Zum 60. Geburtstag Unser Held Pittiplatsch

Der freche Pittiplatsch erinnert uns an eine glückliche Kindheit in einem vergangenen Land, dessen menschliche Helden durchweg entzaubert wurden, kommentiert Olaf Amm. Pitti wird seinen Zauber auch weiter bewahren, weil er ewig Kind bleiben darf. Jetzt hat er 60. Geburtstag. Glücklich ist, wer als Erwachsener noch einen alten Plüsch-Pitti aus der Weltspielwarenstadt Sonneberg besitzt.

Mit Helden ist das eine schwierige Sache. Am Ende sind es doch nur Menschen, die neben einer strahlenden auch eine dunkle Seite haben. Der einzige echte Held, der mich nie enttäuscht hat und auch ganz sicher nie enttäuschen wird, ist Pittiplatsch.

Man muss den kugeligen Kleinen mit seiner Punkfrisur, den krummen Beinen und den Karo-Pantoffeln aus dem Kinderfernsehen einfach liebhaben. Den mächtigen Erwachsenen macht er es dagegen nicht leicht. „Heute geh’n wir überhaupt nicht schlafen!“, rief er Meister Nadelöhr gleich in der ersten Sendung – am 17. Juni vor 60 Jahren – zu und überlegte laut, was man stattdessen in der Nacht anstellen könnte, zum Beispiel Sterne zählen. Das Schlafengehen wird hinausgezögert, um ja nichts von der geheimnisvollen Welt der Erwachsenen zu verpassen. Da lag ich mit Pittiplatsch auf einer Wellenlänge und war dank seiner Hilfe ähnlich trickreich. Pitti war auch ein Nonkonformist: Er schlief – wenn er dann doch einmal Ruhe gab – in einem Pantoffel.

Pädagogen beschwerten sich nach der ersten Sendung über die Frechheit dieses dunkelhäutigen Wesens. Der Kobold verschwand. „Ach Du meine Nase!“, mag er in diesem Moment gesagt haben. Aber wie immer im Leben von Pitti ging alles gut, meistens nach einem ermahnenden „Nak-Nak-Nak“ von seiner besten Enten-Freundin Schnatterinchen. Säckeweise hatte das Fernsehen nach der Absetzung Fanpost bekommen und musste Pitti wieder vor die Kamera lassen. Damit wurde er einer meiner besten Freunde.

Der Beschützer aus der Sonneberger Sonni

Wie viele Kinder hatte ich natürlich auch einen Plüsch-Pitti – hergestellt bei der Sonni in Sonneberg, der Stadt meiner geliebten Großmutter. Er beschützte mich von kleinauf jede Nacht als Wächter in meinem Kinderbett. Das ist ihm auf Dauer nicht gut bekommen. Nach vielen Jahren hat er viel Plüsch verloren, ein Auge musste durch einen Knopf ersetzt werden und auch die verlorenen Pantoffeln musste die Mutter durch neu gestrickte Socken substituieren. Er blieb lange in unserer Familie.

Erst als wir den elterlichen Haushalt nach deren Tod auflösten, ist er mit ihnen verschwunden. Wir haben ihn sicher nicht achtlos fortgeworfen. Er ist wohl einfach mit ihnen in ein anderes Leben vorausgegangen, anders kann es nicht sein. Dort sitzen sie alle zusammen mit Meister Nadelöhr, der ihnen auf seiner Elle das altbekannte Lied vorspielt: „Ich komme aus dem Märchenland, schnibbel-die-schnabbel-die Scher, bin allen Kindern wohlbekannt und reiste weit umher. Die schönsten Märchen kenne ich und alle, alle Kinder freuen sich, schnibbel-die-schnabbel-die Scher, auf Meister Nadelöhr.“

Legendär sind Pittiplatschs Besuche im Koboldland, die mit 30 Minuten Extra-Länge am Silvesterabend gesendet wurden. 1975 gab er dort mit seinen Freunden ein ohrenbetäubendes „Krachkonzert“, das die Eltern schon wieder schaudern ließ. Im Koboldland wohnen Pittis Omama in einer Kaffekanne, Drehrumbum, Nicke-neck, Wuschel, Onkel Waldschrapp...

Ein völlig unpolitisches und aufmüpfiges Universum hatte das DDR-Kinderfernsehen mit den Puppen geschaffen. Dass man die alten Geschichten immer noch unkommentiert senden kann, spricht für die besondere Qualität. Pittiplatsch erinnert uns an eine glückliche Kindheit in einem vergangenen Land, dessen menschliche Helden durchweg entzaubert wurden. Pitti wird seinen Zauber bewahren, weil er ewig Kind bleiben darf.

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