Zeitgeschichte Ruth Bognovitz wird 100

Die Frau, die als 13-Jährige vor den Nazis floh, feiert am 2. Juli Geburtstag. Ihre Familie wurde, bis auf ihre Schwester, im KZ ermordet. Ihre Geburtsstadt Schmalkalden gratuliert.

Die Dreharbeiten zum Kurzfilm fanden zu Covid-19-Zeiten im März 2022 in der Seniorenresidenz nähe Washington statt, in der sie damals lebte. Foto: Ute Simon

In einigen Tagen feiert Ruth Bognovitz im Bundesstaat Maryland in den USA ihren 100. Geburtstag – dies ist auch für die Stadt Schmalkalden sehr wichtig, denn hier wurde sie am 2. Juli 1926 als jüngstes von drei Kindern des Ehepaares Meinhold und Clara Stiebel geboren. Aufgewachsen ist sie mit ihren Eltern, Geschwistern und weiteren Verwandten in der Stiller Gasse 4. Oft verbrachte sie ihre Ferien in Rotenburg an der Fulda bei ihren Großeltern namens Döllefeld.

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1939, im Alter von 13 Jahren, musste Ruth Stiebel ihre Heimat verlassen, denn sie ist Jüdin. Mit einem der letzten Kindertransporte entkam sie dem Nazi-Regime. Über Berlin und Schweden kam sie mit einem Dampfschiff nach New York. In den USA traf sie später ihre vier Jahre ältere Schwester Ursel wieder. Doch alle anderen Familienmitglieder – ihre Eltern, ihr Bruder Herbert, ihre Tanten und Onkel – wurden von den deutschen Nationalsozialisten in Konzentrationslagern getötet, wie sie später erfuhr.

Der Neuanfang in den USA war schwierig, bis sie bei der Familie ihrer Klassenkameradin Pauli Kort ein Zuhause fand. Sie lernte Englisch, absolvierte die High School und heiratete 1946 Bernie Bognovitz. Das Ehepaar lebte mit seinen beiden Söhnen in einer Stadt im US-Bundesstaat Maryland, in deren Nähe Ruth heute noch lebt.

2015 besuchte sie nach 76 Jahren erstmals wieder Schmalkalden, begleitet von Sohn Murray und Enkelin Shannon. Die damals 89-Jährige ging zur Stiller Gasse und hielt am Gedenkstein inne, der für Familie Stiebel dort in den Boden vor Ruths Geburtshaus gelegt worden war. „Forschen Schrittes läuft die kleine, weißhaarige Frau mit den großen braunen Augen und dem hellwachen Gesicht die Stiller Gasse entlang“, schrieb damals die Heimatzeitung. Später sprach sie mit beeindruckenden Worten vor Schülern in ihrer ehemaligen Schule, die ihr ab 1938 den Besuch untersagte. Sie berichtete eindringlich von ihren letzten Monaten in Deutschland Ende der 1930er-Jahre.

Sie machte die Angst präsent, die seit 1938 das Leben der jüdischen Bürger prägte. Sie berichtete, wie ihr Vater und ihr damals 17-jährige Bruder in der Reichspogromnacht abgeholt und ins Internierungslager Buchenwald gebracht wurden. Als sie wieder zurückkamen, habe sie ihren Vater fast nicht mehr erkannt, so sehr habe er sich unter dem Eindruck der Lagerhaft verändert. „Das Leben war nicht mehr dasselbe wie vorher“, sagte sie zu den Gymnasiasten. Deshalb hätten ihre Eltern entschieden, dass die 13-jährige Ruth und Schwester Ursula zu ihren Verwandten in die USA fliehen sollten. Kindern unter 17 Jahren sei damals noch erlaubt gewesen, auszureisen. Ihre Eltern hätten ihr versprochen, nachzufolgen. Dazu kam es aber nicht. Am Bahnhof in Eisenach habe sie ihre Eltern und ihren Großvater das letzte Mal gesehen.

„Meine Mutter sprach nie über Deutschland“, erzählte 2015 Sohn Murray. So hätten die Kinder auch nichts von ihrer traurigen Vergangenheit gewusst. „Wir hatten eine wunderbare Kindheit in Maryland und Washington“, sagte Murray. Es sei gut gewesen, aufzuwachsen, ohne das Schicksal der Mutter zu kennen. Enkelin Shannon, Tochter von Ruths zweitem Sohn Emmanuel Herbert, ergänzte, dass Menschen mit solchen Erfahrungen oft verbittert seien. Nicht so die Großmutter: Sie sei der großzügigste und liebevollste Mensch, den man sich denken könne. Murray berichtet, dass er 2004 während einer Europareise eine Email bekommen habe mit einem Brief seiner Mutter als Anhang. Damals - in Budapest - erfuhr er das erste Mal von Schmalkalden und der heimatlichen Adresse in der Stiller Gasse. Spontan entschloss er sich, nicht wie geplant nach Polen, sondern nach Schmalkalden weiterzureisen. Von dort brachte er seiner Mutter eine ganze Reihe Fotos mit, die sie an ihre Kindheit erinnerten.

Bei ihrem Besuch 2015, wo sie auch auf der Gedenkveranstaltung am 9. November über ihre Erlebnisse als Jüdin in Schmalkalden sprach, entstanden Freundschaften, zum Beispiel zu den beiden Stadtführerinnen Gertie Stemmler und Bertl Werner, die auch heute noch bestehen und von beiden Seiten gepflegt werden.

2022 flog ein junges Filmteam aus Thüringen nach Washington, um ihre Geschichte als Kurzfilm für die Nachwelt festzuhalten. Es entstand der Dokumentarfilm mit dem Titel: „Coming of Age – a Cynematic Conversation“ über ihre Erinnerungen und die des 23-jährigen Geflüchteten Luai Hasan aus Syrien. Regie führte Anna Friedrich. Als Tonmeister fungierte Philipp Schwabe vom Kulturverein Villa K in Schmalkalden, die Kamera führte Leo Schmidt. Ute Simon, Leiterin des Stadt- und Kreisarchivs Schmalkalden, begleitete das Team. Denn die Geschichte der inzwischen 96-Jährigen steht symbolisch für Tausende andere Schicksale. Der Freistaat förderte das Projekt mit einem fünfstelligen Betrag.

Schmalkalden gratuliert virtuell und zeigt den Film über ihre Erinnerungen

Die Stadt Schmalkalden gratuliert Ruth Bognovitz zu ihrem Jubiläum herzlich. Bürgermeister Thomas Kaminski wird die Glückwünsche per Videotelefonie in die USA persönlich überbringen.

Zu Ehren der vor 100 Jahren in Schmalkalden geborenen Ruth Bognovitz, geb. Stiebel, wird der 20-minütige Dokumentarfilm „Coming of age“ über ihre Erinnerungen am 2. Juli unter dem Motto „On Ruth’s 100th Birthday – Sehen. Erinnern. Nachdenken“ an drei verschiedenen Orten jede volle Stunde gezeigt: Ehemaliges Jüdisches Schulhaus mit Museum, Näherstiller Str. 3 (11 bis 14 Uhr); Rathaussaal, Altmarkt 1 (10 bis 15 Uhr); Villa K, Pfaffenwiese 2, (17 bis 19 Uhr). Eintritt frei.