Trockenübungen Schwimmer trainieren an Land

Kraulübungen auf dem Skateboard, Beinschlag in der Hängematte: Mit Videos machen Schwimmsportler auf ihre Lage aufmerksam. Im Wasser trainieren derzeit nur die Besten –  und das auch nur in Bayreuth.

Über 40 Videos findet Harald Beetz auf die Schnelle auf seinem Handy. Eigentlich sind es noch viel mehr. Gedreht von Wettkampfschwimmern der Schwimmstartgemeinschaft (SSG) Coburg, die damit auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen wollen: Das Aquaria ist wegen der Pandemie dicht, es gibt keine Ausweiche in der Stadt. Deswegen üben die jungen Schwimmer bäuchlings auf dem Skateboard oder auf dem Trampolin, in der Hängematte, auf dem Rücken vom Papa oder mit dem Kopf im Pott voller Wasser – Schwimmen auf dem Trockenen: Die Beine paddeln wie beim Kraulen, Armzug rechts, Armzug links, immer wieder, Luftholen nicht vergessen. Andere versuchen sich im Startsprung auf eine Matte oder im Brustschwimmen, das an Land an die Bewegungen kleiner Frösche erinnert. Natürlich alles in Badehose oder Badeanzug, dazu Schwimmbrille und Kappe. Wie im Becken eben.

Die ersten dieser Videos hätten ihm zwei der Nachwuchstalente, Ronja Heinlein und Anna Fieblinger, schon im September zugeschickt, erinnert sich Harald Beetz, zweiter Abteilungsleiter des Coburger Schwimmvereins. Verbunden mit der Frage: Wie soll es weitergehen? Sollen wir so trainieren? „Das Freibad machte gerade zu, das Hallenbad gar nicht auf. Die Kinder ahnten, dass das länger andauern wird.“

Und Harald Beetz gefiel die Idee mit den Filmchen. Deswegen rief er die anderen Schwimmer in der SSG dazu auf, ebenfalls kurze Videos zu drehen. Eigentlich hätten diese später auf der Website des Schwimmvereins veröffentlicht werden sollen. Aber die Zeit, das zu organisieren, blieb dann doch zu knapp. Denn die vier Kaderschwimmer der SSG trainieren derzeit in Bayreuth, weil es keine andere Möglichkeit gibt. „Das bedeutet einen Riesenaufwand für die Trainer“, sagt Harald Beetz. „Montags bis freitags den Nachmittag bis 20.30 Uhr unterwegs sein, samstags den ganzen Vormittag.“ 25 Tausend Kilometer auf der Straße seitdem – Harald Beetz kommt da sogar schon beim Reden in Fahrt. „Die Kinder haben sich über Jahre den Kader-Status erarbeitet“, sagt er. „Und dann liegen sie zwei, drei Zehntel über den Zeiten, die sie dafür qualifizieren. Die haben richtig Probleme.“

Deswegen hat der Abteilungsleiter am Montag auch eine Petition gestartet, um Unterschriften für ein Lehrschwimmbecken in Coburg abseits des Aquaria zu sammeln. Das nämlich hätte zudem den Vorteil, in der Pandemie als Sportstätte und nicht als Freizeiteinrichtung zu gelten. Über 1750 Unterzeichner zählt das Online-Formular bis Donnerstagmittag schon. Darunter stehen Kommentare wie „Der Schwimmunterricht muss unbedingt gefördert werden!“ oder „Kinder müssen schwimmen lernen können!!!“.

Harald Beetz sieht das genauso. Er erzählt, dass gerade die Jüngeren in den Schwimmkursen seit März 2020, also über ein Jahr, nicht mehr ins Becken konnten. „Für die ist es heftig“, sagt er. Der Schwimmverein hat zunächst im Dr.-Stocke-Stadion trainiert, später Übungen im Internet hochgeladen. „Aber man kann das Training ja nicht ständig neu erfinden“, erklärt Harald Beetz und wirkt ratlos. Er sagt, dass anfangs um die 35 Kinder dabei waren. Aber davon nach und nach immer wieder welche abgesprungen seien. „Ich weiß nicht, wie viele uns am Ende übrig bleiben.“

Um öffentlich mehr gehört zu werden, hofft er jetzt auf die Wirkung der Videos. Eines nach dem anderen veröffentlicht der Schwimmverein Coburg in den sozialen Medien.

>> Schwimmverein startet Petition

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