Thüringer Buchtage Die Hüter der Fantasie

Der Arnstädter Verleger Michael Kirchschlage mit seinem eigenen „Emil“-Buch, das im Knabe-Verlag Weimar erscheint. Foto: Michael Reichel

Da behaupte keiner, Thüringer Verlagen mangele es an Vielfalt. Sie sind zwar ein zahlenmäßig kleines Völkchen, auf den Buchtagen in Erfurt zeigen sie aber Bücher vom Hosentaschenformat bis zum sechs Kilo schweren Wälzer.

 
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Am Stand des Erfurter Ringelbergverlags muss man zupacken können. Stolzes Schwergewicht von Verleger Ulrich Janzen sind die „Annalen thüringischer und südanhaltinischer Ortschaften“: 1462 Seiten zu satten 450 Euro, acht Zentimeter dick, sechs Kilogramm schwer, Hochglanzpapier mit Fadenheftung. Ein Werk für Liebhaber sozusagen. Und sicherheitshalber der Hinweis: Nur mit zwei Händen halten! Ein paar Schritte weiter, an den Ständen der Verlagsgruppe Grünes Herz aus Ilmenau, können Besucher der Thüringer Buchtage das ganze Gegenteil bestaunen. Jüngstes Werk der mittlerweile über 100 Titel zählenden Miniature-Bücherfamilie, die in jede Hosentasche passen: „Das kleine Buch der sächsischen Schlösser.“

Schon an den Formaten gemessen macht die alljährliche Präsentation hiesiger Buchverlage im Parksaal des Steigerwaldstadions Eindruck: So vielfältig kann die kleine Welt der Bücher aus Thüringen sein. Wer sich Zeit nimmt und an den knapp 30 Ständen in das ein oder andere Buch einmal hineinliest, der lernt auch eine erstaunliche inhaltliche Vielfalt kennen: Gedichte „zum Schmunzeln und Nachdenken“, eine fantastische Geschichte über den Fluch von Schloss „Düsterstein“, Neuigkeiten aus „Kirchschlagers Kriminalkabinett“, Satiren von André Kudernasch oder die Abenteuer von Emil bei den Wikingern. Fachbücher, Landkarten, Reiseliteratur, Romane und Erzählungen, Historisches und Politisches – was Thüringer Verleger zwischen zwei Buchdeckel pressen, sind zwar nicht die großen Bestseller mit zehntausender Auflagen. Aber es ist ein ziemlich vielseitiges Kaleidoskop über Land und Leute, sind Notizen aus der (Kultur-)Geschichte – und nicht zuletzt auch immer wieder einfach Bücher voller Fantasie.

Sagt sich so leicht daher, ist aber für die Verleger – sie sind hierzulande oft allein auf weiter Flur unterwegs oder nach Feierabend im hobbymäßigem Nebenerwerb tätig – meist mit richtig viel Grips verbunden. Etwa die Literaturübersetzerin Jeannette Bauroth aus Steinbach-Hallenberg. Vor vier Jahren hat sie ihren „Second Chances Verlag“ mit der Idee gegründet, Buchreihen, die andere Verlage aus unerfindlichen Gründen abbrechen, weiterzuführen. Krimi- und Fantasy-Literatur sind dafür natürlich prädestiniert. Klappt offensichtlich auch erstaunlich gut. Stolz zeigt die Frau aus Viernau den dritten Band ihrer „Iskari“-Reihe. Oft muss Bauroth nur die deutsche Übersetzung der Werke organisieren. Eine clevere Idee, die auch den Verleger Helmut Stadeler, den Vorsitzenden des mitteldeutschen Buchhandel-Börsenvereins, begeistert. Er blickt zur Eröffnung der Buchtage optimistisch in die Zukunft: Trotz deutlich gestiegener Herstellungs- und Papierpreise und einer hohen Abhängigkeit der Verlage vom Großhandel und von Buchhandelsketten spreche doch die in Erfurt präsentierte Vielfalt für sich. An Ideen mangele es den Verlagen offensichtlich nicht, als größte Herausforderung sieht er darin, vor allem Kindern und Jugendlichen für die Welt der Bücher, vor allem aber fürs Lesen zu begeistern. Deshalb darf auf den Buchtagen auch gelesen und vorgelesen werden – vor allem für die Jüngsten.

Die strukturelle Kapitalschwäche vieler Thüringer Verlage, die Wert auf Unabhängigkeit von großen Verlagsgebilden legen und sich weder aufwendiges Marketing noch teure Messen leisten können, kennt Helmut Stadeler natürlich auch. Deshalb ist der Jenaer Verleger froh, wenn das für die Förderung der Kreativwirtschaft zuständiger Thüringer Wirtschaftsministerium die Buchtage als eine Art Regionalmesse überhaupt ermöglicht oder den Verlagen mit einem Gemeinschaftsstand etwa auf der Frankfurter Buchmesse unter die Arme greift. Sichtbarkeit ist für die Verleger überlebenswichtig. Manche haben übrigens ganz clevere eigene Ideen: Etwa die gemeinsame „Bibliothek schöne Bücher“, bei der nicht nur Jeannette Bauroth mitmacht, sondern auch Siegfried Nucke mit seinem Verlag „Tasten & Typen“ aus Bad Tabarz oder der Eisfelder Verleger Bastian Salier. Den Verlag hat Hans-Jürgen Salier kurz nach der Wende in Hildburghausen gegründet. Nach vielen Jahren in Leipzig ist sein auf Freimaurer-Literatur spezialisierte Sohn im vergangenen März wieder in den alten Landkreis, nach Eisfeld, gezogen. Damit hat der Süden Thüringens wieder einen Verlag mehr. Nachdem sich „amicus“ in Sonneberg oder Jung in Zella-Mehlis zurückgezogen haben, ist das ein kleiner, auch moralischer Erfolg für die hiesige Kreativwirtschaft. Zu „Schöne Bücher“ gehören fast 80 kleine Verlage, die erfolgreich ein gemeinsames Verlagsprogramm herausgeben,

Natürlich sind auch Frank Kuschel mit dem THK-Verlag Arnstadt, Michael Kirchschlager aus Arnstadt mit seinem vorwiegend auf Kriminalliteratur spezialisierten Programm und die Ilmenauer Verlagsgruppe Grünes Herz, die längst nicht mehr nur Landkarten verlegt, zu den Ausstellern in Erfurt. Allesamt sind sie so etwas wie die Hüter der Fantasie, die sie in Büchern drucken lassen, aber oft genug auch selbst brauchen, um in den steifen Brisen des Verlagsmetier auch künftig zu bestehen.

Thüringer Buchtage noch am 11.11., 10-18 Uhr, im Steigerwaldstadion Erfurt (Parkhalle)

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