Erfurt - Selbstverständlich betont Bodo Ramelow (Linke) unmittelbar vor seiner Reise nach Israel, wie besonders die Beziehungen zwischen diesem Staat und Deutschland sind – nicht nur wegen der deutschen Verbrechen an Juden aus ganz Europa während des Zweiten Weltkrieges. Sondern auch, weil die deutsch-jüdische Geschichte noch viel weiter zurückreicht als in dieses dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit. „Seit dem Mittelalter ist eine jüdische Gemeinschaft in Thüringen ansässig“, sagt Ramelow. „Insbesondere in Erfurt gab es ein reiches jüdisches Leben. Davon zeugen die alte Synagoge, die Mikwe, ein mittelalterlicher Profanbau und der berühmte Erfurter Schatz.“ Am Sonntag wird Ramelow mit einer Regierungsdelegation nach Israel fliegen. Begleitet wird er dabei unter anderem von Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sowie verschiedenen Vertretern aus Hochschulen, Verbänden und Unternehmen. Die Rückreise ist für Donnerstag geplant.

Aber neben all den Blicken in die Vergangenheit wird die Reise Ramelow und seinen Begleitern auch einen Einblick in die aktuelle Situation im Nahost-Konflikt ermöglichen; und bei manchem vielleicht auch den Blick auf diese Auseinandersetzung verändern. Der Vorsitzende der Grüne-Fraktion im Landtag, Dirk Adams, war gerade erst mit einer Reisegruppe der Landeszentrale für politische Bildung in Israel und hat genau diese Erfahrung gemacht. Die Landeszentrale organisiert solche Reisen seit Jahren. Die jüngste Bildungsfahrt war die neunte dieser Art.

Adams sagt selbstkritisch, er sei „eigentlich ein bisschen mit der Frage im Kopf gefahren, wer denn nun am Nahost-Konflikt schuld ist und sich bewegen muss, damit es Frieden geben kann“. Nun wisse er, dass die Lage doch viel komplizierter sei. Umso mehr, weil es seit Langem schon weder bei den Israelis noch bei den Palästinenser zentrale Akteure gebe, die um des Friedens willen, wirklich bereit seien, auf ihren Gegenüber zuzugehen.

Die Widersprüchlichkeiten in der Region, deren viele Brüche, sagt Adams, seien für ihn die eindrücklichste Erfahrung der Reise gewesen. Israel sei so reich an uralten Kulturschätzen wie kaum eine anderes Land; und gleichzeitig – jedenfalls aus einer mitteleuropäischen Perspektive – „auch bedrückend lebensfeindlich“: Für Israelis, die unter der Bedrohung von palästinensischen Raketen litten. Für Palästinenser, die seit 20 Jahren keine Verbesserung ihrer Zukunftschancen sähen und die in Gewalt flüchteten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Und trotzdem hätten Menschen aller Ethnien und Religionszugehörigkeiten in der Region die Hoffnung auf eine bessere Zukunft trotzdem nicht verloren, seien oft stolz auf ihre Familien.

An den schwierigen politischen Konflikten im Nahen Osten - die solche Widersprüche begünstigen - wird Ramelow mit seiner Reise nichts ändern können. Da gibt sich auch Adams keinen Illusionen hin. Aber, sagt Adams, Ramelow und seine Delegation könnten immerhin die wertvollen deutsch-israelischen Beziehungen weiter pflegen. Ramelow selbst hat sich das vorgenommen. Der Besuch in Israel spanne „den weiten Bogen von der Bewahrung der Erinnerung bis zur Gestaltung der Zukunft“, sagt er.