Erfurt - Abdalrhmmans Flucht nach Deutschland dauerte 55 Tage. «Es war hart», sagt der junge Syrer, der wie viele seiner Landsleute den Weg über die Türkei, Ungarn und Österreich nahm, um dem Krieg in seinem Heimatland zu entkommen. Der 25-Jährige ist einer von mehr als 1000 Flüchtlingen, für die zunächst in den Erfurter Messehallen notdürftig ein Quartier eingerichtet wurde. Trotz der wenig einladenden Atmosphäre, die von den provisorisch aufgestellten Bett- und Tischreihen ausgeht, ist Abdalrhmman glücklich: «Ich fühle mich willkommen hier.» Seit in dieser Woche die ersten Flüchtlinge auf dem Messegelände eintrafen, reißt die Welle der Hilfsbereitschaft nicht ab.
«Es ist umwerfend, was hier momentan geleistet wird», zeigt sich Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) angesichts der vielen Freiwilligen und Spenden beeindruckt. Ramelow sowie Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne) machten sich am Freitag vor Ort ein Bild über die Lage. Was die Helfer und Hauptamtlichen in Erfurt stemmten, sei nicht mit Geld aufzuwiegen und mit Anerkennung gar nicht hoch genug einzuschätzen, lobt Ramelow. «Das ist ein anderes Ostdeutschland und eine andere Antwort als brennende Häuser.»
Immer wieder bringen Erfurter Kartons und Taschen mit Kleidung, Schuhen oder Windeln zur Messe. Helfer sortieren die Sachen, betreuen die Kinder in einer eigens abgetrennten Spielecke oder übersetzen. «Wenn wir die ehrenamtlichen Dolmetscher nicht vom ersten Tage an gehabt hätten, wären wir hoffnungslos verloren gewesen», gesteht Marion Krüger vom Landesverwaltungsamt, die die Notunterkunft leitet. Auch viele Lehrer meldeten sich mit dem Angebot für Deutschstunden.
Die Flüchtlinge in den beiden Messehallen kommen aus Syrien, Afghanistan, Bangladesch, Somalia oder Nigeria. Der Großteil sind junge Männer, aber auch Familien mit Kindern haben auf der Messe ein Dach über dem Kopf gefunden. «Die Kinder sind von der langen Reise entkräftet, haben Infekte, Durchfall oder Erbrechen», berichtet Kinderärztin Sabine Tröster. Insgesamt mussten bisher mehr als 150 Menschen medizinisch betreut werden, 16 kamen ins Krankenhaus.
Trotz aller Improvisation ist in der Kürze der Zeit auf dem Messegelände so etwas wie Normalität eingekehrt. Die Flüchtlinge werden provisorisch registriert, im Freien stehen Dusch- und WC-Container, es gibt eine Essensausgabe; zwischendrin spielen zwei Jungen Federball, ein Mädchen saust mit einem Roller durch die Halle. Bis zu 3000 Menschen können in der Messe untergebracht werden. Wie viele Flüchtlinge tatsächlich noch kommen und wie lange die Messehallen als provisorische Unterkunft dienen, ist derzeit unklar.
Thüringen hat inzwischen acht Not- und Erstaufnahmeunterkünfte eingerichtet - und sucht nach weiteren Hallen und Kapazitäten im Land. «Wir wissen nicht, wie viele Flüchtlinge noch kommen und wie viel Hilfe wir organisieren müssen», beschreibt der Regierungschef das Dilemma. «Wir wären froh, wenn wir nur ansatzweise eine Reaktionszeit hätten, um uns vorbereiten zu können», sagt Ramelow mit Blick auf die vielen unregistrierten Flüchtlinge, die derzeit unterwegs sind. In einem Punkt ist sich der Ministerpräsident jedoch ganz sicher: «Die humanitäre Nothilfe in Thüringen wird nicht am Geld scheitern.»