Windenergie Beschluss schließt auf 98 Prozent der Fläche Windräder aus

Der Schmalkalder Bürgermeister lädt Interessierte ein, sich zum Thema Windvorrgangebiete Informationen aus erster Hand zu holen. Wo und wann und wie er zum Thema steht, lesen Sie hier.

Windräder im Wald – hier im Odenwald: Sollten irgendwann im Bereich Döllendorf Windräder gebaut werden, dann könne man sie wohl vom Schloss Wilhelmsburg nicht sehen, von der Queste eventuell schon, so die Prognose. Foto: picture alliance/dpa/Uwe Anspach

Die zweite Veranstaltung zum Thema Windvorranggebiete in der Region Schmalkalden findet am Montag, 29. Juni, in Wernshausen statt. Bürgermeister Thomas Kaminski lädt alle Bürgerinnen und Bürger dazu ein. Es möchte darüber informieren, was der Beschluss der Regionalen Planungsgemeinschaft (RPG) Südwestthüringen bedeutet, bestimmte Regionen vorrangig für die Bebauung mit Windrädern auszuweisen. In der Region Schmalkalden sind für die mögliche Bebauung mit Windrädern zwei Waldgebiete vorgesehen: Döllendorf zwischen Grumbach und Metzels und eine Fläche bei Helmers Richtung Breitungen. Beim ersten Termin, der in Wasungen stattfand, sei man gar nicht dazu gekommen, die Hintergründe zu erklären, bedauert Kaminski.

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Bürgermeister lädt zur Klärung offener Fragen ein

Das soll in der Infoveranstaltung in Wernshausen anders sein. „Ich möchte den Interessierten erklären, wo man Fakten nachlesen und seine Bedenken einreichen kann. Möglicherweise hat jemand Informationen zu diesen Gebieten, die der Regionalen Planungsgemeinschaft noch nicht vorliegen“, erläutert der Bürgermeister die Intention, eine zweite Veranstaltung einzuberufen.

Die Themen Naturschutz, Tourismus und Rennsteig seien bereits durch die RPG abgeklopft, grundsätzliche Bedenken dazu schon diskutiert worden. Es dürfe kein Laub- und kein Misch- sowie noch intakter Nadelwald für Windräder freigeräumt werden. Lediglich Fichtenwald. Dies sagt Kaminski auch im Hinblick auf den Eilantrag, den die AfD-Fraktion in der Stadtratssitzung diese Woche zum Thema Ausweisung der Vorranggebiete eingebracht hatte.

AfD-Antrag zur Windkraft abgelehnt: Keine Dringlichkeit erkannt

Fraktionsvorsitzender Jan Abicht begründete den Eilantrag damit, dass Stellungnahmen zum Beschluss der RPG noch bis 20. Juli möglich seien. Thomas Kaminski sagte, dass der Eilantrag am Tag der Sitzung um 11.16 Uhr eingegangen sei und „keine Möglichkeit mehr bestanden habe, sich in den Fraktionen inhaltlich darüber Gedanken zu machen“. Die Eile sei nicht geboten gewesen, da der Beschluss der RPG seit Langem bekannt gewesen sei. Die AfD habe genügend Zeit gehabt, ihren Antrag fristgemäß – 14 Tage vor der Sitzung – einzureichen. Der Stadtrat folgte dem Bürgermeister, er sah mehrheitlich keinen Grund, den Eilantrag zuzulassen. Inhaltlich wurde er nicht diskutiert.

Allerdings ging Thomas Kaminski selbst in der Sitzung bei der Ankündigung der Info-Veranstaltung in Wernshausen auf das Thema Windkraft ein und wurde auch in der Bürgerfragestunde darauf angesprochen. Christine Marquardt wollte wissen, ob er sich nach der ersten Veranstaltung in Wasungen mit den Themen Infraschall und Mikroplastik befasst habe und ob er eine Bürgerbefragung zum Thema Windkraft gutheißen würde.

„Windräder sind kein Teufelszeug, aber Vorsicht ist geboten“

Er habe einige Studien von Professor Christian-Friedrich Vahl, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Mainzer Universitätsmedizin, gelesen. Dieser war in Wasungen zitiert worden. Und diese so verstanden, dass Vahl nicht behaupte, dass „Windräder Teufelszeug“ seien, aber dass man deren Auswirkungen auch nicht unterschätzen dürfe. Laut Vahl seien bei Studien, die in Paderborn und Bielefeld gelaufen seien, festgestellt worden, dass Menschen, die von Windrädern umzingelt leben, öfter als normalerweise Herzprobleme aufgetreten seien. Professor Vahl spreche sich dafür aus, den Abstand von Windrädern zu Dörfern deshalb von einem auf zwei Kilometer zu erweitern. Auch über Mikroplastik habe er sich belesen, sei aber immer noch „nicht aussagefähig“ und habe sich „kein abschließendes Bild“ von der Mehrbelastung durch den Abrieb von Windrädern machen können. Fest stehe, dass Mikroplastik „eines der größten Umweltprobleme“ überhaupt sei. Allerdings gelte als Hauptverursacher der Abrieb von Autoreifen.

Laut Kaminski müsse man darüber diskutieren, wie man sich die Energieversorgung der Zukunft vorstelle, bei der möglicherweise auch die Windenergie eine Rolle spiele. Man müsse sich fragen, was das übergeordnete Interesse sei. Man könne alles belassen, wie es sei, womit man sich weiter von Ländern abhängig mache, „von denen man besser nicht abhängig ist“, weil der Weltmarkt „politisch nicht mehr beherrschbar ist“. Und es müssten intelligente Speicher sowie Netze gebaut werden, sodass Strom dahin gebracht werde, wo man ihn zu einer bestimmten Zeit benötige.

Kaum Alternativen vorhanden

Es gebe aber bisher kaum Alternativen. Die Zukunft müsse aus seiner Sicht ein Energie-Mix sein, um nicht völlig vom Weltstrommarkt abhängig zu sein. Der Abbau von Braunkohle bedeute, dass ganze Ortschaften diesem zum Opfer fallen, wie die Vergangenheit gezeigt habe. „Ja, das kann man fordern, das ist ja auch nicht vor der eigenen Haustüre“, hält Kaminski den Forderungen „Keine Windräder im Wald“ entgegen.

Fracking stehe ebenfalls dem Naturschutz entgegen. In einem Gebiet in Holland, wo diese Abbauform angewandt werde, stelle man vermehrt Erdbeben fest. Strom aus Norwegen sei vermutlich sauber, aber sich weiter durch Importe aus Russland und Katar von diesen Ländern abhängig zu machen, hält der Schmalkalder Bürgermeister für gefährlich. Kernkraft sei eine mögliche Alternative, die aber frühestens in etwa 20 Jahren greife und teuer sei. PV-Anlagen seien allgemein anerkannt, hätten aber im Winter Schwächen.

So lange es noch keine guten Speichermöglichkeiten gebe, müsse man auf Sonne und Wind setzen, meint Kaminski. „Ich halte es für falsch, von vornherein irgendetwas auszuschließen.“ Würden keine Gebiete ausgewiesen, könne später jeder, der das möchte, ein Windrad aufstellen, wohin er möchte – egal ob privater oder kommunaler Interessent. Man müsse dies dann nur vom Landratsamt genehmigen lassen, welches nach den geltenden Gesetzlichkeiten entscheide. Sollten diese eingehalten sein, bleibe dem Amt nichts anderes übrig, als das Windrad zu genehmigen. Es gebe bereits Interessenten. Um einen daraus resultierenden Wildwuchs gar nicht erst entstehen zu lassen, plädiert Kaminski für die jetzt zur Debatte stehende „geordnete Ausweisung von Flächen“ – auch wenn diese, wie im Schmalkalder Beritt, mit der möglichen Rodung von Waldflächen einhergehe.

98,3 Prozent der Fläche vor Windrädern geschützt

Windvorranggebiete in unserer Region zu benennen, sei ein Problem. Das gehe nämlich nicht in der Nähe von Siedlungen und auch nicht in Tallagen. Damit bleibe fast nur noch Waldfläche übrig. Döllendorf sei das „größte zusammenhängende Waldgebiet im Bereich der Planungsgemeinschaft Südwestthüringen“. Ja, das sei ein Eingriff. Aber mit dem Beschluss der Regionalen Planungsgemeinschaft schütze man 98,3 Prozent der Fläche im gesamten Bereich Südwestthüringen vor dem Bau von Windrädern, weil man sie damit ausschließe und lasse sie lediglich auf 1,7 Prozent zu. Und auch das zunächst nur theoretisch. Ohne den RPG-Beschluss wären dann 70 Prozent der Fläche im Außenbereich „offen für mögliche Bebauung mit Windrädern“. Bei der in der Region Schmalkalden auszuweisenden Vorrangfläche habe dann auch die Stadt mitzuentscheiden, da ein Drittel der Fläche Döllendorf kommunal sei und bei Helmers 100 Prozent, da sie dem Thüringenforst gehöre.

Kaminski lehnt Bürgerbefragung ab

Eine Bürgerbefragung zu diesem Thema hält Kaminski für nicht zielführend: „Dafür brauchen wir eine Kultur des Austauschs. Die Bürgerinitiative hat bisher nicht gezeigt, dass sie andere Meinungen zulässt.“ Er selbst werde sich „nicht gegen Windenergie stemmen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“.

2. Info-Veranstaltung zum Thema Windvorrangebiete und Windkraft, Wernshausen, Bürgerhaus Werra-Aue, Montag, 29. Juni, 18.30 Uhr.