Wolke Design Schumacher und Monroe auf Trucks

Der gebürtige Trusetaler Jörg Wolke ist einer der wenigen, der mit Airbrush und Pinselstrichen auf einen einfarbigen Hintergrund riesige Gesichter zeichnen kann. Das macht er bei Trucks.

In der Küche des Ateliers für Gestaltung „Wolke-Design“ ist es gemütlich. Vielleicht liegt das an der rustikalen Eiche. Die aber so gar nicht zu dem Mann passen will, der da auf der Couch gerade mit dem Smartphone in der Hand seinen Instagram-Account rauf- und runterscrollt. Hinter ihm an der Wand ein großformatiges Gemälde, das Micky Maus zeigt – zeitgenössisch im Corona-Modus.

Der Mann ist Jörg Wolke, Diplom-Designer, Künstler, Maler, Werbefachmann. Alles zusammen. Das ist Wolke. Einer, der weiß, was er kann. Und immer wusste, dass die Kunst allein wohl nicht reicht – auch nicht, wenn man die Kaderschmiede der DDR-Designer, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, abgeschlossen hat. Deshalb fährt er schon sein ganzes Arbeitsleben lang zweigleisig. Gründet eine Werbeagentur, entwirft Plakate, Logos, Banner, Folien, Aufsteller, stellt Werbetafeln her, bemalt Wände in Cafés und Praxen, beklebt Autos. Dem Malen widmet er sich, wenn er Zeit und Muße hat. Irgendwann kommt der erste Truck. Er bemalt ihn und wird in der Speditionsbranche bekannt. Denn der gebürtige Trusetaler ist einer der wenigen, der mit Airbrush und Pinselstrichen auf einen einfarbigen Hintergrund riesige Gesichter zeichnen kann und damit einem Brummi einen einzigartigen Charakter gibt.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 hat er für Gorges-Tent-Event einen Truck gestaltet. Mit seinen Trucks fährt das Unternehmen Bauteile und Ausstattungen für Events durch Europa. „Temporäre Architektur“ bietet Gorges, nicht einfach Zelte, wie der Name vermuten lässt. Teils doppelstöckige Häuser auf Zeit stellen die Experten aus Laubach irgendwo in Europa auf. Nun hatte die Firma einen Auftrag für die Formel 1 und zwei neue Trucks bestellt – in anthrazit, weil sich das besonders gut für eine Bemalung eignet. „Das Ziel war Barcelona, wo die Formel 1 zurzeit ihre Vorsaison-Tests durchführt“, weiß Wolke. Und um das Perfekte noch perfekter zu machen, bat der Firmenchef den Schmalkalder Designer, einen Truck mit Legenden der Formel 1 und den anderen mit Las-Vegas-Legenden zu bemalen, da er selbst großer Vegas-Fan ist. „Das ist natürlich voll mein Ding“, schwärmt Wolke, denn Porträts sind für den Künstler das Salz in seiner Alltags-Suppe. Kurz vor Weihnachten kamen die zwei Trucks mit den jungfräulichen Metallflächen auf den Führerhäusern. Vor ein paar Tagen sind acht Sattelzüge nach Barcelona gefahren, mit dabei der Formel-1-Truck.

Für acht Porträts hatten sich Jörg Wolke und Karl-Heinz Gorges entschieden. Vier lebende Legenden (Schumi, Verstappen, Hamilton, Vettel) auf der einen, vier verstorbene (Lauda, Farina, Senna und Fangio) auf der anderen Seite. „Zwischen den Feiertagen hatte ich die Ruhe, die ich für solche Projekte brauche“, erzählt der 51-Jährige. Man könne sich streiten, wer eine Legende sei, „aber für mich war wichtig, dass mit Juan Manuel Fangio der erste Formel-1-Weltmeister verewigt wird“. Als die Namen feststehen, setzt sich Wolke an den Computer und fertigt einen Entwurf. Dabei legt er Wert darauf, dass „die Legenden Emotionen zeigen, durch Blicke oder Gesten“.

Wenn der Entwurf vom Auftraggeber abgenickt ist, folgen die Vorarbeiten: Teile, etwa der Außenspiegel, werden abgeschraubt, der Lack abgeschliffen, Bereiche abgeklebt. „Mit einer Technik werden die Entwürfe auf den Truck übertragen. Ich beginne dann auf der reinen Fläche. Zu Zweidritteln wird mit dem Pinsel gemalt, der Rest ist Airbrush.“ Damit eine Legende ihren Charakter erhält, muss der Pinselstrich „gestochen scharf“ gesetzt werden, Barthaare und Augen werden immer mit dem Pinsel gemalt. „Wenn ich Glück habe, sieht es am Ende gut aus“, sagt Jörg Wolke und grinst. Das tut es, denn sonst würde auf der Autobahn niemand Vettel als Vettel erkennen. Nach der Malphase kommen vier Schichten Klarlack als Versiegelung drauf. Finish. Fertig. Etwa einen Monat lang arbeitet Wolke an einem Truck. Ende Januar begann er mit dem Las-Vegas-Truck.

Wieder entschied er in Absprache mit Gorges , welche Legenden auf dem Führerhaus einen Auftritt bekommen sollen: Copperfield, Elton John, Elvis, Celine Dion, Sammy Davis Jr., Siegfried & Roy, Dean Martin, Fred Astaire und Marilyn Monroe. Die Diva, die sogar einen Präsidenten um den Verstand gebracht haben soll, hat es auch dem Schmalkalder Künstler angetan. Monroe ist nicht zum ersten Mal Wolkes Motiv. Er hat sie schon als Wandgemälde in ihrer berühmtesten Pose geschaffen. Jedoch kommt bei Wolke die Luft nicht aus einem Schacht, sondern aus dem Föhn von Micky Maus. Ja, auch Micky Maus scheint es ihm angetan zu haben.

Die Vielseitigkeit Jörg Wolkes zeigt sich daran, was er bemalt. Nicht nur auf Trucks, auch auf Häuserwänden und vielen Firmenfahrzeugen in der Region prangt sein Logo „Wolke-Design“. Ob Landschaften oder Handwerk, das Motiv bestimmt der Auftraggeber.

In Arztpraxen hat sich ebenfalls herumgesprochen, dass es jemanden gibt, der die Wände so bemalt, dass man seine Patienten im Warteraum mit den Bildern ablenken, unterhalten oder gar erfreuen kann. Wie die kleinen Patienten in der Kinderarztpraxis Dr. Miehe. Dort hat Wolke das Logo der Praxis, eine kleine Giraffe, in 3 D-Technik an die Wand gebracht. Und das gleich in mehreren Räumen. „Die gehen da alle drauf fest“, sagt Wolke stolz. Denn Kinder sind wahrscheinlich die gnadenlosesten Betrachter überhaupt. Die Kleinen mit der Giraffe, die in ihrem Blätterwald verschwindet, abzulenken, war das Ziel. „Es scheint zu funktionieren. Die Eltern und Kinder stellen sich vor die Bilder und machen Selfies.“ Mehrere Praxen hat er gestaltet, eine HNO- und eine Zahnarztpraxis in Schmalkalden, zuletzt eine Frauenarztpraxis in Römhild. „Wenn sich am Ende alle freuen, ist das manchmal besser als Geld verdienen“, sagt Wolke, der auch eine Wand im Kinderhospiz in Tambach-Dietharz bemalt hat.

Natürlich sind die Aufträge aus der Trucker-Szene neben der künstlerischen Herausforderung auch Einnahmequelle. Damit hinterlässt man Spuren. Neue Kunden werden aufmerksam. Wie der Spediteur, für den er die Filmfigur „Joker“ auf seinem Sattelzug zeichnen soll. „Wird nicht ganz einfach, denn ich male ja nicht die Comicfigur, sondern einen Menschen, der Schminke im Gesicht hat und Joker ist“, sagt Wolke. Trotzdem leuchten seine Augen, denn das ist seine Leidenschaft. Per Facebook und Instagram (joerg.wolke) lässt er seine Fans an der Entstehung seiner Bilder, ob mit Airbrush oder Pinsel, ob auf einem Truck oder an einer Wand, teilhaben. „Ich fotografiere verschiedene Arbeitsphasen. Meist kommen dann schon Reaktionen“, erzählt Wolke. Ohne sie an- oder auspreisen zu müssen, kann er so auch seine eigenen Werke an den Mann bringen. Oder, wie das Porträt von Till Lindemann, dem Sänger von „Rammstein“, an die Frau. Kaum hatte er das Foto des Gemäldes gepostet, rief eine Frau bei ihm an und kaufte es. „Von den Wandgemälden ziehe ich noch maximal drei Leinwanddrucke“, sagt Wolke. Die Kunstwerke exklusiv bleiben.

Und etwas Exklusives sollte auch seine eigene Ausstellung sein. Geliebäugelt hat er damit schon seit Jahren. Angebote hier in der Region hatte er auch. Aber zugegriffen hat er erst jetzt. Als ein Bekannter ihm einen Kontakt nach Dresden herstellte. Direkt neben dem Dresdner Zwinger wird sich Jörg Wolke im nächsten Jahr seinen Traum erfüllen. 30 eigene Gemälde wird er im Januar und Februar 2023 im Fünf-Sterne-Hotel „Taschenbergpalais Kempinski“ ausstellen. Ob Marilyn und Micky Maus dabei sind, wird man sehen. Es sei alles erlaubt, habe das Vorgespräch ergeben, „nur keine Nackigen, das war die einzige Bedingung“, erzählt Wolke. Er müsse jetzt erst einmal hinfahren und sich die Gegebenheiten vor Ort anschauen. Genau wie er es macht, wenn er eine Arztpraxis bunter gestalten oder ein Fahrzeug der Straßenreinigung verschönern soll.

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