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Andreas Jung entdeckt ausgestorbene Sorten

Detektive tragen nicht immer Schlapphut und nehmen eine Lupe mit. Wer nach Rebsorten sucht, braucht festes Schuhwerk und ein gutes Auge. Die Form einer Traube kann darüber entscheiden, ob im Weinberg eine Allerweltsrebe wächst oder eine Rarität.



Andreas Jung
Andreas Jung hat mit detektivischen Spürsinn viele historische Rebsorten wieder entdeckt und deren genetisches Material gesichert.   Foto: Andreas Arnold/dpa

Im Weinberg von Andreas Jung steht kein Riesling und auch kein Spätburgunder. Stattdessen ranken in den Hügeln im rheinhessischen Flörsheim-Dalsheim und im pfälzischen Weingarten Hunderte alte Rebsorten, die fast niemand mehr kennt. Manche galten sogar als ausgestorben.

Jung ist Rebsorten-Detektiv. In jahrelanger Suche hat er die historischen Sorten in den hintersten Winkeln des Landes aufgespürt: In jahrhundertealten Weinbergen, unter verwahrlosten Hecken, an historischen Mauern von Weingütern, sogar auf einer Lichtung in einem Kiefernwald. Heute behauptet er, er habe in Deutschland die größte Sammlung an autochthonen, also alteingesessenen Sorten von kulturhistorischer Bedeutung.

Dabei gibt es für diese Arbeit eigentlich öffentliche Einrichtungen. Sieben Sammlungen haben sich im Netzwerk Deutsche Genbank zusammengeschlossen, koordiniert vom Institut für Rebenzüchtung am Geilweilerhof in der Pfalz. Der dortige Leiter Reinhard Töpfer sagt zu Jung, der einst bei ihm forschte: «Es hätte ein Miteinander geben können. Aber es hat sich auseinandergelebt, das ist in Familien schon einmal der Fall.»

Dabei spricht Töpfer dem Rebsorten-Detektiv keinesfalls die Qualifikation ab. Schließlich war es Jung , der vom Bundeslandwirtschaftsministerium den Auftrag bekam, im ganzen Bundesgebiet nach alten Reben zu suchen. 345 977 Reben erfasste Jung bei dem Projekt. Sein Ergebnis: 242 historische Sorten . 89 Sorten hätten in Deutschland als ausgestorben gegolten. «Wenn ich die nicht entdeckt und eingesammelt hätte, gebe es sie jetzt nicht», sagt er.

In seinem Weinberg zupft Jung zwei Blätter von Rebstöcken und legt sie auf seine Hände. Er schaut sich an, ob das Blatt rund oder fünfeckig ist, ob die Blattzähne wie gotische Fenster aussehen, ob die Adern rot oder grün sind, ob das Blatt sich blasig oder ledrig anfühlt, ob auf der Unterseite Haare wachsen. Bei den Trauben achtet er auf runde und ovale Beeren, zylindrische Trauben, mit Flügel oder ohne, Farbe und Größe.

So weiß er: Fränkischer Burgunder. Oder Roter Veltiner. Oder Blauer Muskateller. Oft stützt der Rebsortenkundler sich bei der Bestimmung auf Beschreibungen in Büchern aus der Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts. «Ich mache das nach botanischen Regeln», sagt Jung, der ausgebildeter Geobotaniker ist. Eine DNA-Analyse helfe nicht immer - schließlich gibt es keinen genetischen Fingerabdruck von einer ausgestorbenen Pflanze.

Jung pflanzt in den Weinbergen fünf bis zehn Rebstöcke jeder Sorte. Auch mal 20 oder 30, wenn das Holz, von dem er die Stecklinge geschnitten hat, gut war. Von manchen hat er ganze Reihen angelegt, damit ein sortenreiner Wein hergestellt werden kann. Wenn Jung durch die Anlage geht, spricht er ununterbrochen: Von Kleinberger, Adelfränkisch, Affentaler, Süßschwarz und all den anderen.

«Ich hatte schon immer eine Sammelader», sagt Jung. «Mein Garten ist voll mit wilden Pflanzen.» Zwar endete das vom Ministerium geförderte Projekte im Jahr 2010 - aber Jung machte einfach weiter. Er sammelte und sammelte, pflanzte und pflanzte. Auf eigene Faust, weil, so glaubte er, viele der alten Pflanzen durch Rodung gefährdet waren. «Man konnte wirklich zugucken, wie es täglich weniger wurden.»

Leben kann Jung von dieser Arbeit nicht. Er bekommt etwas Geld durch Rebpatenschaften, die er verkauft. Und Lizenzeinnahmen, wenn Winzer seine Reben anpflanzen, um Wein daraus zu machen. «Da ist unglaublich viel Idealismus dabei», sagt der 55 Jahre alte registrierte Erhaltungszu?chter, der jetzt auch als Ethnologe in Peru arbeiten könnte, wenn sein Leben nur ein klein wenig anders verlaufen wäre.

Nun aber studiert er die Eigenschaften der alten Rebsorten und versucht, die besten wieder in den deutschen Weinbau zurückzuführen. Einen Teil der gesammelten Sorten gab er an den Geilweilerhof . «Leider ist nur ein kleiner Teil bei uns angekommen», sagt Töpfer. Viele Stecklinge seien krank gewesen, andere nicht richtig bezeichnet. Dabei sei in dem Forschungsauftrag festgehalten gewesen, dass «bedeutungsvolles Material» an das Institut gehen soll.

Jung äußert in seinem Abschlussbericht an vielen Stellen Kritik an den öffentlichen Rebforschungsinstitutionen. Der Text wurde so nicht akzeptiert - ist bis heute nicht veröffentlicht. Bei der zuständigen Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) heißt es: Jung habe «zum Teil spektakuläre Funde» gemacht. Die seien in einer Datenbank einsehbar. Jung aber ist verärgert, dass seine Schlussfolgerungen in dem 260 Seiten umfassenden Bericht nicht öffentlich sind. «Ich bin übel behandelt worden», meint er.

Joachim Schmid, der am Institut für Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim Professor ist, bedauert den Verschluss der Arbeit. «Da steht mit Sicherheit Vieles drin, was für uns interessant sein könnte.» Staatliche Einrichtungen hätten es oft schwer, für den Erhalt der genetischen Ressourcen Geld zu bekommen. Deswegen sei es «unheimlich toll», wenn Menschen wie Jung sich so engagiert für alte Rebsorten einsetzten - auch wenn die Herleitungen der Sortennamen bei ihm «nicht immer ganz nachvollziehbar» seien.

Und so arbeitet Jung auf sich gestellt weiter. Er hat sich mit dem Rebsorten-Veredler Ulrich Martin aus Gundheim zusammengetan, der die Stöcke vermehrt und sie Winzern anbietet. Die historischen Sorten, meint Martin, könnten Winzern helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. «Man muss die Vielfalt der Natur bewahren, um auf einem breiten Fundament zu stehen.» Blaue Rebsorten mit dünner Schale etwa sind anfällig für die vor Jahren aufgetauchte Kirschessigfliege. Durch die dicke Schale eines Fränkischen Burgunders hingegen kommt die Fliege laut Martin kaum - diese Beeren faulen also nicht.

Martin glaubt, dass die alten Rebsorten auch getrunken werden müssen, um erhalten zu werden. «Nur wenn sie erlebbar sind, werden sie nicht aussterben.» Jung gibt das Ziel der beiden für die kommenden Jahre aus: «Wir wollen die besten der rund 300 alten Sorten wieder in den Anbau bringen.»

Veröffentlicht am:
15. 09. 2017
12:05 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
15. 09. 2017
12:05 Uhr



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