Zeitgeschichte 1962: Als die EKS-Kinder in den Blütengrund zogen

Martina Hunka

Einen Schatz hat Ulli Coburger in der Heimatstube Neuhaus-Schierschnitz entdeckt: Das Tagebuch des EKS-Ferienlagers vom Sommer 1962.

Ein (nachcoloriertes) Foto aus dem Ferienlagertagebuch. Foto: Heimatstube/Repro: Hunka

Wie die Kinder vor 60 Jahren die Sommerzeit verbrachten? Sie fuhren ins Ferienlager. Die Kinder von damals sind die Senioren von heute und sie geraten ins Schwärmen, wenn sie von den Ferienlagern erzählen. In Neuhaus-Schierschnitz ist solche eine Erinnerung nun sehr lebendig geworden. In der Heimatstube hat Ulli Coburger ein Tagebuch des EKS-Ferienlagers im Blütengrund bei Naumburg aus den Jahren 1962 und 63 gefunden. Es erzählt Geschichten aus der Zeit, als Reisen für Kinder noch etwas ganz Besonderes war. 160 Kinder verbrachten hier im Sommer in mehreren Durchgängen ihre Ferien

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Acht Wochen währte der Feriensommer für die Schüler der DDR. Weil die Mütter als Arbeitskräfte gebraucht wurden, mussten sich auch die Betriebe um die Unterbringung der Kinder kümmern: mit Ferienlagern. Sie bauten Bungalowsiedlungen oder Zeltplätze, stellten Arbeitskräfte als Betreuer ab, engagierten Lehrerstudenten, sorgten für die Verpflegung. Karin aus Föritztal war dreimal Betreuer im Ferienlager und erinnert sich mit viel Freude an die Zeit. „Das war für uns Betreuer eine Auszeichnung und sowohl für die Kinder als auch uns Betreuer einfach schön. Lagerleiter Bruno Schmidt aus Lindenberg und seine Frau Alma als Köchin waren die guten Seelen Lagers.“ Den schönen Erinnerungen stimmt auch der Chef der Heimatstube Ulli Coburger zu, er und auch seine Frau Gisela waren als Kinder öfter in diesem Ferienlager und brachten jede Menge Erlebnisse mit nach Hause. Und zusätzliche Kilo Körpergewicht, wie ein zeitgenössischer Zeitungsbericht als Resümee der Ferienlager stolz vermerkt.

Abenteuer

Die Ferienkinder des Sommers 1962 wurden gleich an ihrem Anreisetag, dem 8. Juli 1962 zu Filmstars. Die DEFA kam ins Lager Blütengrund in Kleinjena. Das nächste Highlight war eine neue Musiktruhe, die für Tanznachmittage genutzt wurde. Wie die Tage verliefen, darüber gibt das Tagebuch, das abwechselnd von Kindern geführt wurde, Auskunft. Langschläfer hatten keine Chance, denn um 7 Uhr wurde geweckt, außer am Sonntag. An diesem Tag fielen auch Frühsport und Morgenappell aus, wie die Kinder in dem Buch berichteten. Die Tage füllten sich mit Bootsfahrten auf Saale und Unstrut, Ausflüge nach Naumburg, in den Leipziger Zoo, in die Umgebung des Lagers, Sport, Spielen, Singen, Tanzen, aber auch kleinen Arbeiten an den Lagereinrichtungen, wie dem Umbau eines Hühnerstalls zum Kohlenlager. Und wer etwas angestellt hatte? Der wurde stehenden Fußes bestraft: Pionier A schlug drei Fensterscheiben ein und musste zur Strafe eine Nacht in der Besenkammer schmoren. Schwamm drüber.

Blasmusiker dankten dem Dorf

Dass solch ein Ferienlager nicht im luftleeren Raum stattfand, beweist ein ins Tagebuch eingeklebter Zeitungsartikel. Er berichtet von der Zusammenarbeit der EKS mit der Gemeinde unter Bürgermeister Töpfer und der örtlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Als Gegenleistung für die örtliche Hilfe veranstaltete die Neuhäuser einen bunten Abend im Ort. Die Neuhäuser Blasmusiker und der unvergessene Manfred Löffler sorgten für gute Unterhaltung und ernteten riesigen Applaus. Nach den Ferienkindern zogen noch Urlauber aus der EKS in die Anlage. Das Essen spielte zur damaligen Zeit eine wichtige Rolle, der Hunger der Nachkriegszeit war noch nicht vergessen. Stolz vermerkt die Autorin des Zeitungsberichtes, dass die Kinder drei bis fünf Kilo zugenommen haben während ihres Aufenthaltes.

Diamantene Hochzeit

Was von all dem geblieben ist? Die Erinnerung und sonst nicht viel, wie Ulli Coburger und seine Frau von einem Neuhäuser erfuhren, der sein altes Ferienlager in einem heutigen Landschaftsschutzgebiet einmal besucht hat. Das Ferienlager hat keinen neuen Betreiber gefunden, wohl aber sind Naumburg und das Umland eine Reise wert. Für die Kinder von damals eine schöne Erinnerung. Und für die Betreuerin Karin eine Sache fürs ganze Leben, denn hier kam sie mit ihrem Mann Helmut zusammen, der ebenfalls Ferienlagerbetreuer war. Die beiden sind nun fast 60 Jahre verheiratet.

Betriebsgeschichte

EKS Neuhaus-Schierschnitz
Der Betrieb geht zurück auf eine im Jahr 1906 vom in Sankt Petersburg gebürtigen Unternehmer Armand Marseille gegründete Porzellanfabrik für Puppenköpfe aus Porzellan. Bereits 1913 verkaufte er diesen Betrieb an die Siemens-Schuckertwerke. Nun wurden hier technische Porzellane für die Energieversorgung produziert. 1733 Mitarbeiter waren dort im Jahr 1939 beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt, 1950 als VEB Porzellanfabrik Neuhaus-Schierschnitz in deutsche Verwaltung übergeben und als VEB Keramische Werke Neuhaus (KWN) sowie später unter dem VEB Elektrokeramische Werke Sonneberg (EKS) weitergeführt. Seit 1947 wurden Zündkerzen produziert. Sie trugen die Aufschrift: Isolator. 1987 feierte der Betrieb die Fertigung von 450 Millionen Zündkerzen in 40 Jahren. Im Zuge der wirtschaftlichen Umbrüche nach der Währungsunion und dem Ende der DDR musste das Werk im Jahr 1990 geschlossen werden. Teile der Fabrik sind inzwischen abgebrochen. Nur die Zündkerzenproduktion, die im November 1991 an das Ludwigsburger Unternehmen Beru verkauft wurde, existierte mit noch 60 Mitarbeitern weiter. 2006 waren 180 Mitarbeiter im Beruwerk beschäftigt. Seit 2012 gehört der Geschäftsbereich Zündkerzen zum amerikanischen Automobilzulieferer Federal-Mogul.