Wirtschaft vorm Umbruch „Der Landkreis Sonneberg steht auf der Fachkräftebremse“

Blick auf die Zapfpistole der dezentralen Wasserstoff-Produktionsanlage und -Tankstelle beim Sondermaschinenbauer Kumatec in Neuhaus-Schierschnitz. Mit der Technologie ist der Betrieb auf einem Zukunftsmarkt unterwegs, derweil es anderen Automobil-Zulieferern im Landkreis Sonneberg erst noch bevorsteht ihre Produktpalette verändern zu müssen. Foto: Michael Reichel/ari (Michael Reichel)

Im Landkreis Sonneberg, der einstigen wirtschaftlichen Vorzeigeregion der neuen Bundesländer, befindet sich der Konjunkturklimaindikator der Industrie- und Handelskammer Südthüringen im freien Fall. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt.

Sonneberg - Inzwischen ist fast allen Unternehmen zwischen Rennsteigregion, Föritztal und Schaumberger Land klar: Es gibt zu wenige Fachkräfte. Dieser Sachverhalt senkt nicht nur die Wirtschaftsleistung, sondern schadet inzwischen auch der qualitativen Weiterentwicklung des Standorts. Zudem belastet der Strukturwandel in der Automobilindustrie zunehmend die kunststoffverarbeitenden Zulieferer, heißt es in einer Mitteilung der Industrie- und Handelskammer Südthüringen.

Die derzeitige Geschäftslage bewerten ausweislich der Frühsommer-Konjunkturumfrage der Kammer 27 Prozent der Unternehmen als gut, 25 Prozent als saisonüblich bzw. befriedigend, 48 Prozent als schlecht. In den kommenden Monaten könnte es aus Sicht von zwölf Prozent Verbesserungen geben.

Jedoch erwarten jeweils 44 Prozent der Befragten keine Veränderung oder sogar weitere Verschlechterungen. Der Konjunkturklimaindikator, der ein geometrisches Mittel aus Lagebeurteilung und Geschäftserwartungen darstellt, erreicht 73,4 von 200 möglichen Punkten.

Gegenüber dem Beginn des Jahres ist dies ein Rückgang um drei Punkte. Das aktuelle Umfrageergebnis resultiert auch aus der Corona-Pandemie, die für drei von vier Unternehmen ein Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung darstellt, ergibt die Befragung. Gleichwohl geht der Konjunkturklimaindikator bereits seit Anfang 2018 zurück. Zugleich sinkt seither das Bruttoinlandsprodukt. Ein Grund hierfür ist der bereits seit Jahren bestehende Fachkräftemangel. So ist innerhalb der letzten zehn Jahre die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze lediglich um 130 Personen gestiegen, eine Zunahme um 0,6 Prozent. In Deutschland insgesamt nahm im gleichen Zeitraum die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze um 20 Prozent zu, führt die Kammer aus. Hätte es ein ähnliches Wachstum im Landkreis Sonneberg gegeben, gäbe es heute 3800 zusätzliche Arbeitsplätze.

„Um wirtschaftlich aufzuholen, müssen die Regionen in den neuen Bundesländern schneller wachsen als die Bundesrepublik insgesamt. Der Landkreis Sonneberg steht stattdessen auf der Fachkräftebremse. Um wachsen zu können, müssen die Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen. Fehlen Mitarbeiter an Schlüsselpositionen, steht die Produktion, und zwar nicht nur auf der Schlüsselposition. Arbeitsschritte bleiben auf der Strecke und Bereiche werden überflüssig. Auf diese Weise können auch vermeintlich sichere Arbeitsplätze gefährdet werden. Um dieses Problem zu lösen, benötigen viele, gerade kleinere Unternehmen Unterstützung von außen. Unser IHK-Fachkräftereferat unterstützt Unternehmen kostenfrei im Rahmen ihrer Personalsuche“, erklärt Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der IHK.

Ein zweiter Grund liegt in der Entwicklung der deutschen Automobilindustrie. Sie steht seit dem Abgasskandal seit 2016 und der verzögerten Umstellung auf ein neues Abgasprüfsystem in 2018 unter Druck und richtet zunehmend die Antriebstechnik neu aus. Für viele Industriebetriebe – gerade auch im Kunststoffbereich, der sein Südthüringer Zentrum im Landkreis Sonneberg hat – wächst damit der Druck auf die Absatzzahlen.

Investitionen in Innovationen lahmen

In der Folge kommt es zu deprimierenden Umfrageergebnissen. Während in verschiedenen Teilen Deutschlands die Nachfrage vor allem nach Industriegütern bereits wieder anzieht, erwarten lediglich fünf Prozent der Unternehmen aus dem Landkreis Sonneberg steigende Mitarbeiterzahlen, so die Kammer. 15 Prozent gehen hingegen davon aus, dass sich der Personalbestand weiter reduziert.

Damit korrespondiert die geringe Investitionsneigung. Lediglich 68 Prozent der Unternehmen planen Investitionen. In den vergangenen zehn Jahren waren es im Durchschnitt 76 Prozent. Jedes zweite Unternehmen plant Ersatzinvestitionen. Hingegen sind innovative und Erweiterungsinvestitionen nur gering ausgeprägt. „Von jetzt auf gleich den Schalter umzulegen, wird nicht funktionieren. Es ist auch nicht erforderlich. Die bisherige Antriebstechnik wird noch einige Jahre einer Vielzahl an Unternehmen Arbeit geben. Da die Nachfolgeprodukte aber auf eine andere Technologie setzen, müssen Sonneberger Unternehmen zunehmend ihre Produktpalette verändern. Dazu brauchen wir in den nächsten Jahren vermehrt Investitionen in diesem Bereich“, so Pieterwas.

Über 4000 Unternehmen im Kreis

Basis der Angaben ist eine repräsentative Konjunkturumfrage der IHK Südthüringen, die im April 2021 durchgeführt wurde. Zur IHK Südthüringen mit 27 500 Mitgliedsunternehmen gehören auch rund 4100 Unternehmen aus dem Landkreis Sonneberg. Den branchenmäßig größten Anteil stellen die 1700 Dienstleister mit 6800 Beschäftigten, gefolgt von 1100 Handelsunternehmen mit 2000 Beschäftigten. Zur Industrie gehören im Landkreis Sonneberg gehören 475 Unternehmen mit 9200 Beschäftigten.

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