Nach dem überragenden dritten Platz des Thüringers zum Tournee-Auftakt in Oberstdorf geht der Blick bereits zum Neujahrsspringen. Die Schanze in Garmisch mag er.
Eine Augenweide: Die Sprünge von Felix Hoffmann. Foto: Imago/Sven Simon
Ein kurzes Krafttraining, Mittagessen im Teamhotel Sonnenbichl von Fischen und dann entspannt Richtung Garmisch-Partenkirchen fahren – der ruhige Dienstag bei der 74. Vierschanzentournee tat den beiden neuen deutschen Skisprung-Hoffnungen gut. Speziell Felix Hoffmann, der nach dem aufregendsten Tag seiner ganzen Karriere mit Verspätung noch als Dritter des stimmungsvollen Auftaktspringens von Oberstdorf von 25.500 Fans gefeiert worden war.
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Foto: Imago/Nordphoto
„Erst habe ich mich gefragt, was los ist, dann habe ich schnell meine Startnummer rausgekramt. Dass ich mit aufs Podest durfte, war das I-Tüpfelchen“, schwärmte Hoffmann danach. Der ursprünglich gemeinsam mit Tournee-Titelverteidiger Daniel Tschofenig (Österreich) zweitplatzierte Slowene Timi Zajc war disqualifiziert worden, weil sein Skisprung-Anzug am Bein drei Millimeter zu kurz war. Der 28-Jährige Hoffmann, der mangels Leistung in den vergangenen Jahren noch nie eine komplette Tournee bestritten hat, geht somit als einer der ersten Herausforderer von „Domenator“ Domen Prevc ins Neujahrsspringen von Partenkirchen.
Der Abstand zum überragenden Slowenen ist vor dem zweiten von vier Tourneespringen mit 19,4 Punkten – umgerechnet 10,78 Meter – schon gewaltig. Doch gemeinsam mit dem fünftplatzierten Philipp Raimund (11,72 Meter) geht der Athlet vom SVW Goldlauter-Heidersbach auf die Jagd nach dem ersten deutschen Tournee-Gesamtsieg seit 24 Jahren. Und selbst der sonst so zurückhaltende Bundestrainer Stefan Horngacher traut seinen beiden neuen Führungskräften trotz des großen Rückstands nun alles zu: „Die beiden sind unter dieser Kulisse zum ersten Mal als Mitfavoriten bei der Tournee angetreten und haben das extrem cool gemeistert. Jetzt können sie frei aufspringen, der Druck ist weg. Garmisch liegt ihnen – da können sie noch was drauflegen.“
Speziell der zurückhaltende Flugkünstler Felix Hoffmann wirkte befreit, nachdem er den gewaltigen Druck im Hexenkessel von Oberstdorf überraschend abgeklärt gemeistert hatte. „Die Schanze verleitet zu Fehlern, die mir im Training auch häufig passieren. Aber Philipps Sprung vor mir und das Publikum haben mich beflügelt. Ich habe versucht, die Stimmung aufzusaugen und mitzunehmen – es freut mich, dass mir das gelungen ist“, so Hoffmann ganz bescheiden.
Dem Vater einer 13 Monate alten Tochter hilft beim Kampf gegen die eigenen Nerven extrem, dass mit Philipp Raimund ein Teamkollege vorn dabei ist: „Zu zweit ist es leichter, da vorn mitzufighten.“ Charakterlich mögen die beiden extrem unterschiedlich sein – Hoffmann ist die introvertierte Hälfte, „Showman“ Raimund die extrovertierte. Die ehrliche Begeisterung von Raimund nach dem zweiten Sprung von Felix Hoffmann in Oberstdorf („Ich bin komplett ausgerastet. Felix macht einen megaguten Job“) zeigte jedoch, dass sich die beiden sehr gut verstehen und ergänzen. So war es dann auch Raimunds Aufgabe, den Psycho-Poker mit Domen Prevc im Kampf um den Tournee-Gesamtsieg zu eröffnen.
Foto: Imago/dieBildmanufaktur
„Es wird jetzt zwar ein bisschen schwieriger, aber wir wollen es Domen schwer machen mit dem Goldenen Adler“, so Raimund. Noch in der Material-Kontrolle hatte der freche Deutsche den überragenden Slowenen nach Tipps gefragt, wie er noch besser fliegen könnte. „Beweglicher in der Hüfte sein, hat er gesagt. Ich versuche es mal“, meinte Raimund mit einem Grinsen: „Ich freue mich jedenfalls auf Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Mal sehen, wie es Domen macht – die Schicksalsberge kommen ja noch.“ Das weiß auch der 26 Jahre alte Slowene, der zehn Jahre nach dem Tournee-Triumph seines großen Bruders Peter Prevc den ersten Geschwister-Sieg beim Skisprung-Grand-Slam perfekt machen könnte. „Mental war der Sieg zum Auftakt einer so langen Tournee superwichtig. Das macht mich noch selbstbewusster. Aber ich weiß auch, dass die nächsten Tage noch tricky werden können – speziell die Schanze in Innsbruck ist für ihre Unberechenbarkeit bekannt“, so Domen Prevc.
Eine Klasse für sich: Der Slowene Domen Prevc. Foto: Daniel Karmann/dpa
Sechs der letzten sieben Weltcups hat der Weltmeister gewonnen. „Er ist in der Form seines Lebens und springt in einer eigenen Liga. So etwas habe ich in vielen Jahren selten gesehen“, lobte Austria-Routinier Stefan Kraft. Der letzte deutsche Tournee-Gesamtsieger Sven Hannawald traut dem „Domenator“, der seine Ski wegen seiner außergewöhnlichen Beweglichkeit so plan wie kein Zweiter in die Luft legen und deshalb weiter als alle anderen fliegen kann, sogar einen Triumph in allen vier Tourneespringen. Dieses Kunststück ist seit der Premiere 1953 nur Hannawald selbst, Kamil Stoch (Polen) und Ryoyu Kobayashi (Japan) gelungen.
Ein Grund zum Aufgeben ist das für seine (deutschen) Jäger jedoch nicht. Auch deshalb, weil die Disqualifikation von Prevc’ Teamkollegen Timi Zajc gezeigt hat, dass selbst kleinste Fehler beim Material vom neuen Kontrolleur Mathias Hafele in diesem Winter gnadenlos bestraft werden. „Da wird keiner verschont. Wenn’s nicht passt, dann passt es nicht“, so Bundestrainer Horngacher: „Es ist deshalb wichtig, dass wir dahinter sind und unsere Sachen beieinander haben.“
Felix Hoffmann und Philipp Raimund liegen auf der Lauer.