Vereinsleben Auf der Suche nach „Hepo“-Liebhabern

Klaus-Ulrich Hubert

Die Geschichte der vor einem halben Jahrhundert mit Europas größtem Porzellanwerk neu begründeten jüngeren Porzellantradition Ilmenaus soll nicht vergessen werden. Der gleichnamige Verein sucht dafür weiterhin Gleichgesinnte sowie Mitmacher. Und bietet spannende Zeitzeugenvorträge.

Ilmenau - Nimmt man all die vielen deutschland- und sogar europaweiten Internet-Anfragen via Vereins-Homepage und Mailanfragen zu Herkunft, Besonderheiten und Produktionshistorie von geerbten Familien-Feinkeramik-Teilen – man möchte dem Kassenwart des Vereins Porzellantradition Ilmenau empfehlen: Keine der ehrenamtlich mithin zeitaufwendigen Service-Recherchen durch den kommissarischen Vorsitzenden Michael Kühnlenz möge ohne (zumindest einen kleinen) Spendenobolus in der Vereinskasse bleiben. Wie berichtet, vermitteln sich freilich auch auf diesem Wege nicht selten Schenkungen feiner Porzellanstücke an den Verein, die dort zu gewissen Glanzpunkten in Vitrinen des Traditionspflege-Stützpunktes in der Goethepassage avancieren.

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Kassenwart gesucht

Aber einen Kassenwart? Den hat’s im Verein Porzellantradition Ilmenau seit 2021 nach Austritt eines Mitgliedes nicht mehr. Nun jedoch ersatzweise einfach auf einen „Personal-Pool“ anderer Mitglieder zurückgreifen? - Fehlanzeige! Denn nicht zu Unrecht fragte CDU-Landtagsabgeordneter Andreas Bühl bei seinem Vereinsbesuch im Vorjahr: „Wenn ihr mal rund 2000 Porzelliner gewesen seid, warum zählt euer rühriger Verein dann heute kaum 20 Mitglieder?“

Der kommissarische Vorsitzende Michael Kühnlenz, Spross einer Ilmenauer Porzellanarbeiter-Familie, war selbst nie im Feinkeramik-Metier tätig. Der auswärts in drei Schichten tätige Altenpfleger ist indes unablässig aktiv, um den Verein sicht- und wahrnehmbar zu machen, Archive abzugrasen und immer neue Aktivitäten - trotz stark erschwerender Pandemieschutz-Bestimmungen – voranzubringen.

Dazu gehört die Fortsetzung der monatlich einladenden Vortragsreihe im Vereinsraum; zuletzt durch einen altbundesdeutschen, 85-jährigen Liebhaber Ilmenauer Porzellans noch aus Zeiten des Porzellanwerkes Metzler & Ortloff (1873 – 1976).

Sammler vom Bodensee

Heinz Hoever aus Friedrichshafen am Bodensee erwies sich beim öffentlichen Vereinsabend Ende vergangenen Jahres als unterhaltsamer Kenner der einst weltweit exportierten figürlichen Porzellane aus dem früheren Grubenbauwerkskomplex in der Weimarer Straße. Bereits Jahrzehnte vor dem Fall der Mauer stieß er im Westen auf den Namen Ilmenau, als er sich tief hinein in die Historie des Betriebes und dessen Unternehmerfamilien hinein forschte.

Bis zum Zweiten Weltkrieg exportierte das Unternehmen in über 30 Länder Porzellanfiguren mit berufsständischen Formen, Tier-, Blumen- und dezenten Erotikthemen, Puppenköpfe, Vasen mit integrierten Thermometern aus Geraberg, Medaillons. Mode waren einst ab den 1950er-Jahren auch Affen-Kapellen-Figürchen – „Rumstehchen und Staubfänger“, würde man heute vielleicht sagen.

Dazu mit Beginn des Ersten Weltkrieges vor allem auch stramm stehende Soldatenfigürchen, Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine. Mit dem Zweiten Weltkrieg stagnierte der Export in die „Feindländer“ dieser Welt. Ironie des Schicksals: Weil Hitler in Sommerausrüstung „mal schnell“ seine bis dahin sieggewohnten Heere nach Russland schickte, wurde im Reich das Geldsammeln für das NS-Winterhilfswerk zur Bürgerpflicht. Der Erlös sollte etwas Abhilfe gegen den Frost-Tod an der Ostfront leisten.

Auch das manifestiert sich in den damaligen Produktlinien von Metzler & Ortloff: „Ich habe rund 8000 durchgehende Modellnummern in den bislang erforschten Firmenunterlagen gefunden“, so Heinz Hoever, der stets engen Kontakt mit den früheren M. & O.-Unternehmerfamilien und deren Nachfahren hielt. Und sogar mit der weltbekannten Designerin/Modelleurin, der ungarischen Bildhauerin Claire Weiss-Herczek, fand Hoever den direkten Fan-Kontakt, nachdem er in Firmenpapieren auf deren Wirken unter anderem für M. & O. stieß.

Namenslisten und Fotos

Besonders bewegte sowohl den Vortragenden als auch die Besucher des Vortrages das „Geschenk der Listen mit Namen früherer Porzelliner“ und ihres Brigadelebens. Ergänzt durch alte Brigadebücher und Fotografien von der Arbeit sowie Freizeitkultur einstiger Belegschaft, die später im Firmenneubau am Eichicht integriert wurde. Darunter etliche Fotos mit sehr herzlichen Wiedererkennungseffekten durch anwesende Alt-Henneberger …

Hepo-Start vor 50 Jahren

Im kommenden Jahr steht das 50-jährige Betriebsstart-Jubiläum vom Neubau des VEB Graf von Henneberg Porzellan im Osten Ilmenaus an. Deshalb avisiert der Verein mit jetzt angeregter Unterstützung durch die Fakultät für Wirtschafts- und Medienwissenschaften der TU ein mediales Zeitgeschichtsdokument von den frühesten Bau-Anfängen durch polnische Bauleute Ende der 1960er-Jahre, über die Inbetriebnahme 1973 bis hin zum stufenweisen bitteren Ende zu Beginn der 2000er-Jahre.

Zeitzeuge seit Alt-Henneberg-Zeiten um 1970 bis zum Abzug der letzten „Investoren“ am Ilmenauer Eichicht und seinem allerletzten Arbeitstag im Februar vor nunmehr genau 20 Jahren ist auch Vereins-Vorstandsmitglied Manfred Gräve, Jahrgang 1947. Bei der nächsten Vortragsrunde im Vereinsraum der Goethepassage dürfen frühere Porzelliner und andere Interessierte gespannt sein, welche Erfahrungen der Keramik-Ingenieur und vielfältig eingesetzte Leiter aus seinen Erinnerungen holt. Wie an nahezu jedem ersten Montag im Montag ist dafür am 7. Februar ab 18 Uhr in die Ilmenauer Goethepassage eingeladen.

Vortrag und Ausstellung

Im März gibt es dort unter Pandemieschutz-Kriterien einen Vortrag von Wilhelm Bekos. Der Ilmenauer Heimatgeschichtler ist profunder Kenner der Archiv-Dokumente aus der Zeit des Faschismus in Ilmenau. Mit Spannung erwartet werden dann klare Aussagen zum recht ambivalenten jedoch noch in der DDR geschätzten und hoch dekorierten Chef des Alt-Porzellanwerkes Emil Lentner. Der hatte viel für den Betrieb und die Belegschaft geleistet. Aber auch bis 1945 an den europäischen Zwangsarbeitern samt deren Unterkünften gut mitprofitiert.

Eine Sonderausstellung zum Wirken und Werk des bekannten hochbetagten Gehrener Keramdesigners Peter Smalun ist nachfolgend geplant. uhu