Welterbe Christbaumschmuck Große Geschichte in kleinen Kugeln

Die Christbaumkugeln aus Lauscha sind so rund wie der Erdball. Sie sind eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, die auf Ideen, harter Arbeit, Wissenschaft und Kooperation beruht – dem Modell, mit dem sich einmal ganz Deutschland einmal auf den Weg aus der Armut eines Agrarstaates gemacht hat.

Christbaumschmuck aus Lauscha. Foto:  

Endlich ist es amtlich anerkannt: Der Thüringer Wald hat zwar keine Pyramiden, keine Akropolis und keine Kathedralen, aber doch haben wir der ganzen Welt ein wunderbares Geschenk gemacht. Was wäre der Zauber der Weihnacht ohne das Funkeln, das von den verspiegelten Glaskugeln des geschmückten Christbaums strahlt? Erfunden wurde der Festschmuck vor mehr als anderthalb Jahrhunderten in Lauscha.

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2021 hat die Kultusministerkonferenz ihn in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In einem nächsten Schritt kann die Anerkennung als Kulturerbe der Menschheit erfolgen.

Das Symbol des Friedensfestes aus dem Thüringer Wald

Die Landesregierung in Erfurt und die Bundesregierung in Berlin müssen alles daran setzen, dass die Christbaumkugeln irgendwann auch auf die globale Vorschlagsliste für die Weltkulturorganisation Unesco gesetzt werden. Niemand darf sich für diese Lobbyarbeit zu schade sein. Weihnachten ist, abgesehen von der christlichen Geburtsgeschichte, das Fest des Friedens. Und dass nun gerade Deutschland das schönste Symbol für dieses Fest geschaffen hat, ist erwähnenswert.

Die Kugeln können den Menschen in vielen Ländern aber noch sehr viel mehr berichten. Ersonnen hat sie wohl ein armer, aber kreativer Glasbläser. Es war der Beginn einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte, die auf Ideen, harter Arbeit, Wissenschaft und Kooperation beruht – dem Modell, mit dem sich einmal ganz Deutschland auf den Weg aus der Armut eines Agrarstaates gemacht hat.

Ihren Glanz verdanken die Kugeln der Erfindung Justus von Liebigs, Glaskörper wissenschaftlicher Geräte mit einer ungiftigen Silbernitratlösung zu beschichten. Den Vertrieb des Baumschmucks übernahmen die Verlagshäuser aus Sonneberg mit ihren weltweiten Kontakten. Die Massenfertigung wurde durch den Bau einer Gasanstalt ermöglicht, denn nur eine sehr heiße Gasflamme ermöglichte das Blasen großer und dünnwandiger Kugeln.

Wohlstand für viele

1880 importierte Frank Woolworth die ersten Christbaumkugeln in die Vereinigten Staaten. Dadurch wurde die Produktion stark ausgeweitet. Mit der Gründung der Glasbläser-Genossenschaft des Meininger Oberlandes stiegen die Gewinnmargen für die Glasbläser. Mit ihrem Erfolg beim Export ihrer Glaswaren konnten die Folgen von Inflation und Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren gemildert werden.

Auch das gehört zu der Geschichte: Im sprichwörtlichen Saus und Braus konnten die Lauschaer Glasbläser trotzdem nie leben. Aber sie hatten ein Auskommen für sich und ihre Familien in einer Gegend, die klimatisch für die meisten anderen eine Herausforderung ist. Mit einem Produkt, das die Augen von Kindern und Erwachsenen am Heiligen Abend zum Glänzen bringt, gaben sie auch vielen anderen Lohn und Brot.

Die frühe Globalisierung

Da saß der Buchhalter im Kontor des Sonneberger Großhändlers und hat die Aufträge aus Amerika in ein dickes Buch geschrieben. Am Bahnhof hat der Reichsbahner die Kisten verladen. In Hamburg bugsierte sie ein Seemann auf das Schiff. In Detroit hat sie eine Verkäuferin einem Fabrikarbeiter aus den Automobilwerken verkauft. Der hatte zuvor ein Lieferauto zusammengeschraubt, das den umgekehrten Weg gehen sollte und schon von einem Händler am Rennsteig erwartet wurde.

So verschieden waren all diese Menschen gar nicht, auch wenn einer mehr und der andere weniger Geld hatte: Weihnachten hängten sie alle die gleichen Lauschaer Kugeln an ihren Christbaum, der ja auch von Südthüringen aus zum Siegeszug über die Kontinente angetreten war. Die Christbaumkugeln aus Lauscha sind so rund wie der Erdball, und sie erzählen eine kleine Geschichte der großen Welt.