Winter Ich hasse ihn!

Der Schnee ist da. Das ärgert unsere Kommentatorin.

Silke Wolf Foto:  

„Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus, die Welt sieht wie gepudert aus“ – die Kollegin kommt singend in die Redaktion. Ihr Sohn habe statt „gepudert“ immer „gepudelt“ gesungen, als er klein war. Sie lacht. „Los auf – schau doch mal zum Fenster raus“, habe sie ihm am Montag, mittlerweile erwachsen, aufgeweckt, damit er den Schneefall mit ihr bewundern sollte.

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Der Winter ist da. Ja, das habe ich auch schon gemerkt. Aber so eine kindliche Freude, wie sie sich bei meiner Kollegin einstellt, die will bei mir nicht aufkommen. Ja, ich mag den Winter auch, wenn ich bei Sonnenschein einen Spaziergang machen kann, der feste Schnee unter meinen Winterstiefeln knirscht.

Und ja, ich bin am Montag auch extra aus dem Haus, um einen Schneeball in meinen Händen zu formen und diese Kälte zu spüren, wie damals als Kind, diese Kälte, die einen die Hände rot werden lässt und einen Schmerz hervorruft, den man eben nur mit dem Winter in Verbindung bringt. Aber ansonsten brauch’ ich ihn nicht, den Winter, den Schnee.

Am Montag konnte ich zum Glück Homeoffice machen, die Kollegen hatten gewarnt, der Verkehr stehe, weil Lkw und Auffahrunfälle die Straßen blockieren. Ich blieb zu Hause, nahm den Schneeschieber, schob fast eine Stunde Treppen und Parkplatz frei.

Am Dienstag dann war das Auto dran, abkehren, im kalten Innenraum die Heizung mit zittrigen Fingern anwerfen, beschlagene Scheiben putzen. Ich hasse es. Ich brauche den Winter nicht.

Ja, okay, die Natur sieht schön aus. Zumindest das, was ich so beim Vorbeifahren mitkriege, während ich verkrampft das Lenkrad festhalte, um auf den teilgeräumten Fahrbahnen die Spur zu halten. Endlich an der Arbeit angekommen, wo der Parkplatz aus Schmierseife zu bestehen scheint, stelle ich das Auto ab, lege die Frontscheibenabdeckung auf und mache schon mal vorsichtshalber hinter dem Gefährt den Weg frei, damit ich abends auch wieder rauskomme. Was soll daran schön sein?

Kaum in der Redaktion angekommen, schwärmt der Kollege, der normalerweise in einer anderen Redaktion sitzt, wie herrlich doch Schmalkalden im Winter ist! Wie im Winterwonderland! Ich sage nichts, schaue aus dem Fenster. Und was sehe ich? Ein kleines Mädchen klettert auf den Rand des Altmarktbrunnens und hüpft lachend darauf herum. Große Sprünge macht sie, um sich dann belustigt ihre Schuhspuren, die sie im Schnee hinterlässt, anzuschauen.

Vielleicht sollte ich die Welt auch öfter mal mit den Augen eines Kindes betrachten? Ich könnte ja rausgehen, einen Schneeball formen und damit die Kollegin in der Redaktion abwerfen? Oder einseifen?

Das habe ich ebenfalls gehasst, wenn auf dem Schulhof die Jungs aus meiner Klasse auf mich zukamen und mir den Schnee ins Gesicht rieben oder am Nacken unter die Kleidung steckten. Lustig fanden die das!

Einmal habe ich einen Schneeball, der 30 Meter von mit entfernt von einem älteren Mitschüler abgefeuert wurde, direkt auf die Nase bekommen. Das tat sauweh. Der Aufsicht habende Lehrer schnappte sich ihn. Als Strafe musste er vor aller Augen 50 Schneebälle machen – ohne Handschuhe versteht sich. Ich stand, wie der Rest auf dem Schulhof, daneben und zählte mit. Alle schauten zu, wie er eiskalte Pfoten bekam und zitterte, um zum Schluss die Bälle mit seinen Füßen zertreten zu müssen. So war das damals vor 50 Jahren. Ich fand’s gut. Aber den Winter? Den brauche ich wirklich nicht.