Unterwegs auf Sardinien – Teil 2 Es gibt kein Zurück mehr

Von Wibke und Axel Bauer

Axel Bauer und Wibke Raßbach aus Floh-Seligenthal haben die, ihrer Meinung nach, „wohl schwerste und schönste Wander- (besser Kletter-Trekking) Tour Europas“ auf eigene Faust erkundet. Der Selvaggio Blu – der wilde Blaue – ist eine ganz besondere Herausforderung.

Der 1. und 2. Tag

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Ist alles überorganisiert, geregelt, die Straße geteert, sehnt man sich nach Wegelosigkeit, Individualität und Wildnis. Auf dem Selvaggio Blu sehnt man sich hingegen nach einem klaren Weg oder einem Zeichen davon. Denn alles, was man findet, ist ein Chaos an Möglichkeiten. Im übertragenen Sinne ist es wie das Leben im Allgemeinen. Doch man wächst bekanntlich auch mit seinen Aufgaben, sodass wir wie indianische Spurenleser voranschreiten. Jede Entscheidung wird abgewogen, jegliche Ablenkung von außen entfällt. Die Gedanken sind auf Sardinien, an der Ostküste – ziemlich nah am Meer. Dies ist ein angenehmes Gefühl und ein gutes Resümee des ersten Tages.

An der schmalen, steinigen Bucht Porto Pedruso, keine zehn Meter vom Meer entfernt, spannen wir ein Tarp, ebnen den Untergrund und rollen die Schlafsäcke für die Nacht aus. Wir sind alleine, nach uns kommt mit Sicherheit niemand mehr und überholt haben wir auch keine menschliche Gestalt auf dem Weg. „Was machen wir eigentlich, wenn etwas passiert?“, fragt mich Wibke. Handyempfang haben wir schon eine ganze Zeit nicht mehr. „Was soll denn passieren?“, wiegele ich ab, obwohl ich weiß, dass wir außerhalb der „behüteten Welt“ sind. Aber gerade das macht jeden Moment hier so intensiv – man muss seinen eigenen Kräften vertrauen.

Das Rauschen der Wellen ist das erste Geräusch, dass ich wahrnehme. Die Morgensonne blinzelt mir ins Gesicht. Um wach zu werden, waschen wir uns im Meer, trinken Kaffee, essen die abgewogene Portion Haferbrei und sind einfach verdammt glücklich. Wir sind unterwegs! Ja, es läuft bestens, das sonnige Wetter motiviert uns, immer weiter zu laufen.

Die Szenerie ist atemberaubend. Der „wilde Blaue“ verläuft oft direkt an der Abbruchkante, einer 300 Meter hohen Klippe, entlang. Unten sehen wir das Wasser, das eine schöpferische Macht in ein berauschend helles Blau gefärbt hat. Ein paar Nuancen dunkler erscheint das Wasser weiter draußen, bis sich die Farbe in der Unendlichkeit mit dem Himmel verbindet. Die Höhe macht uns heute nichts aus. Die Klettergurte und das Seil dürfen noch im Rucksack bleiben, die Kletterstellen sind ohne Ausrüstung machbar. Einzig der Mut darf nicht verloren gehen. Am höchsten Punkt, an dem sich uralte Steineichen in den Karstfelsen krallen und die Umgebung immer undurchdringlicher wird, kommt mir ein Gedanke: Hier dürfen wir nicht verloren gehen.

Scharfkantig

Die Berge des Supramonte im Hinterland brechen hier mehrere Hundert Meter zum Meer hin ab. Das Gestein ist scharfkantig, die Büsche und Bäume sind beinahe undurchdringlich. „Hänge keinen negativen Gedanken nach, sage ich mir dann und besinn dich auf deine Fähigkeiten!“ Zudem sind Wibke und ich ein gutes Team. In diesem Spirit bewältigen wir auch unsere Tagesaufgaben und finden unser erstes Wasser- und Lebensmitteldepot. Wir haben die Vorräte gut vergraben an Schäferhütten, die aus „anderen Zeiten“ stammen. Diese Bauten sind archaisch, nachhaltig und bestechend einfach. Ein runder Grundriss wurde mit Feldsteinen bis auf etwa Meterhöhe hochgezogen. Auf dieses Fundament setzten die Erbauer verwitterungsresistente Wacholderstämme in Form eines Kegels.

Als überraschend drei Leute, ein Guide und zwei Wanderer hier vorbeikommen – sie sind auf dem Rückweg einer Tour – tauschen wir uns aus. „Den einfachen Teil des Weges habt ihr geschafft“, tönt selbstbewusst der einheimische Bergführer. Wir richten unser Lager ein und versuchen, nicht darüber nachzudenken. Unser erster Versuch den Selvaggio zu gehen, scheiterte genau an dieser Stelle.

Der 3. Tag

Tags darauf ist der Himmel wieder tiefblau und wir sind beglückt, dass eine SMS von unserer großen Tochter durchdringt. Sie ist alleine auf Tour, um Freunde in ganz Deutschland zu besuchen. „Alles in Ordnung.“ So können wir beruhigt weiterziehen. Wir gehen Stunden über schmale Felsbänder, queren Hänge mit losem Geröll und hören ganz tief unten Ausflugsboote. Hier oben herrschen Wildnis und Einsamkeit – dort unten herrscht eine ganz andere Welt. Wir sind voller Adrenalin und lernen, uns mit schwerem Rucksack wie Katzen zu bewegen. Plötzlich ist Schluss: „Sollte hier die erste Abseilstelle sein?“, fragt Wibke. Der Wacholderstrauch weist Spuren davon auf. Darunter gähnende Leere. Mich ins Ungewisse abseilend, erkunde ich die Gegend. Am Seil wieder aufzusteigen, wäre nur eine Notoption. „Ja, nachkommen, hier gibt es Fußspuren“, rufe ich die Wand hinauf. So kurz nach dem Winter haben wohl nur eine handvoll Leute den Weg bisher versucht. Denn durch winterlichen Starkregen werden Passagen unpassierbar. Felsstürze und Gerölllawinen verändern den Weg stetig. Die längste Abseilpassage des Tages führt 45 Meter senkrecht hinab. Mit schwerem Rucksack ist das gar nicht so ohne, denn der zieht einen nach hinten. Genau jetzt ist man für jedes Bauch-Workout des letzten Jahres überaus dankbar. Wir setzen zwei 50-Meter-Kletterseile ein, binden diese zusammen, um eben maximal 50 Meter (am Doppelstrang) abzuseilen.

Vom Aufgang der Sonne bis zum Sonnenuntergang sind wir, nur mit kurzen Essenspausen, etwa acht Kilometer vorwärts gekommen. Zeit zum „Nasebohren“ blieb nicht. Wir sinken müde in die Schlafsäcke. An dieser Biwakstelle hatten wir auch vor Tagen das zweite Depot postiert. Jetzt freuen wir uns darüber und verpacken zehn Liter Wasser und Knackwurst in die Rucksäcke.

Der 4. Tag

... ist wie einziger „Point of no return“. Wir haben uns an hohen Wänden abgeseilt, die wir nicht wieder zurückkommen. Es gibt nur ein Weiter, mit oder ohne Angst. Zu den bizarren Felsformation und den passenden Aussichten, jede Guinnessbuch-geeignet, kommen riesige Höhlen dazu. Wir erspähen einsame Strände, die nur vom Meer aus zu erreichen sind, und kommen aus dem Staunen nicht wieder heraus.

Wolken ziehen über dem Meer auf und Gewittergrollen ist zu vernehmen. „Ist es schon Nachmittag?“, frage ich Wibke erstaunt. „Scheinbar“ antwortet sie kurz. Noch zwei Abseilstellen mit ordentlich Luft unterm Hintern, dann fällt der Blick auf die bekannte Bucht Cala Sisine. Dies war der Endpunkt der Erstbegeher und heute soll es unser Biwak werden. Wir sehen wieder Menschen nach all dieser Zeit. Sie stehen wie bestellt, und nicht abgeholt, am Strand. Tatsächlich hält hier, ein paar Mal täglich, eine Art Bootsbus, der Leute bringt und mitnimmt. Nach 18 Uhr bleiben eine Holländerin, ihr Hund und wir übrig. Sie erzählt, dass sie auf „etwas deutlicheren Wegen“ über die Berge gewandert und gerne mit Zelt und Hund Sam unterwegs ist. Es wird ein Abend mit spannenden Reisegeschichten.

Der 5. Tag

... ist schon eine Art Abschied, streckenmäßig wesentlich leichter, aber emotional viel aufregender. Der Rest unserer Abenteuerbande, also Selma, Henny und unsere Freundin Conny kommen uns entgegen. Wir sind zurück im Schoße der Familie und gehen die letzten fünf Kilometer Wegstrecke zusammen. Es werden eine Menge Geschichten ausgetauscht. Alle sind froh, sich wieder zu haben, was wir am Abend mit einem sardischen Essen und viel Gelächter feiern.

Der Selvaggio Blu hat uns echt gefordert. Wir haben diese Herausforderung geschafft, haben die pure Stille und Einsamkeit in uns aufgesaugt. Das, was bleibt, ist sehr viel. Es ist das Gefühl des Auf-dem-Weg-seins und der Verbundenheit mit der Natur. Die Tage bleiben wie feste Anker in der Erinnerung