Der große Bruder war so verärgert, dass die Aktiven der Siegerehrung fernblieben und nur zwei Abgesandte die Medaillen abholten, während die DDR-Fußballer ihre Leistung so langsam in Feierlichkeiten umsetzten. "Das eine oder andere Bierchen haben wir schon getrunken. Anschließend sind wir in Grüppchen auseinandergegangen", sagte Hartmut Schade.
Alle Freiheiten im Olympischen Dorf
Denn im Gegensatz zur Weltmeisterschaft 1974, bei der die Spieler die gesamte Zeit unter Beobachtung standen, bot das Olympische Dorf alle Freiheiten. "Soviel Zeit hatten wir gar nicht", sagte Gert Heidler, der dem Dresdner Block angehörte, "privat wollten wir auch in die Stadt, U-Bahn fahren und in die großen Einkaufszentren."
Gerd Kische, Spieler und später Präsident von Hansa Rostock, freute sich über die ungewohnten Freiheiten. "Wir waren oft im Kino, da liefen die neuesten Filme. Wir waren sehr stolz und glücklich, dass wir die Medaillen der anderen Athleten beklatschen konnten", sagte Kische, der Ende April 2026 zum ersten Treffen nach der Goldmedaille geladen hatte.
In der Quali die Tschechoslowakei herausgekegelt
Acht von 17 Spielern - vier sind schon gestorben - kamen nach Dierhagen bei Rostock und schwelgten ebenfalls über die Bedingungen in Montreal. "Nach 1972 war das Olympische Dorf eine Festung", sagte Weber, der es aber genoss, in der Kantine neben einem kubanischen Ringer oder Schwimmstar Mark Spitz zu sitzen: "Die waren alle im Dorf - anders als heute."
Auch wenn der Sieg über die Polen den größtmöglichen Titel ermöglichte, hatten die Fußballer das schwerste Spiel bereits in der Qualifikation hinter sich gebracht. Mit zwei Remis gegen die Tschechoslowakei sicherte sich das Buschner-Team das Ticket für Montreal. Die Tschechoslowakei konnte sich mit dem EM-Titel trösten, den sie sechs Wochen vor der DDR-Goldmedaille im Elfmeterschießen gegen die Bundesrepublik erkämpft hatte.
Aber auch intern steht der Olympiasieg nicht unbedingt an erster Stelle. Für Kische war es die Teilnahme an der WM zwei Jahre zuvor, weil dort der gesamte Weltfußball vertreten war - und nicht nur die Staatsamateure aus dem Ostblock, die von 1952 bis 1988, als die Amateurregelung fallen gelassen wurde, die Olympiasiege unter sich aufgeteilt hatten. "Da waren wir unter uns Fußballern", sagte Kische, der ein wenig der verlorenen Chance bei der WM nachtrauert: "1976 waren wir aufgrund der Zusammensetzung besser und erfolgreicher als 1974. Es war eine harmonische Einheit, dazu haben die Dresdner toll beigetragen. Wir waren unglaublich effektiv und hatten nicht so viele Egoisten."