Lieber in den Wald als Komasaufen
Dann lieber allein in den Wald, dachte sich Maier und bot jahrelang selbst als ausgebildeter Initiationsmentor entsprechende Kurse an. Inzwischen gibt es auch andere Anbieter für Initiationsrituale. Einer davon ist Momme Falk, mit dessen Wildnisschule Waapiti Marleen Schwarze im Wald unterwegs war. „Wir machen das jetzt seit 10 Jahren und beobachten, dass die Natur einen sehr heilsamen und entscheidenden Beitrag für den Übergang ins Erwachsenenleben bieten kann“, sagt Momme Falk.
Allein mit sich im Wald hätten die Jugendlichen den Raum, sich mit den vielen zentralen Fragen zu beschäftigen, von denen der Übergang zum Erwachsenen begleitet wird: Welcher berufliche Weg passt zu mir? Welches Potenzial und welche Gabe habe ich? Wo ist mein Platz im Leben? Wie kann ich mich von meinen Eltern ablösen – ohne sie zu verlieren?
Insbesondere das Ablösen von den Eltern, beobachtet Peter Maier, findet heute häufig nicht oder zu spät statt. „Wer während des Studiums noch lange zu Hause wohnt, läuft Gefahr, dass er dort noch kein selbstbestimmtes Leben führt und keine Verantwortung übernimmt. Nur wenn man die Kindheit begräbt, kann sich eine erwachsene Persönlichkeit entwickeln.“ Starte man mit einer solchen unreifen Persönlichkeit dann in den Beruf oder in eine Ehe, so Maier, könne es sein, dass dies scheitere, „weil man eben nicht von heute auf morgen erwachsen wird“.
Auslandsaufenthalt tut auch gut
Nun müssen aber nicht gleich alle Jugendlichen in den Wald ziehen. „Es gibt auch andere Wege, um selbstständig zu werden“, sagt Momme Falk und nennt beispielsweise arbeitsorientierte Auslandsaufenthalte wie „Work and Travel“ oder längere Reisen, vor allem, wenn man allein unterwegs ist. Für Peter Maier ist das Ausziehen aus dem Elternhaus „ein großer, mutiger Schritt in die Selbstständigkeit“.
Und manchmal übernimmt das Leben selbst die Initiation. Wenn es einen Todesfall in der Familie oder im Freundeskreis gibt, einen schweren Unfall oder eine Trennung. „Das sind Erlebnisse, die den Menschen dann die nötige Seelentiefe verschaffen“, so Maier. Er sagt aber auch: „Wer ein bewusstes Initiationsritual früher im Leben erlebt hat, begegnet einem Schicksalsschlag meist mit gereifterer Persönlichkeit – und kann ihn dadurch vielleicht besser verarbeiten.“
Beispiele für Übergangsrituale weltweit
Brasilien Im brasilianischen Amazonasgebiet feiern 13-jährige Jungen ihre Volljährigkeit mit folgender Mutprobe: Sie sammeln Riesenameisen, die so in Handschuhe verwoben werden, dass ihr Stachel Richtung Hand ragt. Diese Handschuhe müssen sie dann zehn Minuten anbehalten.
Äthiopien
Hier springen junge Männer vier Mal nackt über einen Ochsen, um ihre Kindheit hinter sich zu lassen. Danach dürfen sei heiraten.
Vanuatu
Auf der keinen Insel im Südpazifik binden sich Jungen Lianen um die Füße, um damit ähnlich wie beim Bungee-Jumping von einem drei Meter hohen Turm zu springen. Vor Zuschauern feiern sie so den Eintritt ins Erwachsenenalter. Die Mütter werfen nach dem Sprung einen persönlichen Gegenstand, der für die Kindheit steht, weg.
Japan
Hier gibt es eine offizielle Feier für alle 20-Jährigen zur Volljährigkeit in den Rathäusern. Danach wird die ganze Nacht mit Familien und Freunden gefeiert.
Deutschland
Hierzulande waren und sind nach wie vor die kirchlichen Feste Kommunion beziehungsweise Firmung sowie die Konfirmation wichtige Feste, die den Übergang ins Erwachsenenleben markieren. Als weltliche Alternative hat sich insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern die Jugendweihe als DDR-Überbleibsel bis heute gehalten - inzwischen ohne politischen Überbau. 14-Jährige können sich für eine Festveranstaltung anmelden, bei der sie symbolisch die Kindheit hinter sich lassen. Sie organisieren danach oft selbst eine Party, meist mit mehreren Familien zusammen, ziehen Abendgarderobe an und viele trinken auch zum ersten Mal Alkohol. (mar)