu schaffen macht. Durch Dünger und Autoabgase reichert sich Stickstoff in den Böden an, auf den die meisten Pilze empfindlich reagieren. «In Deutschland gibt es außerhalb der Nationalparks keine Wälder, die natürlich sind», ergänzt Thines. Viele seltene Pilze gebe es nur dort, wo totes Holz herumliege. In landwirtschaftlich besonders intensiv genutzten Bundesländern wie Niedersachsen seien das offene Grünland und damit auch der Pilzbestand auf naturnahen Wiesen um 90 Prozent innerhalb von 60 Jahren zurückgegangen, sagte Thines der «Neuen Osnabrücker Zeitung».

Das ist nicht nur eine schlechte Nachricht für Pilzfreunde, sondern auch für Ökosysteme wie den Wald. Denn Pilze spielen darin eine herausragende Rolle. Sie sind die einzigen Organismen, die tote Baumstämme in wenigen Jahren zersetzen können. Zudem versorgen sie mit ihrem unterirdischen Geflecht Bäume und Kräuter mit Nährstoffen und Wasser. Überdies leben sie in Symbiose mit vielen Pflanzen und Tieren - sie helfen Kühen zum Beispiel dabei, Gras zu verdauen. Pilze sind auch für den Erhalt vieler Insekten- und Käferarten wichtig, sagte Thines der Zeitung: «Werden sie weniger, dezimiert das auch die Nahrung und den Lebensraum für Insekten.» Ohne Pilze wäre Getreide- oder Obstanbau kaum möglich, Medikamente wie Antibiotika, Brot und Wein könnten nicht hergestellt werden.

Deshalb können sich Wissenschaftler wie der Evolutionsbiologe Thines von der Universität Frankfurt und der Freizeit-Pilzkenner Karius gleichermaßen für die vielfältigen Organismen begeistern. «Ich esse Pilze nicht nur gern», sagt Karius. «Sie sind auch wunderschön.» Seit einem Jahr ist er geprüfter Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Er bietet in diesem Jahr erstmals Pilzwanderungen an und berät Sammler, die sich unsicher mit gefundenen Pilzen sind.

In den Wald gehen und Pilze sammeln - daran haben inzwischen wieder mehr Menschen Spaß. Bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zeigt sich das in der steigenden Zahl von Pilzsachverständigen. Doch auch Laien zieht es in die Pilze. Allerlei Bestimmungs-Apps für das Smartphone machen die Suche heute vermeintlich leichter. Doch Pilzkenner Karius hält davon wenig. «Ich finde das riskant. Gerade bei Pilzen, wo die Gefahr besteht, dass man sich vergiftet», sagt er. «Manche Pilze sind nur mit dem Mikroskop voneinander zu unterscheiden.»

Wolfgang Prüfert hat für die Deutsche Gesellschaft für Mykologie bereits 2015 einige Apps getestet. Sein Urteil: Pilzsammler, die bei der Suche nur auf eine App vertrauten, spielen mit ihrem Leben. Seitdem sind zwar weitere Apps auf den Markt gekommen, unter ihnen sieht Prüfert aber keine bahnbrechende Neuerung. «Anfänger sollten komplett die Finger von Apps lassen», lautet deshalb seine Empfehlung.

Veröffentlicht am:
17. 09. 2018
12:18 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Apps Bundesamt für Naturschutz Evolutionsbiologen Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen Großpilze Insekten Johann Wolfgang Goethe-Universität Mykologie Pilze Schmankerln Schwedenurlaub Waldgebiete
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Quittenmus mit Cranberries

04.09.2019

Die Quitte will erobert werden

Einfach ist es mit der Quitte nicht. Von außen ist sie hartleibig, pelzig und widerborstig. Doch wer viel Geduld investiert, um ihren wertvollen Saft zu gewinnen, den erwartet exquisites Gelee. » mehr

Mit Pinsel säubern

01.10.2019

Wenn der Pilz in der Pfanne verrückt wird

Steinpilz, Pfifferling und Co. waren einmal Arme-Leute-Essen. Heute gelten sie als raffiniertes Naturprodukt. Doch die schmackhaften Hütchen sind viel zu schade, um sie in Rahmsoße zu ertränken. » mehr

Korb mit Pilzen

06.09.2017

Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Pilze erkennen und zubereiten

Das Sammeln von Pilzen ist wieder im Kommen. Doch nur wenige Menschen kennen sich wirklich mit Pilzen aus. Dabei gibt es beim Sammeln und Kochen der Gewächse vieles zu beachten. » mehr

Salzstangen-Auflauf als Internet-Hit

17.01.2019

Das Phänomen der Foodblogs

Die einen veröffentlichen vegane Köstlichkeiten, die anderen die absurdesten Rezepte, die das Netz zu bieten hat: Mit Foodblogs kann man nicht nur auf fremde Teller blicken, sondern auch auf die Gesellschaft. » mehr

Austernseitling

22.08.2018

Aus Pilzen leichte Gerichte zaubern

Bei Pilzen denken viele wohl zuerst an dunkle, von Herbstlaub bedeckte Wälder und schwere Fleischgerichte mit gehaltvollen Sahnesoßen. Dass es auch anders geht, zeigen junge Köche mit leichten Gerichten, die die gesunde ... » mehr

Profiteroles aus Brandteig

07.02.2018

Scones, Profiteroles und Cheesecake backen

Beim Anblick von Scones, Profiteroles und Cheesecake werden Erinnerungen an unbeschwerte Urlaubstage in Großbritannien, Italien oder den USA wach. Solche Köstlichkeiten lassen sich aber auch problemlos in der heimischen ... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 09. 2018
12:18 Uhr



^