Thüringer Alphornbläser Mit Luft und Lippen

Die Thüringer Alphornbläser feiern am Sonntag (29. August) an der Erletortalsperre in Hirschbach ein kleines Jubiläum: Seit einem Vierteljahrhundert gibt es den Freundeskreis dieses seltenen Instruments. Johannes Hirsch ist einer von ihnen.

Johannes Hirsch in seiner Hirschbacher Werkstatt. Vor vielen Jahren hat der Tischler und Zimmermann damit angefangen, Alphörner zu bauen – ein kompliziertes Handwerk, für das man Geschick und Geduld braucht. Foto: frankphoto.de

Am Anfang ist der Stamm. Nicht irgendeiner freilich, sondern von einem Baum muss er sein, der an einem steilen Hang gewachsen ist. Bei dem sich der Wurzelfuß krümmt wie der Auslauf einer Regenrinne. Zwei solcher Kaventsmänner mit über vier Metern Länge liegen zum Austrocknen in der Tischlerwerkstatt von Johannes Hirsch. Mit der Motorsäge hat er sie grob zurechtgeschnitten. Irgendwann werden daraus vielleicht einmal Alphörner. Ein Dutzend hat der Hirschbacher schon in sauberer Handarbeit gebaut – in über 25 Jahren. Eine mühselige Beschäftigung, für die man Geschick und Geduld braucht, und auch noch ein paar Kniffe kennen muss. Denn so gut wie nichts an einem solchen Instrument ist parallel oder winklig: Alles verläuft konisch – das Alphorn ist ein Albtraum für jeden Tischler. Bis es schlank, rund und fein geschliffen aussieht – und auch noch klingt – vergehen Monate.

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Und wie kommt eigentlich das meterlange Loch da hinein? Er setze da den Kupferstecher, einen Käfer, an die Stammspitze, behauptet Johannes Hirsch. Und der bohre sich mit der Zeit durch. „Man muss nur im-mer seitlich klopfen!“ – ein Scherz, natürlich. Gar nicht so wenige, feixt der Hirschbacher, glauben es erst einmal. Nein, im Ernst, der Stamm wird aufgesägt und muss sauber ausgehöhlt werden, dann wird alles wieder zusammengeleimt und geschliffen. Narben, Absätze oder Sprünge darf es nicht geben. Das ist die Kunst. „Sonst gibt es Luftwirbel, die den Klang stören“, sagt Hirsch.

Er zählt zu den vielleicht zwei Dutzend Thüringer Alphornbläsern. Und ist wohl der einzige, der sich selbst beigebracht hat, solche Instrumente nicht nur zu spielen, sondern auch zu bauen. Nicht ohne fremde Hilfe, freilich. Die fand er vor vielen Jahren beim Urlaub in Bernau am Chiemsee. Ein Frühschoppen mit Musik war der Auslöser – und Holzwurm Hirsch bei einer kleinen Fachsimpelei neben der Musik sofort angefixt. „Eigentlich“, sagt er, „verraten Alphornbauer ja ihre Technik niemanden.“ Aber mit dem Instrumentenbauer, den er dort zufällig traf, verband ihn etwas Ungeahntes – die Heimat. Beide stammen aus Schlesien. Und das zählt, selbst nach so vielen Jahren. Unter Landsmännern gibt es keine Geheimnisse.

Also sägte, fräste, hobelte, schabte, kratzte, schliff und leimte Johannes Hirsch sein erstes eigenes Alphorn. Mehrere hat er inzwischen unter der Decke in seinem Wohnzimmer, und auch andere Thüringer Alphornbläser hat er inzwischen mit Instrumenten versorgt. Sei ganzes Geschick legt er in die Kunst der Fertigung, manche der bis zu vier Meter langen Teile hat er sogar holzstichartig verziert. Es macht ihm Spaß, das merkt man – und wohl auch ein wenig stolz.

Die Thüringer Alphornbläser sind eine kleine Gemeinschaft – und anders, als man meinen könnte, zählen zu diesem illustren Grüppchen längst nicht nur Frauen. Seit 25 Jahren gibt es den losen Verbund der zumeist Hobby-Musiker. Sie wohnen in Milz (Landkreis Hildburghausen) oder Großbreitenbach (Ilmkreis), in Höhnbach bei Sonneberg, in Suhl, Meiningen, Schwarzhausen bei Ruhla oder eben Hirschbach. Regelmäßige Treffen und gemeinsames Musizieren pflegen die Freunde des alpenländischen Instruments seit Anbeginn – „meist bei Klaus Seifert in Schwarzhausen“, erzählt Johannes Hirsch. Die Pandemie hat auch den Alphornbläsern die Freude am In-strument ein wenig getrübt. Schon lange sind die Spieler, die sich natürlich alle gut kennen, nicht mehr zum gemeinsamen Spielen zusammengekommen. Das wollen sie nun am kommenden Sonntag nachholen – wie bereits 2017 schon einmal organisiert Johannes Hirsch ein Bläsertreffen an der Erletortalsperre bei Hirschbach. Die „25“ hat er bereits auf eine Schiefertafel geschrieben, der geschnitzte und wiederverwendbare Wegweiser für die Musikanten steht fertig in der Werkstatt.

„Ein großes Fest kann es leider nicht geben“, bedauert er, es sei mehr ein „ganz lockeres Treffen“. Aber sie wollen ab 14 Uhr wenigstens ein kleines Programm spielen und solo oder in kleinen Gruppen musizieren. Alles zusammen können wegen der unterschiedlichen Tonarten der Instrumente – manche stehen in „F“ und die etwas längeren in „Es“ zwar nicht spielen, aber wenn die Thüringer Enthusiasten mit ihren Instrumenten auf der Staumauer stehen, gebe das auch ein schönes und natürlich auch selten zu habendes Bild.

Die Idee, an der Staumauer zu spielen, kommt nicht von ungefähr: Das Alphorn braucht unbedingt einen Resonanzraum, damit die Töne „wirken“. In den Alpen sind es meist Berge, „gegen“ die der Bläser spielt. In Thüringen ist es die Wasserfläche der Talsperre, über die der Ton des Instruments gewissermaßen schwebt. Und auch sie endet an Bergen. „das klingt ganz schön“, weiß Johannes Hirsch. Das Spiel an sich ist überdies eine Kunst: Nur mit Luft und seinen Lippen kann der Spieler Töne erzeugen. „Ein guter Spieler schafft vielleicht 14 Töne“, weiß Hirsch. 20 Naturtöne gibt es insgesamt. Die große Kunst sind vor allem die hohen Töne, die ganz eng beieinander liegen.

Ein paar Getränke nehmen die Bläser natürlich mit an die Talsperre. Bratwürste gibt es leider nicht. „Man kann von Hirschbach aus die Erletortraße (Ortsausgang Richtung Suhl rechts ab) hoch bis zur Schranke fahren und muss dann noch ein kleines Stück laufen“, sagt Johannes Hirsch. Wer nicht mehr so gut zu Fuß ist, werde irgendwie hochgebracht. Er hat alles abgesprochen mit dem Forst und der Gemeinde. Wer mag, kann sich natürlich auch ein kleines Picknick einpacken – und dann einfach in der Ruhe des Sees und des Waldes der Musik lauschen.

Thüringer Alphornbläsertreffen am Sonntag, 29. August, ab 14 Uhr an der Erletortalsperre Hirschbach.