Vortrag auf Point Alpha „Feindobjekte“ im Fadenkreuz der Stasi

red
Historiker Sascha Münzel. Foto: Johannes Schneider

Spionage der DDR im Westen: Ein interessiertes Publikum lauschte dem Vortrag von Sascha Münzel auf Point Alpha.

GEISA. Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beschattete im Auftrag der SED nicht nur das eigene Volk. In den 40 Jahren der deutschen Teilung war auch die alte Bundesrepublik ein intensiv bearbeitetes Spionageziel. Wie und mit welchem Aufwand die Stasi die „Feindobjekte“ in den Blick nahm, berichtete Sascha Münzel, Historiker und Mitarbeiter der Außenstelle Suhl des Stasi-Unterlagen-Archivs im Bundesarchiv, einem interessierten Publikum in der Gedenkstätte Point Alpha.

Die DDR betrieb im Westen Spionage in einem Ausmaß, das für Friedenszeiten ungewöhnlich war, aber vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der deutschen Teilung erklärbar ist und auch nur deshalb so intensiv funktionieren konnte. Gezielt wurden Bundeswehr, Parteien, Hochschulen, Sicherheitsbehörden, Wissenschaft und Wirtschaft, örtliche Ämter, Verkehrseinrichtungen, aber auch Raststätten und Intershops an den Transitrouten ausgespäht. „Nichts war sicher vor den Augen und Ohren der Agenten. Die Hauptabteilung A (Aufklärung) wollte alles wissen, alles kontrollieren“, unterstrich Münzel im Haus auf der Grenze.

Alles, was den Spionen vor die Fotolinse kam, wurde fotografiert. Auch der damalige US-Beobachtungsstützpunkt „Observation Post Alpha“ wurde von einem als Touristen getarnten DDR-Bürger heimlich abgelichtet. Akribisch wurden die bei den Einsätzen gewonnenen Erkenntnisse festgehalten und penibel abgeheftet. So entstand zum Beispiel ein Stasi-Dossier zum 18. Heimattreffen ehemaliger Bewohner des Geisaer Amtes, das im Fuldaer Kolpinghaus stattgefunden hatte. „Aus heutiger Sicht erscheint die exzessive Sammelwut, selbst banalster Dinge, völlig übertrieben. Für das MfS waren das aber wichtige Sachverhalte“, so der Referent.

Münzel rekonstruierte am Beispiel der Stasi-Bezirksverwaltung Suhl Aufgaben, Vorgehensweise, Struktur und Vorgänge in deren „Operationsgebiet“, zu dem auch die Rhön und Franken zählten. Beispielsweise horchten Stasi-Mitarbeiter vom Funkaufklärungsstützpunkt „Blitz“ aus die Funkverbindungen der grenznahen bundesdeutschen Polizei- und Zollstationen ab. Unter genaue Beobachtung hatte das MfS zudem die dortigen Grenzinformationsstellen gestellt. Bei der Spionage ging es darum, frühzeitig von politischen und personellen Entscheidungen und Veränderungen zu erfahren und gegebenenfalls Einfluss nehmen zu können. Die Militärspionage wiederum ordnete sich in das Bemühen um militärische Überlegenheit ein, während Wirtschaftsspionage vor allem bedeutete, westliches Know-how zu erlangen. Für die Auslandsspionage waren in der Stasi-Hauptverwaltung zuletzt 4700 hauptamtliche Mitarbeiter zuständig, die rund 15 000 informelle Mitarbeiter (IM) führten. Für die „Kundschaftertätigkeit“ trainierte die Stasi in geringerem Umfang ostdeutsche Agenten, die sie durch geheime Tore im „Eisernen Vorhang“ in die Bundesrepublik schleuste. Zumeist waren aber Invaliden-Rentner diesbezüglich aktiv, die in den „Dienst“ zumeist aus politischer und moralischer Überzeugung einwilligten. „Abgeschöpft“ wurden auch DDR-Bürger, die von einem Westbesuch zurückkehrten.

Es gelang der Stasi, auf vielfältige Weise auch Bundesbürger als IM zu werben. Sie nutzte dabei bevorzugt familiäre Verbindungen zwischen Ost- und Westdeutschen, ebenso finanzielle Anreize. Ende der 1980er-Jahre spionierten rund 3000 Bundesbürger für die DDR. Im Laufe von 40 Jahren deutscher Teilung lieferten somit insgesamt schätzungsweise 12 000 Bundesbürger Informationen nach Ostdeutschland.

„Die HV A des MfS konnte nach dem Ende der Stasi die dafür zuständigen Gremien davon überzeugen, sich in Eigenregie aufzulösen. Dabei hat sie auch ihre Unterlagen weitgehend vernichten können. Daher ist der Umfang von Original-Unterlagen zur deutsch-deutschen Spionage im Stasi-Unterlagen-Archiv relativ gering“, bedauert Sascha Münzel das Ende der HV A aus der Perspektive des Historikers.

Dem Vortrag folgte eine rege Diskussion, bei der Sascha Münzel den zahlreichen Fragen Rede und Antwort stand. Die Gäste begrüßt und in das Thema eingeführt hatte eingangs Benedikt Stock, Geschäftsführender Vorstand der Point-Alpha-Stiftung.

 

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